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11/02/2019 16:28 CET | Aktualisiert 12/02/2019 10:06 CET

An alle, die sich darüber aufregen, dass ich auf 7qm lebe

Ihr wisst euren Lebensstandard gar nicht mehr zu schätzen.

HuffPost Deutschland

Ein 1,40 Meter breites Bett. Daneben eine Garderobenstange mit bunten und teils glitzernden Kleidern. Ein schmales Regal. Eine alte Kommode, vom Sperrmüll gerettet – darauf kreuz und quer Bücher gestapelt. An den Wänden ein paar alte Fotos aus dem Second-Hand-Shop. Die Glühbirne baumelt nackt von der Decke.

Eigentlich ein ganz normales Zimmer.

Bis auf die Kacheln an den Wänden.

Und die Waschmaschine vor dem Bett.

Und es ist sehr, sehr klein – sieben Quadratmeter, um genau zu sein.

Und ja, tatsächlich wohne und schlafe ich in diesem Zimmer. Wer das erfährt, drückt mir gerne mal einen blöden Spruch – von wegen, wie ich denn so beengt leben könne. Dann auch noch mit einer Waschmaschine im Zimmer, furchtbar. Ob ich denn wenigstens ein Fenster hätte? (Ja, klar).

Allen Menschen, die hoffnungslos durch ihre riesigen Wohnungen irren, regelmäßig auf den kilometerlangen Distanzen zwischen Küche und Bad verloren gehen, sinnlosen Platz mit hässlichen Malms, Ivars und anderen Kreaturen aus der Ikea-Welt vollstellen, nicht nur, um die Leere des Wohnzimmers, sondern auch die der eigenen Seele zu füllen, möchte ich sagen: Ihr seid einfach nur verwöhnt und wisst euren Lebensstandard gar nicht mehr zu schätzen.

Nachdem ich von meiner Weltreise zurückkam, brauchte ich dringend eine Wohnung

Ich bin in meinem Leben schon häufig umgezogen und habe in allen möglichen Konstellationen und Wohnungen gelebt: ob allein, mit Fremden, Kumpels oder dem Freund zusammen; ich hatte riesige, moderne Zimmer und kleine Kammern, mit und ohne Heizung, mit und ohne Tür – da war alles Erdenkliche schon dabei. Wohnraum in München, wo ich lebe, ist eben teuer und begehrt, da ist manchmal etwas Kreativität gefragt.

Nachdem ich mein 25-Quadratmeter-Apartment samt Möbeln aufgegeben habe, um mehrere Monate lang um die Welt zu reisen, musste ich mir nach meiner Rückkehr die gefühlt 348. Wohnung in München suchen. Ein Glück, dass ein Freund in seiner WG noch ein Zimmerchen frei hatte. Also eigentlich kein richtiges Zimmer. Aber in die Waschküche würde noch ein Bett passen. Für 150 Euro im Monat könnte ich einziehen. 

Mehr zum Thema:Ich habe alles aufgegeben, um die Welt zu bereisen

(Können wir an dieser Stelle kurz den Fakt würdigen, dass man selbst in München noch “Wohnraum” für 150 Euro findet? Ich weiß, es handelt sich um eine Waschküche, aber trotzdem – ich kenne Menschen, die für ein WG-Zimmer von sechs Quadratmetern in Schwabing schon 400 Euro gezahlt haben.)

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich viel Auswahl und ich muss zugeben, meine Motivation, auf Teufel komm raus noch eine größere und schickere Wohnung zu suchen, hielt sich in Grenzen. Dann eben die Waschküche.  

Das Leben auf 7 Quadratmetern bringt eine Menge Vorteile mit sich

Ich habe bald gemerkt, dass das Leben auf sieben Quadratmetern eine ganze Menge Vorteile bietet: 

► Man muss nicht so viel aufräumen und putzen. Staubsaugen zum Beispiel dauert geschlagene 30 Sekunden. 

► Man häuft nicht so viel unnötigen Kram an – weil er nicht ins Zimmer passt. Jedes weitere Buch, jede weitere Klamotte könnte mögliche Fluchtwege zwischen Bett und Tür versperren. 

► Die Waschmaschine ist eine prima Ablagefläche. 

► Irgendwie ist es gemütlich, abends in so einem kleinen Zimmer zu liegen. Das erinnert ein wenig an die Höhlen aus Regenschirmen und Decken, die ich als kleines Kind immer gebaut habe.

