POLITIK
13/10/2018 16:32 CEST | Aktualisiert 14/10/2018 08:15 CEST

Ich habe zwei Wochen lang die Bayern-Wahl aus der Provinz beobachtet – 6 Lehren

Ich habe gelernt, warum die Menschen der CSU nicht mehr Vertrauen – und was sie wirklich umtreibt.

LEONHARD LANDES

Vor zwei Wochen bin ich zurück in mein Heimatdorf in Niederbayern gezogen, um den Wahlkampf aus einer anderen Perspektive zu verfolgen. Immerhin leben rund 55 Prozent der Menschen in Bayern auf dem Land. In der Provinz, wie man sagt. 

Hier, wo gefühlt noch jeder im Fußballverein ist. Wo man sich abends im Wirtshaus trifft. Wo die CSU die Rathäuser seit Generationen besetzt hält. 

Hier wollte ich herausfinden: Warum steht Bayern vor einer Zäsur? Seit Jahrzehnten regiert die CSU den Freistaat. Sie hat aus einem bäuerlichen Bundesland einen Standort für Forschung, Industrie und High-Tech gemacht. 

Und dennoch droht der Partei am Sonntag die bitterste Niederlage seit über 60 Jahren. Die Demoskopen sagen Ministerpräsident Markus Söder und CSU-Chef Horst Seehofer ein Ergebnis um die 35 Prozent voraus. 

Zwei Wochen saß ich einmal bei der CSU, bei der SPD, bei den Grünen und auch der AfD. Ich habe den Landtagskandidaten zugehört und den Menschen in den Veranstaltungen und außerhalb Fragen gestellt. 

Ich habe gelernt, warum manche der CSU nicht mehr Vertrauen. Ich habe gelernt, was die Menschen in Bayern umtreibt. Und ich habe gelernt, warum so viele Menschen unzufrieden sind mit den Parteien oder auch dem politischen System. 

Das sind meine sechs Lehren aus dem bayerischen Wahlkampf. 

1. Nicht jeder ist in Wahlkampf-Stimmung

Bereits seit einer Woche bin ich unterwegs in meinem Heimatdorf Mallersdorf-Pfaffenberg, als ich den Bürgermeister in seinem Büro im Rathaus treffe. Die erste Frage natürlich: Wie läuft der Wahlkampf?

Seine Antwort: Wirklich Wahlkampfstimmung herrsche bisher nicht im Ort. 

Es ist eine Beobachtung, die ich auch gemacht habe – etwa, als ich eine Frau auf der Straße frage, was sie vom Vorstoß von Markus Söder halte, einen Bayern-Satelliten ins All zu befördern. Sie hält den Vorschlag für unsinnig – sagt aber, dass sie sich mit dem Wahlkampf bisher nicht ausführlich befasst habe. Da seien ja noch einige Tage hin. 

Die Politik – sie steht nicht automatisch im Vordergrund im Leben der Menschen, nur weil die Parteien aufrufen, bald in der Wahlkabine eine Entscheidung zu treffen. 

2. Es geht eigentlich immer um Bundespolitik

Wenn interessierte Wähler die Landtagskandidaten dann mit ihren Fragen löchern, geht es meistens um Bundespolitik.

Manchmal musste ich mich daher selbst daran erinnern: Die Wahl am Sonntag ist keine Abstimmung über die Große Koalition in Berlin und ihre zahlreichen Konflikte seit des Bundestagswahl vor einem Jahr. 

Eigentlich sollten bei einer Landtagswahl auch Themen der Landespolitik eine tragende Rolle spielen. Doch meist interessieren die Wähler Themen, die ganz Deutschland beschäftigen: Asylpolitik, Wohnungsnot, Renten. 

Natürlich geht es auch um Themen wie kaputte Straßen, Funklöcher, heruntergekommene Ortskerne, das verschärfte Polizeiaufgabengesetz der CSU oder Bayern als Forschungsstandort. 

Doch überschatten die Regierungskrisen in Berlin die Diskussion. Das ist auch kein Wunder bei dem Krach, den sich CDU, CSU und SPD in den vergangenen Monaten geleistet haben. 

Die Landtagswahl wird zum Stimmungstest für die GroKo – mit einem bitteren Ausgang, so viel ist jetzt schon sicher. Interessant wird sein, ob das die Menschen an die Wahlurnen treibt oder sie verschreckt. Die Wahlbeteiligung bei Landtagswahlen liegt meist eher unter der Beteiligung bei Bundestagswahlen. 

Mehr zum Thema: So könnte die ewige Herrschaft der CSU in Bayern zerbrechen

3. Nirgendwo wird so viel über Asylpolitik geredet wie in der CSU

Spannend zu sehen ist bei den Wahlkampfauftritten, über was die Politiker mit ihren Wählern am meisten diskutieren.

Die AfD reist mit vier Kandidaten nach Mallersdorf-Pfaffenberg – und spricht überwiegend über soziale Probleme. Es sei eine Schande für ein reiches Land wie Deutschland, dass es Rentner gebe, die Flaschen sammeln müssen, sagt AfD-Landtagskandidat Manfred Kleinschwärzer etwa. 

Mit der Deggendorfer AfD-Landtagskandidatin Katrin Ebner-Steiner wird es mir später ähnlich gehen. Im Interview mit mir spricht sie über eine wuchernde EU-Bürokratie und steigende Steuerlast für Handwerker. Nach der Asylpolitik muss ich sie selbst fragen, aber nach zwei Sätzen ist sie schon wieder bei der Wohnungsnot.

