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18/02/2018 18:56 CET | Aktualisiert 20/02/2018 15:34 CET

"Ich kämpfe, damit Du übersetzen kannst.“

ullstein bild via Getty Images
Jurko Prochasko

Beim Kiewer Dialog in Leipzig ging es um die Kultur trotz Krieg

Die deutsche Öffentlichkeit ist an schlechte Nachrichten aus der Ukraine gewöhnt und das hängt natürlich mit dem Krieg im Donbass zusammen. Sieben Prozent des ukrainischen Territoriums sind besetzt.

Dazu gehört auch die Krim. Unter dem Arbeitstitel „Kultur trotz Krieg“ hatten sich vergangene Woche im Leipziger Zeitgeschichtlichen Forum dazu Protagonisten und Multiplikatoren der Deutsch-Ukrainischen Kulturbeziehungen versammelt, um einmal herauszufinden, wie es denn steht um die Kulturlandschaft der Ukraine seit der Euromaidan-Revolution und dem Konflikt in der Ostukraine.

Andreas Herrmann

Plattform dazu ist der „Kiewer Dialog“ - eine überparteiliche und unabhängige Plattform für die Vertiefung und Verstetigung des Dialogs zwischen der Ukraine und Deutschland. Der Kiewer Dialog entstand nach der Orangen-Revolution in der Ukraine und arbeitet mit regionalen Kooperationspartnern in Charkiw, Odessa, Dnipro und Cherkasy zusammen.

Dass der Veranstaltungsort dabei auf Leipzig fiel kam nicht von ungefähr. Reinhard Bohse vom EuropaMaidanLeipzig e.V. verwies in diesem Zusammenhang auf die Chancen friedlicher Revolution, wie sie einst in seiner Stadt stattfand.

Gerade oder trotz des Krieges sind zahlreiche Initiativen entstanden, die Menschen die Möglichkeit bieten, sich künstlerisch zu entfalten und kreativ auszudrücken. Die Schriftstellerin Victoria Amelina aus Lwiw informierte über viele Projekte, darunter das „Weihnachtsmosaik“.

Dabei haben in Staniza Lugansk im Kriegsgebiet Kinder Weihnachtslieder aus allen Regionen der Ukraine eingeübt und das Programm dann zum Beispiel in der Westukraine vorgetragen.

Stanislav Fedorchuk, Politikwissenschaftler, Publizist und Euromaidan-Aktivist in Donezk hat eine Anthologie der Schriftsteller im Donbass herausgegeben, von denen viele ihre Heimat verließen. Damit will er auch die Frage nach dem Umgang mit ihren Werken und nach den Möglichkeiten der Kultur im Krieg stellen.

Jurko Prochasko, Übersetzer, Essayist und Psychoanalytiker aus Lwiw plädiert dafür, mit Kultur gerade in Kriegsgebiete zu gehen und hat mit dem Titel „Eine Brücke aus Papier“ auch gleich den Arbeitstitel für ein Literaturfestival.

Allerdings mag der den Veranstaltungstitel „Kultur trotz Krieg“ nicht so richtig und auch das Pathos „wo Krieg ist, ist keine Kultur“ hält er für eine Vereinfachung der Wirklichkeit. Kultur sei eben auch das Ergebnis von Gewalt, sagt er und berührt damit das Thema russischer Hegemonie über das Mittel der Sprache.

Ob nun Russisch oder Ukrainisch - das ist im Donbass bestenfalls eine sekundäre Frage. Die heute prorussische Bevölkerung wollte eigentlich nur, dass das in ihrer Heimat erwirtschaftete Geld auch dort bleibt, sagt Victoria Amelina dazu.

Später seien dann aber auch Russen in Donezk vor den russischen Panzern geflohen. Leider kommen die aktuellen Reformbemühungen von Präsident Petro Poroschenko in Richtung Dezentralisierung zumindest für den Donbass nun wohl zu spät. „Amtssprache ist Ukrainisch, aber es gibt Gebiete in der Ukraine, wo Russisch die Amtssprache ist“, klärt Geschäftsführerin Stefanie Schiffer vom Kiewer Dialog auf und Victoria Amelina, deren eigene Muttersprache Ukrainisch ist, plädiert für das Ukrainische, weil „Ukrainisch schwach ist und man den Schwächeren helfen soll“.

Fazit: die russische Bevölkerung jedenfalls fühlt sich von Sprache nicht bedroht, davon geht keine Gewalt aus. Russisch wird in der Ukraine allerdings durchaus als Sprache des Aggressors angesehen, noch dazu wenn Kulturschaffende wie beispielsweise der Filmregisseur Oleh Senzow, der sich aktiv gegen die Okkupation der Krim engagierte, in russischen Gefängnissen sitzen.

„Ich kämpfe, damit Du übersetzen kannst“ - so ein Zitat, das Jurko Prochasko aus dem Dialog mit einem ukrainischen Soldaten im Donbass für sich mitnahm - lässt für eine friedliche Kultur trotz Krieg weiter hoffen.

Die staatlichen Gelder für Kultur hätten sich stabilisiert. Zum Beispiel gebe es jetzt ein Buchinstitut zur Verbreitung ukrainischer Literatur im Ausland nach dem Vorbild des Goethe-Instituts und eine ukrainische Kulturstiftung. Bisher, so Prochasko, haben sich alle außer dem Staat für Kultur eingesetzt, nun setzt sich auch der Staat dafür ein. Das lässt hoffen für die Kultur trotz Krieg und auch für die Kultur danach.