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27/06/2018 12:03 CEST | Aktualisiert 27/06/2018 22:50 CEST

Kunden entscheiden, wie viel sie bezahlen – das habe ich über unsere Gesellschaft gelernt

Ich arbeite nur noch, weil ich es will und weil ich jemand anderem damit helfe.

Ideenbrand Langenhagen / Getty
Ute Schulze arbeitet weniger als früher und lässt ihre Kunden entscheiden, ob und wie viel sie ihr bezahlen.

30 Jahre lang habe ich im Vertrieb gearbeitet. Mal 30.000 Euro im Jahr verdient, mal 80.000 Euro. Und immer ging es vor allem um Leistung, Antrieb, Zahlen.

Irgendwann bin ich krank geworden und nicht wieder gesund. Also habe ich etwas beschlossen: Ich will in mich selbst investieren.

Für zwei Jahre habe ich mir verordnet, ohne Druck und ohne Ziel zu leben. Aber ich wollte nicht von Sozialleistungen leben. Stattdessen habe ich einen Teil meiner Altersvorsorge aufgelöst. Gearbeitet habe ich die ganze Zeit. Aber: ohne etwas damit zu verdienen.

In den zwei Jahren habe ich vor allem eine Sache zurückgewonnen: Kreativität. Ich habe zum Beispiel TV-Konzepte entwickelt, TV-Sendern angeboten und viel dabei gelernt. Und ich habe mir mit der Zeit ein Netzwerk aufgebaut, mich bei Twitter angemeldet und mit den unterschiedlichsten Themen beschäftigt.

So bin ich auf das Thema New Work gestoßen und habe angefangen, mich ehrenamtlich zu engagieren.

Wer nichts zahlen kann, der muss auch nicht

Inzwischen arbeite ich wieder, freiberuflich, als Social-Media- und Community-Managerin für soziale Organisationen und Unternehmen. Das Besondere: Ich lasse die Unternehmen selbst entscheiden, ob und wie viel sie mir für meine Arbeit zahlen.

Ich fordere von niemandem ein Honorar. Wer nichts zahlen kann, der muss auch nicht – wie zum Beispiel NGOs und Social Entrepreneurs.

Die Arbeit, für die ich am Ende Geld bekomme, macht im Schnitt etwa 20 Stunden in der Woche aus. Verbleibende Zeit wende ich für ehrenamtliches Engagement oder für mich, meine Familie, meine Freunde und meine Nachbarn auf.

Ich mache keinen Unterschied mehr zwischen Arbeitszeit und Freizeit. Für mich ist das alles Lebenszeit, die ich nicht trenne.

Wenn ich es in einer Struktur fassen müsste, würde ich sagen: Mein Arbeitsmodell ist 20-10-10. 20 Stunden Erwerbsarbeit, 10 Stunden gemeinnützige Arbeit im Ehrenamt und 10 Stunden zum eigenen Ressourcenerhalt.

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Ich mache keinen Unterschied mehr zwischen Arbeitszeit und Freizeit. Für mich ist das alles Lebenszeit, die ich nicht trenne.

Denn Arbeit ist im Grundkern ja dafür gedacht, dass ich existieren kann. Und 20 Stunden in der Woche genügen, dass ich finanziell davon existieren kann. Unterm Strich – das schwankt natürlich sehr – komme ich auf 1400 Euro brutto im Monat.

Das Geld reicht mir, weil ich freiwillig meinen Lebensstil minimiert habe und keine Angst davor habe, was alles passieren könnte.

Bislang hatte ich immer genügend Geld zum Leben. Die Frage nach der Sicherheit oder dem Grundeinkommen stelle ich mir gar nicht. Ich lebe so bereits im zweiten Jahr – und es funktioniert.

Ich zahle wie jeder andere Sozialversicherungsbeiträge, falls ich erkranken sollte, und habe in den 30 Jahren zuvor bereits hohe Beiträge eingezahlt.

Urlaub ist oft nicht mehr als Schadensersatz

Ich wollte herausfinden, was ich wirklich brauche. Und der Punkt ist: Wenn du glücklich arbeitest, brauchst du auch diesen ganzen Schadensersatz nicht.

Urlaub zum Beispiel ist oft nicht mehr als Schadensersatz. Schadensersatz dafür, was du auf der Arbeit aushalten musst. Oder auch abends in ein Restaurant gehen, weil du einen harten Arbeitstag hattest. Auch das trägt diesen Belohnungsgedanken in sich.

Ich nehme mir jeden Tag die Zeit, selbst zu kochen. Trinke am Nachmittag mal einen Kaffee mit den älteren Damen in meiner Nachbarschaft, deren Kinder gut bezahlte Jobs haben und irgendwo in Deutschland verstreut leben. Ich wechsele ihnen auch mal die Glühbirnen oder schaue nach dem Fernseher, wenn sie sich beim Staubwischen die Sender verstellen.