Die AfD in Bayern arbeitet an ihrem Image als soziale, bürgerliche ParteiSie will sich offenbar nicht auf das Thema Migration beschränken – teilt aber auf ihren Facebook-Seiten trotzdem weiter fleißig Polizeimeldungen zu tatverdächtigen Asylbewerbern. 

Am meisten über Asylpolitik diskutiert schließlich die CSU.Der Landtagsabgeordnete Josef Zellmeier erwähnt das Thema in der Stunde seines Vortrags in einem Wirtshaus in Mallersdorf-Pfaffenberg gar nicht – absichtlich, wie er später sagen wird. In den folgenden zwei Stunden prasseln dann die Fragen auf ihn ein.

Eine Nachbarin einer Asylunterkunft in Mallersdorf-Pfaffenberg beschwert sich über den Lärm der Bewohner darin. Ein Mann fragt, wo die europäische Lösung für Zuwanderung bleibe. Als ein weiterer Mann geschlossene Grenzen fordert, ist es die CSU, die das Europa der offenen Grenzen verteidigt. 

Die Grünen und die SPD reden fast gar nicht über Asylpolitik. Die Grünen, die ich in Straubing treffe, schneiden das Thema an, als es um die Wohnungsnot geht. Wie sollten sich Asylbewerber eine Wohnung leisten können, wenn es nicht genügend Sozialwohnungen gebe? So lautet hier die Frage.

Die SPD schließlich arbeitet sich an der CSU ab – und an sich selbst. 

4. Niemand ist so gut vernetzt wie die CSU 

Schnell merke ich bei meiner Arbeit auch: Niemand in Bayern ist so gut vernetzt wie die CSU. 141.000 Mitglieder haben die Christsozialen.

In fast jedem Ort gibt es einen CSU-Ortsverband, die Grünen beispielsweise sind sehr viel loser in Bayern organisiert. Sie haben meist einen Kreisverband, in Städten wie München auch mehrere Ortsverbände.

Das hat natürlich Auswirkungen auf den Wahlkampf. Die Grünen des Kreisverbands Straubing-Bogen – dem Landkreis, in dem mein Heimatdorf Mallersdorf-Pfaffenberg liegt – machen nur in den Städten Straubing oder Bogen Wahlkampf. Mögliche Wähler in den ländlicheren Regionen erreichen sie nicht. 

Dennoch: Dieser Vorteil scheint der CSU bei dieser Wahl wenig zu bringen. Da nützt es auch nichts mehr, dass Ministerpräsident Söder zuletzt durch den Freistaat hetzte und auf rund 200 Großveranstaltungen eine Viertelmillionen Menschen traf, wie die Wochenzeitung “Die Zeit” berichtet. 

5. Die CSU hat einen Teil ihrer Wähler vergrault

Für die CSU geht es in den Umfragen nach unten, weil die Partei zwei Typen von Wählern verliert. Da sind die einen, die sich an dem Krawallkurs von Söder und Co. während der Asylkrise stören. 

Und da sind die, denen der Kurs nicht weit genug geht. Bei denen die CSU an Glaubwürdigkeit verloren hat, weil sie für Zurückweisungen an der Grenze die Regierung aufs Spiel gesetzt hatte, aber sich dann doch auf einen Kompromiss einließ.

Den Mann, der bei der CSU-Veranstaltung geschlossene Grenzen fordert, den wird die Partei nicht mehr erreichen. Er verließ die Veranstaltung ohnehin, bevor CSU-Politiker Zellmeier seine Antwort für ihn zu Ende formuliert hatte.  

6. Überall sind die Alten in der Mehrheit

Bei den Wahlveranstaltungen bietet sich mir immer dasselbe Bild: Dreiviertel der Anwesenden sind geschätzt älter als 50 Jahre alt. Nur vereinzelt sehe ich junge Gesichter. 

Beim Ortsverein der SPD sagen sie mir dann auch, dass es immer schwieriger werde, Veranstaltungen zu organisieren – weil der Nachwuchs fehlt. Und das, obwohl sich auch auffallend viele junge Menschen in meinem Landkreis für den Wahlkampf engagieren. 

Bei den Grünen treffe ich den 24-jährigen Matthias Ernst. Der Student steht auf der Landtagsliste der Partei. Beim Wahlkampfabschluss der Grünen in Straubing aber dürfte er bei den rund 15 Teilnehmer der jüngste sein. 

Für den Bezirkstag tritt bei der SPD der 21-jährige Marvin Kliem an. “Jedes Alter sollte in der Politik vertreten sein”, sagte er kürzlich in einem Interview mit der Lokalzeitung. Bei der SPD sehe ich aber nur einen Tisch mit jungen Menschen, der Rest ist deutlich älter, die meisten scheinen bereits in der Rente zu sein. 

Die jungen Menschen in Bayern werden also durchaus von jungen Menschen vertreten – aber offenbar haben sie trotzdem keine Bindung zu den Parteien. Parteien würden von jungen Menschen “als bürokratische Apparate wahrgenommen und verlieren deswegen an Bindekraft”, sagte der Generationenforscher Klaus Hurrelmann von der Berliner Hertie School of Governance kürzlich der HuffPost. 

Die junge Generation: Sie ist nicht unpolitisch, man trifft sie nur nicht bei den Wahlkampfveranstaltungen der Parteien – sondern eher auf der Straße beim Protest gegen das Polizeiaufgabengesetz in München etwa. 

HuffPost Dahoam