LIFE
17/09/2018 13:35 CEST | Aktualisiert 17/09/2018 14:31 CEST

"Ich habe nach 15 Jahren die Pille abgesetzt – das ist passiert"

Haarausfall, schlechte Haut und Stimmungsschwankungen – ist das normal?

Eric Gaillard / Reuters
Welche Absetzungserscheinungen die Pille hat, wird von den Ärzten oft nicht thematisiert.

Ich sitze bei meinem Hausarzt. 

“Was führt Sie heute zu mir?”

“Ich habe seit ein paar Wochen starken Haarausfall.” Ich schäme mich fast, dem Arzt, der selbst kahl ist, zu beichten, wie sehr ich unter dem Verlust meiner Haare leide.

“Aha. Hatten Sie vor etwa sechs Monaten vielleicht eine starke Entzündung? Oder waren Sie schwer krank?”

“Nein, aber ich habe die Pille abgesetzt.”

Der Arzt steht auf, zieht leicht an meinen Haaren, hält dann eine dünne Strähne in der Hand: “Ja, stimmt, Sie haben Haarausfall.”

SAG ICH DOCH. 

Ich wusste nicht, was mit meinem Körper beim Absetzen der Pille passiert

Vor dem, was mit meinem Körper passiert, seitdem ich die Pille abgesetzt habe, hat mich niemand gewarnt. Und jetzt sitze ich hier, in dieser Praxis, lasse einen Arzt dünne Haare von meinem Kopf rupfen und eine Sprechstundenhilfe Blut aus meinem Arm zapfen. 

Mehr zum Thema: Das passierte mit meinem Körper, nachdem ich Pille gegen Spirale tauschte

Spoiler-Alert: Natürlich sind meine Blutwerte okay, ich solle einfach noch mal ein paar Wochen abwarten, bis mein Hormonhaushalt sich nach Absetzen der Pille wieder umgestellt habe, sagt mein Arzt. Das kann ein paar Monate dauern, das kann ein paar Jahre dauern. 

Mit 14 freute ich mich auf reine Haut und einen pralleren Busen

Ich habe angefangen, die Pille zu nehmen, als ich 14 war – mittlerweile bin ich 30 und hatte die Hormone einfach satt. Jahrelang war ich glücklich mit der Pille: Meine Haut wurde schöner, die Pickel verschwanden. Mein Haar war voll und glänzte. Mein sowieso schon nicht besonders imposanter Busen etwas praller. Und, naja, als Verhütungsmittel hat die Pille schon auch gut funktioniert.

Ich erinnere mich, als ich das erste Mal gemeinsam mit meiner Mutter beim Frauenarzt war, um mir die Pille verschreiben zu lassen. Für mich war klar, dass keine andere Verhütungsmethode infrage kommt – außerdem freute ich mich auf die ganzen positiven Nebenwirkungen, von denen meine Freundinnen schon berichtet haben.

Eine Routineuntersuchung später hielt ich das Rezept in der Hand. Einzig und allein den Hinweis, dass ich bei Magen-Darm-Erkrankungen vorsichtig sein sollte, weil sie die Wirkung der Pille beeinträchtigen könnten, erhielt ich vom Arzt mit auf den Weg.

Der erste Versuch ohne Pille scheiterte – ich bekam Akne

Mit 24 habe ich schon einmal versucht, die Pille abzusetzen – eine Freundin von mir machte dasselbe Experiment. Wir haben beide nicht durchgehalten, unsere Haut wurde so schlecht und wir schämten uns einfach, mit Akne herumzulaufen. Dass das ein normales Absetzungssymptom ist, wussten wir damals nicht. Meine Hautärztin hat mir damals empfohlen, die Pille wieder zu nehmen. Ähnliches erlebte meine Freundin. Nach drei Monaten holten wir uns beide ein neues Rezept. 

Obwohl die Pille nach wie vor als sicherstes Verhütungsmittel gilt, ist sie mittlerweile auch Lifestyle-Produkt geworden – obwohl neben positiver Erscheinungen wie reiner Haut, vollerem Haar und Gewichtsabnahme auch Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Wassereinlagerungen oder Depressionen auftreten können.

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“Es ist falsch, die Pille zu verteufeln”

Nehmen wir die Pille nicht ernst genug? Haben Generationen von Frauen ihren Körpern Schaden angerichtet, indem sie sie mit Hormonen vollgepumpt haben? Die Symptome, die ich nach Absetzen der Pille erlebe, lassen mich das vermuten. 

Agatha Kremplewski
Ausbeute nach dem Haarekämmen oder -waschen.