Ich will Menschen Zuversicht geben, dass es auch anders geht. Dass keiner Angst haben muss, etwas zu wagen.

Einer sechsköpfigen syrischen Familie helfe ich zum Beispiel auch bei ihren Alltagsherausforderungen und es hat sich eine gute Freundschaft daraus entwickelt.

Manche finden mein Lebensmodell inspirierend, lassen sich zum Nachdenken anregen. Das macht mich froh, ich will Menschen Zuversicht geben, dass es auch anders geht. Dass keiner Angst haben muss, etwas zu wagen.

Aber natürlich bin ich auch immer wieder mit Kritik konfrontiert. Weil ich so wenig verdiene, zahle ich kaum Steuern. Einige beschimpfen mich deshalb als Sozialschmarotzerin.

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Wenn das jemand so sehen will, sieht er das so. Wenn jemand Fragen stellt, bekommt er Antworten. 

Die Gesellschaft braucht beides: Steuergelder und Ehrenamt

Ich für mich selber sehe das so: Dadurch, dass ich weniger dafür arbeite, Geld zu verdienen, investiere ich mehr Zeit in ehrenamtliches Engagement. Damit unsere Gesellschaft und der Sozialstaat funktionieren, brauchen wir beides: Steuergelder und Ehrenamt.

Oft höre ich auch Sprüche wie: “Ja, so viel Zeit wie du hätte ich auch gerne.”

Ich sage dann: Ich habe diese Zeit nicht, ich nehme sie mir.

Ihr wollt euren Arbeitsalltag auch verändern? Dann kann ich euch vor allem einen Ratschlag geben: Wählt nicht meinen Weg.

Ich arbeite nur noch, weil ich es will und weil ich für jemand anderen einen Mehrwert erzielen möchte.

Findet euren eigenen, aber ohne bewusst danach zu suchen. Lasst das Leben, euer eigenes Leben, wieder mehr auf euch zukommen.

Ich arbeite nur noch, weil ich es will und weil ich jemand anderem damit helfe. Und nicht, um Geld zu verdienen.

Ich biete Menschen mein Können an, in Dingen, die ihnen Zeit sparen, die sie vielleicht selbst nicht können, bringe mein Netzwerk mit.

Meine Arbeit macht für mich Sinn, solange ich etwas für jemanden tue, der das selbst nicht kann.

Wer mir dafür etwas geben kann – super. Wer nicht: auch in Ordnung.

Das Wichtigste ist Vertrauen

“Ich könnte dich ja jetzt ausbeuten”, sagen dann manche. Ich erwidere dann: “Dann versuch es bitte.” Niemand versucht es dann mehr.

Jeder versteht in diesem Moment, dass es um Vertrauen geht. Sich vertrauen bedeutet für mich auch, sich wieder mehr auf die positiven Dinge zu konzentrieren.

Unsere Gesellschaft und vor allem die Arbeitswelt bauen nicht auf Vertrauen auf, sondern auf ein System von Command and Control.

Alles im System ist darauf ausgerichtet, dass jemand etwas Schlechtes tun könnte. Und dafür müssen alle, die vertrauenswürdig sind, bluten.

Jeder von uns gibt einen Teil für den anderen – das ist Arbeit.

Ich habe gemerkt: Wenn ich Beziehungen – privat oder geschäftlich – auf Vertrauen aufbaue, achten wir alle viel mehr aufeinander. Und wenn es Vertrauen und Transparenz gibt, handelt jeder verantwortungsvoll.

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Viele Erwerbsarbeiter sind allerdings unmündige Arbeiter, die kontrolliert werden – und denen Verantwortung aus den Händen genommen wird.

Die meisten reden nur über Erwerbsarbeit. Aber Arbeit ist auch, die Straße zu fegen, alten oder kranken Menschen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen oder Kinder zu erziehen. Jeder von uns gibt einen Teil für den anderen – das ist Arbeit.

Und dafür müssen wir nicht alle wie bescheuert im Hamsterrad drehen, in Jobs, die uns keinen Spaß machen, die eigentlich keinen Sinn machen, keinen Mehrwert für uns, andere, die Gemeinschaft bieten. Und uns krank machen.

Gesund und zufrieden zu sein und mehr Zeit füreinander zu haben, das ist doch das wertvollste Ziel, das wir gemeinsam erreichen können. Das ist der wahre Reichtum.

Der Text basiert auf einem Gespräch zwischen Uschi Jonas und Ute Schulze.

(jds)