LIFE
15/11/2018 19:05 CET | Aktualisiert 15/11/2018 19:22 CET

Ich hielt meinen Freund für perfekt, bis er mir das Geheimnis in seiner Wohnung zeigte

Es erinnerte mich an eine grausame Fernsehzene.

"Ich fragte mich, was sein Geheimnis war."

Richard und ich lernten uns vor fast drei Jahren auf einer Buchparty kennen. Er hatte damals gerade seine langjährige Ehe beendet. Durch unsere gemeinsame Begeisterung für Mode fanden wir sofort einen Draht zueinander. Ich konnte mich an diesem Abend so offen mit ihm unterhalten, weil ich davon ausging, dass er schwul war.

Richard trug einen violetten Anzug von Lanvin, den er mit einer Blümchenkrawatte, einem Einstecktuch mit Tupfen und mit gestreiften Socken kombiniert hatte. Erst nach unserem dritten Date – bei dem er einen blauen Anzug mit Karomuster und rote Schuhe trug – wurde mir allmählich klar, dass er gar nicht mein modebewusster schwuler Freund, sondern mein stylischer
fester Freund werden wollte.

Unsere Beziehung entwickelte sich großartig. An den Wochenenden stöberten wir gerne durch Second-Hand-Läden. Und wenn ich beruflich verreisen musste, flog er mir hinterher. Er übernachtete oft mehrere Tage hintereinander in meiner Wohnung. Doch irgendetwas fehlte. Denn ich durfte ihn nie in seiner Wohnung
besuchen.

Ich fragte mich, was sein Geheimnis war

Ich fragte mich, was er wohl zu verbergen hatte. Eine zweite Familie, eine Vorliebe für Tierkörperpräparation, seine Mutter? Die Situation kam mir vor allem deshalb so merkwürdig vor, weil ein Mann mit einem so unglaublich guten persönlichen Stil doch mit Sicherheit in einer der schicksten Wohnungen leben musste.

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Es dauerte ziemlich lange, bis ich ihn dazu überreden konnte, mich zu sich nach Hause einzuladen. Er wich meinen Anfragen immer wieder aus oder vertröstete mich mit Plattitüden wie “Irgendwann einmal, mein Schatz.” Ich spürte, dass dies ein heikles Thema für ihn war. Und da ich unser Liebesglück nicht gefährden wollte, machte ich dieses Spielchen ein ganzes Jahr lang mit.

Bis mir irgendwann dann doch der Geduldsfaden riss. Ich hatte einen anstrengenden Tag vor mir, an dem ich mehrere Termine in Manhattan wahrnehmen musste. Da ich zwischendrin nicht immer wieder in meine Wohnung nach Brooklyn zurückfahren wollte, bat ich Richard, seine Wohnung nutzen zu dürfen. Richard begann, unruhig auf seinem Stuhl herumzurutschen.

Da wusste ich, dass er wieder einmal auf der Suche nach einer Ausrede war. In diesem Moment platzte mir der Kragen und ich verwandelte meine ursprüngliche Bitte in eine wütende Forderung. Dieses Mal gab Richard nach. Er erhob sich von seinem Stuhl, schnappte sich seinen Mantel und seine Tasche und erklärte, dass er “die Wohnung erst noch ein wenig aufräumen” müsse, wenn ich ihn am nächsten Tag besuchen wollte.

Wie in einer Fernsehsendung über Messies

Ich fragte mich, ob ich ihn jemals wiedersehen würde. Doch immerhin hatte ich seine Adresse. Also zumindest die Adresse, die er mir gegeben hatte. Als ich das Gebäude betrat, wurde ich von einem Portier begrüßt. Das war schon einmal ein gutes Zeichen. Ich fuhr mit dem Aufzug in den siebten Stock. Als ich ausstieg und den Gang entlang ging, tauchte plötzlich Richards Kopf in einem Türspalt auf.

“Bitte verurteile mich nicht”, flehte er mich leise an.

“Natürlich werde ich dich nicht verurteilen. Wie schlimm kann es denn schon sein?”, antwortete ich.

Ich betrat Richards Wohnung. Was ich dort vorfand, erinnerte mich an eine Szene aus einer Fernsehsendung über Messies. Richard hätte sich gar nicht den Kopf darüber zerbrechen müssen, was ich wohl dazu sagen würde. Denn es hatte mir ohnehin die Sprache verschlagen. Die Jalousien waren heruntergezogen und es brannte kein Licht.

Doch ich konnte selbst im Dunkeln noch erkennen, dass auf dem Boden kaum Platz war, weil überall unzählige Stapel voller Krimskrams herumstanden. Richard musste mich an der Hand durch das Chaos führen. Er brachte mich in seine kleine Küche, die wie die Küchenkulisse einer Laientheatergruppe aus den 80er-Jahren aussah. An der Wand hingen schiefe Küchenschränkchen aus
Holzlaminat. Ein Kühlschrank, der vermutlich einmal weiß gewesen war, war inzwischen grau.

