POLITIK
20/06/2018 09:50 CEST | Aktualisiert 20/06/2018 11:04 CEST

"Ich konnte als Französin nie anders, als mich in Deutschland wohlzufühlen"

Babeth Sohler erzählt von ihrer Einwanderung nach Deutschland.

privat
Babeth Sohler war 19 als sie nach Frankfurt zog.

Wo sind Sie geboren und wann und warum sind Sie nach Deutschland gekommen?

Geboren bin ich in Grenoble in Frankreich und bin eigentlich nach Deutschland gekommen, um Deutsch zu lernen. Nach dem Abitur hatte ich in Frankreich ein Jahr Englisch und Deutsch studiert. Aber irgendwie gefiel mir das Studium nicht.

Ich beschloss, lieber ein Jahr in Deutschland und ein Jahr in Großbritannien zu leben, und dann wieder zurück nach Frankreich zu gehen. Doch es kam anders.

Mit 19 bin ich nach Frankfurt gezogen – und nie wieder aus Deutschland weggegangen. Das ist jetzt 45 Jahre her. 

Ich konnte gar nicht anders, als mich von Anfang an sehr wohl zu fühlen.

Wie war Ihre Ankunft, das erste Jahr in Deutschland? 

Am Anfang war alles fremd für mich. Die Art der Deutschen zu leben, zu denken und zu reagieren hat sich für mich doch sehr von meiner französischen Heimat unterschieden. Auch die Essgewohnheiten. Die Unterschiede waren tatsächlich viel enormer, als ich zuvor gedacht hatte.

Aber insgesamt war es für mich einfach anzukommen. Vor allem weil ich Französin bin. Überall, wo ich hinkam, sagten die Menschen zu mir: ‘Ach, Sie sind Französin? Das ist aber toll. Wir lieben Frankreich’.

Die Deutschen gehen gerne nach Frankreich in den Urlaub, lieben die Sprache, unseren Akzent und die französische Kultur.

Ich bin immer positiv und herzlich aufgenommen worden und konnte gar nicht anders, als mich von Anfang an sehr wohl zu fühlen. 

 

Warum sind Sie sie in Deutschland geblieben?

Eigentlich wollte ich für ein Jahr als Au-Pair bleiben. Aber irgendwie habe ich keine Stelle gefunden, die gepasst hab. Ich hatte aber inzwischen einen Deutschen kennen gelernt, der in einem Hotel in Frankfurt in der Sicherheitsabteilung arbeitet. Der besorgte mir dann einen Job. Letztendlich habe ich dann dort ein Jahr lang am Empfang gearbeitet. Das hat mir sehr dabei geholfen, mein Deutsch zu verbessern. 

Es gab keinen Grund, zurückzukehren.

Im Anschluss bin ich für zwei Jahre nach Heidelberg und habe eine Sprachschule besucht, bevor ich letztendlich ein Studium als Übersetzerin begonnen habe. 

Über die Jahre wurde mein Bekanntenkreis immer größer, es fiel mir nicht schwer, die Sprache zu lernen, ich habe mich immer wohler gefühlt und bin in Deutschland geblieben. Es gab keinen Grund, zurückzukehren.

Was unterscheidet Deutschland und Frankreich? 

Vieles im Lebensstil unterscheidet sich. Wir Franzosen sind zum Beispiel viel spontaner. In Frankreich klingelt man einfach bei Freunden, ohne sich vorher anzukündigen oder eingeladen zu werden – in Deutschland würde ich das nie machen.

Franzosen sind spontaner und kommunikativer – Deutsche gewissenhafter und weniger egoistisch

Auch sind die Menschen in Frankreich kommunikativer, sprechen viel mehr mit Fremden auf der Straße oder im Supermarkt – auch wenn es manchmal oberflächlich ist. Diese Mentalität fehlt mir in Deutschland manchmal, aber ich habe mich daran gewöhnt.

Aber es gibt auch viele Dinge, die ich an Deutschland mag. Zum Beispiel die Gewissenhaftigkeit, die Einstellung zum Arbeiten und gewisse Werte, die viel ausgeprägter sind. In Frankreich sind die Menschen viel egoistischer. 

  • Frankreich im Jahr 1973: Frankreich und Großbritannien unterzeichnen ein Abkommen über Bau und Betrieb eines Tunnels unter dem Ärmelkanal.
  • Deutschland im Jahr 1963: Die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik werden per Akklamation als 133. und 134. Mitglied in die Vereinten Nationen aufgenommen.

Wie ist Ihr Blick auf Deutschland heute? 

Seit meinem ersten Jahr in Deutschland hat sich natürlich enorm viel verändert. Das Land ist viel offener geworden. In meinen ersten 20 Jahren in Deutschland gab es noch kaum Ausländer. 

Manchmal könnten die Deutschen lockerer und spritziger sein und nicht immer alles so ernst nehmen.

In Frankreich waren wir ‘Fremde’ hingegen schon viel länger gewohnt – das liegt wohl vor allem an der Zuwanderung aus den französischen Kolonien.

Inzwischen ist es auch in Deutschland normal, dass Menschen aus aller Welt hier leben.

Was würden Sie den Deutschen gerne mal sagen?

Und es ist toll, wie sehr man sich auf die Deutschen verlassen kann und wie viel Respekt sie anderen und Fremden entgegenbringen. Das ist viel ausgeprägter als in vielen südeuropäischen Ländern.

Aber manchmal könnten die Deutschen auch ruhig ein wenig lockerer und spritziger sein und nicht immer alles so ernst nehmen. 

(amr)

1970 bis 1979