“Es ist falsch, die Pille zu verteufeln”, sagt Gynäkologin Dr. Sheila de Liz, die ich eines nachmittags anrufe. “Allerdings ist die Pille auch nicht das passende Verhütungsmittel für jeden.”

Im Laufe unseres Gesprächs stelle ich fest, wie uninformiert ich über die Pille und ihre Wirkung teilweise bin. “Wer allerdings weiß, wie die Pille funktioniert, kann auch die Absetzungserscheinungen besser verstehen”, sagt de Liz.

Ich erzähle ihr von den Schwierigkeiten, die ich in den letzten Wochen erlebt habe – der Haarausfall, die schlechtere Haut, Stimmungsschwankungen vor allem vor der Periode. Das alles sind prinzipiell normale Absetzungserscheinungen der Pille: 

“Wenn man die Pille nimmt, werden die Eierstöcke derweil quasi tiefgefroren: Sie arbeiten nicht mehr, weil die Pille komplett den Zyklus übernimmt”, erklärt de Liz. “Wenn man die Pille absetzt, werden die Eierstöcke wieder aktiv. Das kann einhergehen mit einem hormonellen Auf und Ab.

Nicht jede verträgt die Pille

Haarausfall und unreine Haut seien recht üblich – wenn auch nicht in so einem starken Ausmaß wie bei mir. Dass der Mülleimer im Bad aussieht, als hätte man eine halbe Perücke entsorgt, ist nicht die Norm (das schon mal zur Entwarnung an alle, die planen die Pille in naher Zukunft abzusetzen).  

Befürchtet man einen Haarausfall beim Absetzen der Pille, empfiehlt de Liz, mit hoch dosierten Nahrungsergänzungsmitteln entgegenzuwirken. Pflanzliche Mittel wie Mönchspfeffer, die hormonelle Schwankungen stabilisieren sollen und immer wieder in Foren empfohlen werden, hält de Liz für wenig wirksam.

Wie jedes andere Medikament auch könne die Pille für die eine gut und verträglich sein, für die andere eher keine gute Verhütungsoption. Auch wirke natürlich nicht jede Pille bei jedem gleich. Wichtig zu wissen sei jedoch: Selbst wenn eine Frau eine Pille nicht gut vertrage oder beim Absetzen mit hormonellen Schwankungen zu kämpfen habe, seien die Schäden nicht von Dauer:

“Die Grundannahme, die bei vielen lauert, ist: Du hast deinen Körper dauerhaft geschadet, du hast deinen Körper zu stark chemisch verändert – das ist allerdings ein Mythos”, sagt de Liz. Bei vielen Frauen fehle das Hintergrundwissen, dass hormonelle Umstellungen normal sind, je nach Lebensphase auch ohne Einnahme der Pille.

Mehr zum Thema: Ich verstehe diese Pillen-Panik nicht: Warum es für mich keine bessere Verhütungsmethode gibt

Wichtig sei, das Gespräch mit seinem Arzt zu suchen und sich nicht nur über Wirkungsweise der Hormone, sondern seinen eigenen Körper aufklären zu lassen. Denn wer ein gewisses Grundwissen habe, könne im Zweifelsfall auch die richtigen Fragen stellen.

Hormonelle Schwankungen sind in der Regel von kurzer Dauer

Für mich ist das natürlich eine gute Nachricht: Ich kann damit rechnen, dass mein Haar wieder nachwächst. Langsam sehe ich auch die ersten Härchen wieder sprießen an den Stellen, die zeitweise kahl waren.

Agatha Kremplewski

Auch meine Haut normalisiert sich, mein Zyklus wird regelmäßiger. Nach über einem halben Jahr Pillen-frei spüre ich, wie sich der Körper langsam wieder normalisiert. Dennoch würde ich die Pille nicht noch einmal nehmen, mit dieser Verhütungsart habe ich abgeschlossen.

Und trotz dieser unsanften Umstellung bereue ich nicht, die Pille genommen zu haben. Gerade als junge Frau hat sie mir viele Freiheiten ermöglicht und die Gelegenheit verschafft, über meinen Körper und Sexualität zu bestimmen. 

Auch Dr. de Liz sagt: “Gerade für den Anfang ist die Pille gut, um ein Verantwortungsbewusstsein für Verhütung und den Körper zu lernen. Später kann man dann auch zu anderen Verhütungsmitteln übergehen, wenn man das wünscht.”

Wie bei vielen Medikamenten gibt es nun einmal zwei Seiten der Medaille. Im Endeffekt muss jede Frau sich entscheiden, welche Verhütungsart für sie die beste ist und welche sie auch am besten verträgt. Am Ende hilft ein gründliches Gespräch mit seinem (oder mehreren) Gynäkologen am meisten.  

(glm)