Ich merkte, dass ich mich in einen Verrückten verliebt hatte 

Ich hatte mir eine Wohnung im Stil der 60er-Jahre-Serie “Mad Men” vorgestellt. Stattdessen musste ich mich nun mit der Tatsache abfinden, dass diese Wohnung einem Mann zu gehören schien, der tatsächlich verrückt war.

All das ergab für mich überhaupt keinen Sinn. Schließlich ging es hier um einen Mann, der seine Brillengestelle farblich auf seine Socken abstimmte. Um einen Mann, der Leopardenprint für eine neutrale Farbe hielt. Es ging um einen Mann, der mich darauf aufmerksam gemacht hatte, dass Rot mir gut stehen würde. Ich hatte damals über seinen Vorschlag nur gelacht. Bis ich dann in einem roten Kleid, das er für mich ausgesucht hatte, vor dem Spiegel herumwirbelte und es gleich am nächsten Tag auf einer Party anzog.

Es ging um einen Mann, der einen hervorragenden Geschmack hatte. Oder stimmte das etwa gar nicht?

Bei meinem ersten Besuch in dieser Lagerhalle, die eine Wohnung darstellen sollte, hielt ich es nicht länger als fünf Minuten aus. Doch ich bin kein Mensch, der schnell aufgibt. Am nächsten Tag kam ich wieder und stellte
meine erste Forderung, die nicht die letzte bleiben sollte: Ich bat Richard, das Licht anzuschalten.

Dann bekam ich das volle Ausmaß zu sehen 

Als ich das volle Ausmaß der Situation unter der flackernden Deckenlampe zu sehen bekam, wusste ich nicht wirklich, wie ich reagieren sollte. Ich war schockiert. Und auch Richard war erschrocken. Was sollte ich schon
dazu sagen? Schließlich gab es nichts, das ihm nicht auch bereits selbst bewusst gewesen wäre. Ich befand mich mitten in den qualmenden Ruinen einer zerbrochenen Ehe und einer exzessiven Einkaufssucht, die von Richards
diagnostizierter Zwangsstörung herrührte.

Außerdem stand ich vor einem riesigen Beziehungsproblem, von dem ich nicht wusste, ob ich es jemals lösen konnte. Wir schlossen die Wohnungstür ab und ich kehrte einen Monat lang nicht mehr dorthin zurück.

Menschen sind sehr anpassungsfähig. Und es stimmt, dass man sich mit der Zeit an alles gewöhnen kann. Nach und nach begann ich, hin und wieder mit Richard in seiner chaotischen Wohnung zu übernachten. Da ich in dem Durcheinander jedoch überhaupt nichts finden konnte, musste ich mich von vorne bis hinten von meinem Freund bedienen lassen.

Nach außen spielte ich die Verständnisvolle 

Richard schämte sich ständig dafür. Die Umgebung war unerträglich. Doch gleichzeitig war es schön, mir Kaffee und Sandwiches servieren zu lassen, während ich im Bett saß und auf meinem Laptop herum tippte. Diesen Platz hatte ich ausgewählt, weil es die einzige freie Fläche in der Wohnung war.

Nach außen spielte ich die Verständnisvolle. Innerlich feilte ich bereits an einem Plan. Ich brauchte nur die passende Gelegenheit, um mein hinterhältiges Vorhaben in die Tat umzusetzen. Und dieser Moment war gekommen, als Richard ankündigte, dass er die Stadt für einen Tag verlassen würde, weil er seine Familie besuchen wollte. Ich wusste, dass dies die Gelegenheit war, auf die ich gewartet hatte: Endlich konnte ich diesen grauenhaften Ort stundenlang für mich allein haben. Und außerdem hatte ich Zugang zu den Putzmitteln.

Mein Plan war zwar riskant, doch irgendjemand musste schließlich einmal den Bann brechen, der auf dieser Wohnung lag. 

Ich musste 45 Minuten nach dem Staubsauger suchen 

Als Richard die Wohnung verließ, warf er mir einen argwöhnischen Blick zu. “Es ist noch Kaffee in der Kanne”, sagte er.

“Toll! Sollte ich die Kanne jemals finden, werde ich den Kaffee trinken”, antwortete ich mit einem Augenzwinkern.

Richard seufzte und ging zum Aufzug. Er trug an diesem Tag eine auberginefarbene Weste über einem Pucci-Hemd und dazu eine dunkelorangefabene Hose. Eine Kombi, die nur er allein mit einer derartigen Lässigkeit tragen konnte.

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Als die Wohnungstür ins Schloss fiel, sprang ich wie eine Schurkin aus einem James-Bond-Film auf. Ich glaube, dass ich mir damals sogar die Hände gerieben habe.

