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20/07/2018 10:23 CEST | Aktualisiert 02/08/2018 16:56 CEST

Lotto-Gewinner: "Ich hatte einen Fünfer – und ärgerte mich zu Tode"

Es ist eine Erinnerung, die mir auch heute noch zeigt, was wir damals als Einwanderer-Familie in Deutschland geschafft haben.

Im Video oben: Glück, Pech, Kurioses – unglaubliche Lotto-Schicksale

“Es ist Mittwoch. Mittwoch, der 26. Oktober 1994. Ich höre die Lottozahlen kurz nach Acht. 10, 12, 15, 23, 26, 28. Ich habe gewonnen. Verdammt!”

Es war dieser Sommer – vor 24 Jahren –, in dem ich zum ersten Mal mein Glück im Lotto-Spielen versucht habe. 

1988 kam ich mit meinen zwei Kindern aus Polen nach Deutschland. Ein besseres Leben, eine vielversprechende Zukunft – das habe ich mir vorgestellt. 

Privat
Christof Rabicki hatte im Jahr 1994 fünf Richtige im Lotto.

Einiges mussten wir ertragen. Da wir lange im Asylverfahren hingen, konnten wir nicht arbeiten. Mit kleinen Aushilfen bei Nachbarn und Freunden konnten wir dann hin und wieder ein bisschen Geld verdienen. 

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Im Mai 1991 habe ich dann endlich eine Arbeit gefunden. Drei Jahre später kam unsere dritte Tochter auf die Welt und das Geld war mehr als nötig. Unser Konto war überzogen, wir hatten Schulden und wussten nicht, wie wir sie bezahlen sollten.

Dann kam es noch schlimmer: Im Oktober 1994 ist der Vater meiner Frau an Lungenkrebs gestorben. Wir packten so schnell wie möglich unsere Sachen und machten uns mit zwei Kindern und einem neun Monate alten Baby auf den Weg nach Polen. 

Auf dem Weg nach Polen hielt uns eine Wahrsagerin an

Stress pur, denn vieles musste organisiert werden. Alles voran die Beerdigung und die Benachrichtigung aller sechs Geschwister meiner Frau, viele davon in Polen verteilt. 

Von Deutschland nach Polen fuhren wir mit dem Auto immer denselben Weg: über Görlitz, auf polnisch Zgorzelec. 1994 gab es noch strenge Grenzkontrollen und es war nicht unüblich, dass wir allein an der Grenze drei Stunden warten mussten. So auch in diesem Oktober vor 24 Jahren.

Auf der polnischen Seite warteten schon einige Menschen am Straßenrand, um Autofahrern gestohlene oder gefälschte Ware wie Uhren oder Schmuck anzubieten. 

Sie hatten immer dieselbe Ausrede für ihr bizarres Verkaufsgeschäft: „Meine Kinder haben nichts zu essen.”

Sie verkaufte mir etwas anderes: die Wahrheit

Ich ignorierte so etwas meistens und dachte mir: „Mir geht es auch nicht viel besser.“ An diesem Tag hielt uns eine Frau an. Ich kurbelte das Fenster herunter. Warum genau, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich wollte ich sie erst einmal nur loswerden. 

Sie bot jedoch keinen unechten Schmuck an. Sie war am Verkauf von etwas anderem interessiert. Der Wahrheit. Offenbar war sie eine Wahrsagerin. Für ein wenig Geld bot sie mir an, uns die Zukunft vorherzusagen. Erst fand ich es albern, ging aber dann schließlich doch darauf ein. 

Ich hatte kein polnisches Geld bei mir, also gab ich ihr fünf D-Mark und sie fing an, mir aus der Hand zu lesen. 

Sie sagte mir, ich solle demnächst Lotto spielen, da ich viel Glück haben werde. Irgendwie hat sich das so in mein Gehirn eingebrannt, dass ich ihr glaubte und sogar dachte, diesmal endlich gewinnen zu können. Denn: Wir Polen sind abergläubisch.

Meine Glückszahlen und der große Fehler

Als ich mit dem Lottospielen 1994 anfing, legte ich schon früh meine persönlichen Glückszahlen fest: 9, 10, 12, 15, 23, 26 und 28. Die ersten drei Ziffern sind die Geburtstage meiner Kinder. 23 und 28 sind die Geburtstage meiner Frau und mir. 15 ist die Hausnummer des Hauses, in dem wir jetzt in Deutschland wohnen und die 26 ist die Hausnummer der Wohnung, in der wir in Polen wohnten. 

