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25/09/2018 14:18 CEST | Aktualisiert 25/09/2018 16:13 CEST

"Ich saß 18 Jahre unschuldig in der Todeszelle – jetzt ist jeder Tag ein Albtraum"

Seitdem ich frei bin, lebe ich jeden Tag im Terror.

Oben im Video seht ihr eine ähnliche Geschichte. 16-Jähriger saß drei Jahre im wohl gefährlichsten Gefängnis der USA – obwohl er nie eines Verbrechens verurteilt wurde.

Dieser Text basiert auf einem Vortrag von Damien Echols. Der 45-jährige Amerikaner wurde 2011 aus dem Todestrakt entlassen.  Über seine Zeit im Gefängnis schrieb er das Buch “Mein Leben nach der Todeszelle”. Sein neues Buch erscheint im Oktober. 

Als ich im Todestrakt ankomme, beschliessen die Wärter, mich in einen Teil des Gefängnisses zu bringen, den sie “das Loch” nennen.

Es handelte sich um einen kleinen, dunklen und verdreckten Teil des Gefängnisses, isoliert von den anderen Zellen. Für die nächsten 18 Jahre sollten die Wärter mich dort immer wieder windelweich prügeln.

Sie kamen immer um 12 Uhr nachts, fesselten mich an ein Zellengitter und verprügelten mich mit Schlagstöcken. Einmal schlugen sie so heftig zu, dass ich anfing, Blut zu pinkeln. Manchmal wache ich noch immer auf, weil ich träume, Blut zu urinieren.

►Die Gefängniswärter folterten und hungerten mich aus.

The Moth
Damien Echols erzählt, was er 18 Jahre lang in einer Todeszelle erlebt hat.

Sie töteten mich nicht, weil sie wussten, dass sie beobachtet werden

Irgendwann erfuhren die anderen Gefangenen von den Taten der Wärter. Daraufhin gingen sie zu einem Diakon der katholischen Kirche, der regelmäßig ins Gefängnis kam, um unter anderem Beichten abzunehmen, und erzählten ihm, was passiert war.

Der Diakon ging zu dem Gefängnisdirektor und sagte: “Ich weiß, was sie dem Mann antun. Ich weiß, dass sie ihn töten. Wenn das nicht aufhört, gehe ich an die Öffentlichkeit.”

An diesem Abend nahmen sie mich aus dem Loch und brachten mich in eine klassische Gefängniszelle. Die anderen Gefangenen sagten mir später, dass sie dachten, dass man mich irgendwann in einem Leichensack aus der Zelle transportieren würde.

Ich denke, sie haben mich nicht getötet, weil sie wussten, dass sie beobachtet werden. 

Als ich noch ein Kind war, war meine Familie sehr arm. Als wir dann endlich auf einen Campingplatz mit fließendem Wasser und Strom gezogen waren, dachten wir, wir hätten es geschafft. Bücher waren damals ein Zufluchtsort für mich.

Das Lesen erlaubte mir für einen kurzen Moment aus meinem Leben zu entfliehen. Weil ich mich damit am sichersten fühlte, trug ich irgendwann nur noch Schwarz und hatte sehr wenige Freunde.

Ich soll drei Kinder umgebracht haben 

Ich, mein Freund Jason, meine Schwester und meine Freundin saßen im Wohnzimmer meiner Eltern, als die Polizei eines Abends gegen die Tür schlug. Als ich die Tür öffnete, richteten Polizisten ihre Waffen auf mich.

Die Beamten stürmten in den Raum und durchsuchten jeden Millimeter meines Elternhauses. Sie legten Jason und mir Handschellen an und fuhren uns ins Gefängnis. 

Die ganze Nacht saß ich in einer Zelle, die so groß war wie ein Kleiderschrank. Ich durfte nicht auf die Toilette, bekam nur wenig zu trinken. Hin und wieder kam ein Beamter, um ein Geständnis aus mir herauszubekommen. Am nächsten Tag kam es zur Anhörung.