Ich musste 45 Minuten lang nach dem Staubsauger suchen. Doch sobald ich ihn gefunden hatte, reinigte ich die Böden wie eine zugedröhnte Hausfrau aus den 50er-Jahren. Ich räumte Kleidung in die Schränke, stellte Bücher in die Regale und wischte den Staub von alten Bilderrahmen. Ich verstaute alles in Mülltüten, was man eindeutig wegwerfen konnte. Und langsam aber sicher kam Stück für Stück immer mehr vom Parkettboden zum Vorschein.

“Was hast du gemacht?!”, war seine erste Frage

Ich würde gerne behaupten können, dass meine Putzaktion wie eine dieser zusammen geschnittenen Filmszenen ablief, in denen ein Darsteller zu den Klängen von “Eye of the Tiger” von Survivor wie ein Wirbelwind
herumfegt und am Ende in einer blitzblanken Wohnung steht.

Leider hätte dies mehr als einen Nachmittag in Anspruch genommen und außerdem war mir irgendwann der Glasreiniger ausgegangen.

Als ich abends den Schlüssel im Türschloss hörte, wartete ich gespannt. Ich hatte keine Ahnung, wie Richard reagieren würde. Ich hoffte, dass er vor Dankbarkeit auf die Knie fallen würde. Doch da ich Realistin bin, wusste ich, dass Veränderungen schwer sind.

“Was hast du gemacht?”, war Richards erste Frage. Die Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben. “Ich hatte ein System! Wie soll ich denn jetzt noch etwas finden?”

Ich hätte beinahe zu lachen angefangen, doch dann verkniff ich es mir lieber. Richard schmollte den ganzen Abend und seufzte immer wieder tief auf. Daran erkannte ich, dass ich zu weit gegangen war. Ich fuhr zum Schlafen in meine eigene Wohnung und mir wurde klar, dass ich mit meinem Vorgehen auf gemeine Weise in seine Privatsphäre eingedrungen war.

Ich war zu weit gegangen

Ich entschuldigte mich per SMS bei Richard, doch er antwortete nicht
darauf. Da ich Angst um unsere Beziehung hatte, fuhr ich am nächsten Tag wieder zu seiner Wohnung. Ich hatte mir bereits eine Entschuldigungsrede zurechtgelegt.

In der Lobby traf ich auf Richard, der einen Leiterwagen hinter sich herzog, auf dem sich mehrere Kisten stapelten. Er lächelte mich an.

“Ich bringe das alles in einen Second-Hand-Laden”, erklärte er stolz. Seit meinem Putzanfall sind mittlerweile sechs Monate vergangen, in denen viel passiert ist. Wir können jetzt sogar durch die Wohnung gehen, ohne ständig irgendwo drüberzustolpern. Und außerdem haben wir einige Schätze entdeckt.

Dass Richard nie etwas wegwirft, hat zugegebenermaßen jedoch auch etwas Gutes: Seine Wohnung ist durch diese Angewohnheit zu einem echten Museum seines Lebens geworden. Auch wenn der größte Teil dieses Lebens vor unserem Kennenlernen stattgefunden hat. Wir haben bereits ganze Abende damit verbracht, süße Liebesbriefe zu lesen, die er bereits vor 30 Jahren geschrieben hat.

Ich merkte auch: Liebe kann man nicht einfach entsorgen 

Wir haben Kunstprojekte aus seiner Schulzeit durchgeblättert und alte Diabilder gegen die mittlerweile sauberen Scheiben gehalten. Wir haben sogar einen Artikel über ihn entdeckt, den eine seiner Ex-Freundinnen 1981 in der “Cosmopolitan” veröffentlicht hatte.

Der Titel lautete: “Der schrecklich ordentliche Mann.” Die Ironie dieses Artikels war uns natürlich bewusst. Ich überlege mir sogar, Richards Ex-Freundin zu fragen, ob sie mit mir zusammen ein Vorher-Nachher-Buch über die Geschichte schreiben möchte.

Durch das Durchstöbern der persönlichen Gegenstände in seiner Wohnung habe ich mehr über Richard gelernt, als ich jemals durch seine eigenen Erzählungen über ihn hätte erfahren können. Er hat die Fotos von seiner Ex-
Frau inzwischen in Schubladen geräumt. Doch ich würde niemals von ihm verlangen, dass er sie wegwerfen soll.

Immerhin hat er seine Ex-Frau einmal geliebt. Und Liebe kann man nicht einfach entsorgen. Alle Erfahrungen in Richards Leben haben ihn zu dem süßen und verrückten Mann gemacht, den ich jetzt liebe. Und ich will dieses Museum aus Erinnerungen auch gar nicht zerstören, ich will es nur ein wenig organisieren.

Manche Dinge werden ausgestellt, und andere werden im Archiv abgelegt. Richards Wohnung muss demnächst auch neu gestrichen werden. Ich weiß jetzt schon, dass ihm das nicht gerade leicht fallen wird. Doch dieses Mal machen wir es zusammen, statt hinter seinem Rücken.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.