Diese Zahlen haben für mich eine Bedeutung und ich habe sie nicht ohne Grund ausgewählt. Dieses Mal musste es einfach klappen. 

Zuhause kaufte ich mir einen Lotto-Schein

Nach der Beerdigung meines Schwiegervaters fuhr ich zurück Richtung Deutschland. Meine Frau blieb mit den Kindern bei ihrer Mutter und ich musste zurück zur Arbeit.

Die Wahrsagerin ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Als ich in meinem Wohnort ankam, kaufte ich mir im nächsten Lotto-Laden ein Ticket. Zu Hause setzte ich mich hin und füllte es aus. 

Da ich sieben Glückszahlen hatte, aber nur sechs angekreuzt werden durften, musste ich mich entscheiden, welche ich nehme, so dass ich alle sieben verwenden konnte. 

Welche Zahl sollte ich weglassen?

„10, 12, 15, 23, 26, 28 oder tausche ich eine Zahl und nehme die 9 mit rein? Es ist schließlich der Geburtstag meiner zweiten Tochter“, dachte ich. Ich füllte den Lottoschein aus und entschied mich dafür, doch die 9 mit in die ersten Blöcke hineinzunehmen.  

Ich konnte am Ende alle sieben Zahlen verwenden. Der erste Block bestand aus 9,10, 12, 15, 23 und 26. Der zweite Block enthielt die 9, 12, 15, 23, 28. Diesmal ließ ich die 26 weg. Ich überlegte noch die 9 wegzulassen und 10, 12, 15, 23, 26 und 28 anzukreuzen. Die 9 war mir persönlich dann doch wichtiger und ich hab meine erste Intuition über Bord geworfen. Die restlichen Blöcke überließ ich dem Zufall.

Ärger verwandelte sich schnell in Freude

Wie man an den späteren Lottozahlen erkennen kann, ein fataler Fehler. Als am 26. Oktober 1994 die Lottozahlen bekannt gegeben wurden, war ich nervös. Im Fernseher las die Frau die Zahlen vor: Es waren meine, aber eine Ziffer fehlte: die 28. Die Zahl, gegen die ich mich nach langer Überlegung entschieden und die 9 genommen hatte. 

Ich ärgerte mich und fragte mich, warum ich nicht auf mein erstes Bauchgefühl gehört hatte. Ich war aber dennoch froh. Ich habe ja gewonnen. Ich hatte fünf Richtige: 5.600 D-Mark

Doch der Ärger verflog und aus ihm wurde Freude. Genau genommen war ich überglücklich. Die Lösung vieler Probleme lag vor mir. Wir konnten unsere Schulden begleichen und uns sogar noch etwas gönnen. Da meine Frau noch bei ihrer Mutter war und diese kein Telefon hatte, musste ich mit der Nachricht warten, als ich sie nach einer Woche in Polen abholte. 

Das kaufte ich mir von dem Gewinn

Das Minus auf dem Konto war verschwunden. Wir hatten uns in Deutschland nach sechs Jahren zwar schon wunderbar eingelebt, aber immer wieder fehlten uns wichtige Dinge, die wir brauchten. 

Von guter Qualität war ich schon immer überzeugt, also kauften wir uns einen Staubsauger der Marke Rainbow. 3.000 D-Mark haben wir dafür bezahlt. Das klingt verrückt, ich weiß. Aber ich kann sagen, es hat sich gelohnt. 

Gute Qualität zahlt sich anscheinend aus, denn heute, 24 Jahre später ist der Staubsauger noch immer in Betrieb und leistet einen hervorragenden Dienst. 

Er ist heute eine Erinnerung, was wir als Familie in Deutschland geschafft haben und dass wir in schwierigen Zeiten großes Glück hatten. Dafür bin ich bis heute dankbar. Ich glaube auch immer noch fest an meine sieben Glückszahlen und hoffe, dass diese irgendwann wieder einen Gewinn einbringen. Schließlich spiele ich noch immer jede Woche Lotto.

(kiru)