Die Anklage: Mord. Ich soll drei Kinder als Teil eines satanistischen Rituals getötet haben. Im Gericht sagte man mir, dass bereits jemand gestanden hatte. Das Geständnis las jedoch niemand vor. 

Das Urteil: Dreimal Todesstrafe 

Ich war gerade einmal 18 Jahre alt und war schockiert und traumatisiert. Mein Leben wurde zerstört. Aber selbst, als ich dann doch noch einen Auszug des  Geständnisses lesen durfte, merkte ich, dass damit etwas nicht stimmen konnte.

Es stellte sich heraus, dass die Beamten einen geistig Behinderten aus meiner Nachbarschaft zwangen, ein Geständnis abzulegen. Dieser Junge beschuldigte uns – mich und Jason.

Ich dachte immer: “Die können dich doch nicht für etwas einsperren, das du nicht getan hast.” Aber sie taten es. 

Der Prozess begann. Die Beweise, die meine Schuld belegen sollten: die Stephen-King-Romane, die ich las. Die Musik, die ich hörte und die schwarzen Klamotten, die ich trug. 

Dann das Urteil: Dreimal Todesstrafe. 

DNS-Beweise reichten nicht für eine Freilassung

Mein Gefühl nach dem Urteil war kaum in Worte zu fassen. Es hat sich angefühlt, als würde mir jemand unaufhörlich gegen den Kopf schlagen. 

Als ich bereits eine Woche in der Todeszelle war, sah ich einen Schatten an der Wand. Er war von dem vorherigen Zellenbewohner, der bereits exekutiert worden war. Mit einem Bleistift hatte er seinen Körperumriss nachgezeichnet. 

Ich bekam das nicht mehr aus dem Kopf: Jahrelang schlief ich auf der Matratze eines Toten, sah den Schatten eines Toten.

Ich legte immer wieder Berufung ein. Vor demselben Richter, der mich verurteilte. Natürlich lehnte er jede einzelne ab.

Ein DNS-Abgleich mit den Spuren am Tatort bewies, dass ich unschuldig war. “Das ist nicht genug”, sagte der Richter.

Vor einem Gericht im US-Bundesstaat Arkansas legte ich erneut Berufung ein. Diesmal war das öffentliche Interesse um meinen Fall bereits stark gewachsen.

Es gab zahlreiche Bücher und Dokumentationen über den Fall. Das Gericht wusste also, dass es unter Beobachtung stand. 

Jeder Tag ist eine Qual

Die neuen DNS-Beweise wurden nun also angehört und analysiert. Die Ankläger wussten, dass es einen neuen Prozess geben musste. Schließlich bekam ich ein Angebot.

Den sogenannten Alford plea – ein Schuldig-aber-unschuldig-Bekenntnis. Demnach müsste ich mich zum Mord nicht schuldig bekennen, aber anerkennen, dass es genügend Beweise gebe, die einen Schuldspruch rechtfertigen würden.

Der Ankläger sagte später, ein Grund dafür, dass er mir und Jason dieses Angebot machte, war, weil er wusste, dass wir den Staat für umgerechnet 50 Millionen Euro verklagen könnten.

Ich nahm das Angebot an und durfte aus dem Gerichtssaal heraus spazieren. An dem Tag dachte ich nichts. Mein Gehirn war leer. Ich wollte danach einfach meine Ruhe. Innerlich fing ich an zu sterben.

Meine Gesundheit verschlechterte sich rapide. Ich verlor langsam mein Augenlicht und wusste, ich würde nicht mehr lange leben.

Seitdem ich aus dem Gefängnis raus bin, lebe ich jeden einzelnen Tag in einem Albtraum. Ich habe ständig Angst vor allem. Ich versuche mich irgendwie durchzukämpfen, muss mich jeden Tag dazu zwingen, aufzustehen. 

Irgendwann werde ich es schaffen. Irgendwann werde ich frei sein. Denn eines habe ich in 18 Jahren Gefangenschaft gelernt: Ich habe gelernt zu kämpfen.

Dieser Artikel erschien zuerst in der HuffPost UK und wurde aus dem englischen von Nicole Rabicki übersetzt.  

(ben)