► Mal ganz ehrlich – wie viel Zeit verbringe ich realistisch in meinem Zimmer? Tagsüber arbeite ich, treffe Freunde, gehe zum Sport. Abends bin ich meist in unserer großen Küche. Da reicht doch ein Schlafzimmer, das nur unwesentlich größer ist als mein Bett.

Wer allerdings erfährt, wie ich lebe, schafft es meist kaum, sich einen mindestens verwunderten, wenn nicht sogar abfälligen Kommentar zu verkneifen: “Da ist ja aber doch total beengend und so, so zu leben, oder?” “Dann noch mit der Waschmaschine, voll krass.” “Und das mit den Kacheln ist ja auch mega strange – ein bisschen so, als würde man in der Folterkammer schlafen.”

Und es gibt natürlich auch ein paar Nachteile. Vor kurzem musste ich nach meinem Mitbewohner rufen, weil ich etwas unter dem Bett hervorziehen wollte und dabei unglücklich, mit dem Kopf voran, unters Gestell rutschte. Wenn sowas passiert, ist alles vorbei. In so einem kleinen Zimmer gibt es dann kein Drehen und kein Wenden. Man steckt fest wie der Käsespieß im Mettigel. Mein Mitbewohner musste mich an den Füßen herausziehen, mein Hund lag verzweifelt daneben, offensichtlich fest davon überzeugt, dass Frauchen von nun an unter dem Bett leben würde.

Mehr zum Thema: Achtsamkeit: Wir haben ein Dankbarkeits-Tagebuch geführt – das hat es mit uns gemacht

An die Besser-Wohner: Andere Lebensstile sind nicht minderwertig

Aber trotzdem will ich euch Besser-Wohnern und Motz-Mietern mal eins sagen: Nur, weil ihr euch einen anderen Lebensstandard gesetzt habt, ist der von anderen Leuten nicht automatisch minderwertig. Das gilt übrigens nicht nur für Wohnraum, sondern für jegliche Lebenslage. Größer, teurer, neuer ist nicht immer besser und auch nicht für jeden Menschen auf der Welt erstrebenswert – und übrigens auch nicht selbstverständlich für jeden.

Vor allem während meiner Reisen habe ich viele Einblicke bekommen, wie andere Menschen leben – Aussteiger, die in Wohnwägen hausen, Studenten, die sich zu dritt ein Zimmer teilen, Familien, die auf 30 Quadratmetern leben. In anderen Ländern herrschen andere Standards, und auch dort kommen die Menschen irgendwie durch den Tag (und durch die Nacht), ohne mit ihrer Lebenssituation grundsätzlich unzufrieden zu sein. 

Nun kann man natürlich sagen: “Das ist in Deutschland aber nicht so. Und du bist ja auch nicht darauf angewiesen, in nur so einem kleinen Zimmer zu wohnen. Du kannst dir doch was Größeres und Besseres leisten.”

Klar kann ich das. Aber vielleicht will ich das nicht. Oder zumindest wollte ich das in den letzten eineinhalb Jahren nicht. Vielleicht war ich angesichts meiner Lebensumstände gerade zufrieden mit meiner Waschküche. Vielleicht habe ich es nicht eingesehen, den Münchner Miethaien mein Geld in den Rachen zu werfen, nur um euren Standards zu genügen. Vielleicht habe ich bei meinen Reisen gelernt, mit wie wenig man eigentlich auskommen und trotzdem zufrieden sein kann. 

Und überhaupt: Was wollt ihr eigentlich mit so viel Platz in der Wohnung? Ein Tipi bauen? Ein Rad schlagen? Geht doch einfach raus, wenn ihr mehr Raum braucht.

Jeder sollte so wohnen dürfen, wie es ihm gefällt

Am Ende sollte doch idealerweise jeder so leben, wie es seinen Bedürfnissen entspricht. Sofern die finanziellen Mittel das decken. In Deutschland sind wir vielleicht nicht mit dem günstigsten, aber dafür meist recht hochwertigem Wohnraum gesegnet. Ausnahmen gibt es natürlich immer – aber im Großen und Ganzen lässt es sich hier leben. 

Ich will übrigens nicht für immer auf sieben Quadratmetern wohnen bleiben. Jede Lebenssituation erfordert ihren passenden Lebensraum – und in den letzten eineinhalb Jahren war das eben eine Waschküche für mich. Der nächste Umzug naht schon.

Jetzt hätte ich ja gerne die 50-Quadratmeter-Wohnung im Prenzlauer Berg in Berlin. Bitte mit Wanne, gerne auch Balkon. Haustiere sollten erlaubt sein. Wer was weiß, bitte melden unter community@huffpost.de.

(tb)