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08/02/2018 15:08 CET | Aktualisiert 08/02/2018 17:18 CET

Ich habe mit 40 ein Kind bekommen – und die Schwangerschaft war wunderbar

Monatelang weinte ich in das Haar meines Kindes.

ALEX M SMITH
"Die Schwangerschaft war ein Spaziergang."

Um das einmal klarzustellen: Ich hatte nicht geplant, mit 40 ein Kind zu bekommen. Ich wollte immer Kinder, aber ich hatte gehofft, sie viel früher zu bekommen.

Als ich 24 war, sagte ich meinem Freund, dass er mich am besten schnellstmöglich schwängern solle, weil meine Eier schon verschrumpeln und absterben würden. Aus irgendeinem Grund hat es mit uns nicht funktioniert.

Als ich 31 war, gab ich eine Anzeige auf und suchte nach einem Typen, der ganz bestimmten Kriterien entsprach und der ebenfalls irgendwann eine Familie wollte. Ich hatte das seltsame Glück, tatsächlich einen Kerl zu finden, der zu fast 100 Prozent meinen Vorstellungen entsprach (genauso wie die 300 anderen Herren, die mir ausgewählte Fotos interessanter Körperteile schickten).

Unser Altersunterschied legte den Kinderwunsch erst mal auf Eis

Alex ist acht Jahre jünger als ich und ich wusste, dass dieser Altersunterschied meinen Wunsch, Mutter zu werden, erst einmal auf Eis legen würde. Aber meine Entscheidung, eine komische, dreckige, Folk-Rockerin zu sein, half auch nicht grade dabei, diesen Wunsch schnell wahr werden zu lassen.

Alex ist ein Schatz und er blieb bei mir. Er ignoriert meine Verrücktheiten, meine Auftritte spät am Abend, meine Trinkgewohnheiten und meine allgemeine Unfähigkeit, mich irgendwie normal zu benehmen, großzügig.

Irgendwie haben wir es immer durch alle Schwierigkeiten geschafft. Als ich 36 war, habe ich Alex auf dem Rücken eines Einhorns in Cape May, New Jersey, geheiratet.

Jessica Delfino

Es dauerte weitere zwei Jahre, bis es uns finanziell möglich erschien, eine Familie zu gründen.

Mit 38 wurde ich endlich schwanger 

Wir hatten Sex, mit dem Ziel, ein Kind zu zeugen. Immer. Rund um die Uhr. Wir verfolgten ein Ziel und unsere Mühen zahlten sich aus. Als ich 38 war, stellte ich fest, dass ich schwanger war.

Es war eine riesige Erleichterung für mich: Meine Mutter war 38, als sie ihr letztes Kind bekommen hatte. Auch meine Großmutter war 38, als sie ihr letztes Kind bekommen hatte. Alex und ich freuten uns wahnsinnig über die Nachricht.

Als ich in der 10. Woche war, sagte meine Ärztin mir, dass sie keine Herztöne hören könne. Sie vermutete das Schlimmste: Dass ich kein Kind bekommen würde. Sie sollte Recht behalten. Kurz danach erlitt ich eine Fehlgeburt. Die körperlichen und seelischen Schmerzen waren kaum zu ertragen.

Wir flohen vor unseren Ängsten

Alles, was ich je zu dem Thema gelesen oder gehört hatte, ging mir durch den Kopf. Hatte ich zu lange gewartet? Hätte ich meine Eier mit 30 einfrieren lassen sollen? Sollte ich mich über die Möglichkeit einer Adoption informieren? Würde ich je Mutter werden?

Ich hatte nicht viel Zeit, mir Gedanken zu machen. Nur kurz nach der Fehlgeburt fühlte ich einen komischen Knoten in meiner Brust. Es wurden verschiedene Tests durchgeführt, anscheinend war der Knoten gutartig, aber zur Sicherheit sollte noch eine Lumpektomie durchgeführt werden.

In dem Sommer fuhren Alex und ich campen. Wir fuhren unseren schlimmsten Ängsten buchstäblich davon: der Angst, dass es Brustkrebs sein könnte und der Angst, niemals eine Familie zu haben.

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Ein Arzt nannte mich “alte Mutter”

Im September folgte die Operation. Der Knoten war tatsächlich gutartig, aber er erhöhte mein Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, um 15 Prozent. Aber der Chirurg versicherte mir, dass ich trotzdem Kinder bekommen und diese auch stillen könnte.

Einen Monat später, mit 39, wurde ich schwanger. Es war mir klar, dass diese Schwangerschaft ein echtes Geschenk war.

Ich ließ alle empfohlenen Untersuchungen durchführen. Die Ärzte betonten immer wieder, dass das für mich als “Spätgebärende“ extrem wichtig sei. Ein Arzt hatte sogar den Nerv, mich eine “alte Mutter“ zu nennen. Ich hätte ihm am liebsten eine verpasst. Ich glaube, er hat das geahnt, denn es folgten die Worte “ich weiß, das hört sich komisch an, aber so heißt es nun mal.“

Wenn man ein Kind bekommt, dann bedeutet das, so viel von sich aufzugeben. Irgendwie ist es, als würde man sterben und selber auch wiedergeboren werden.

Die Schwangerschaft war ein Spaziergang

Ich bin Rhesusfaktor-negativ, daher bekam ich einige Infusionen, die verhindern sollten, dass mein Blut mein ungeborenes Kind angriff. Abgesehen davon war die Schwangerschaft ein Spaziergang. Ich litt nicht unter Morgenübelkeit. Ich fühlte mich nicht schlecht oder komisch. Ich fühlte mich kaum schwanger, nur mein Bauch wurde immer dicker.

Während der Schwangerschaft nahm ich nur ungefähr 13 Kilo zu. Ich ging wandern, ich arbeitete, ich traf mich mit Freunden, ich trat auf, ich hatte unheimlich viel Schwangerschaftssex, ich ging campen, aß eine Menge tolles und auch eine Menge ungesundes Essen und hatte unheimlich viel Spaß.

Wahrscheinlich weil ich wusste, dass all diese Dinge für eine gewisse Zeit schwierig werden würden, wenn das Baby erst einmal da war.

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Ich war Hochschwanger als ich 40 wurde

Mein Mann und ich sahen viele Filme zusammen, wir redeten, träumten und waren einfach verliebt. Das Serotonin schlug bei mir voll durch: Ich war überglücklich und strahlte förmlich vor Glück. Die Folsäure hatte mein Haar dick und glänzend gemacht und meine Haut glich einem Pfirsich.

An einem Abend im Juni, als ich bereits hochschwanger war, wurde ich 40 und ich feierte diesen Tag mit 15 meiner engsten Freunden bei Kerzenschein in einem Restaurant. Ich sprühte vor Endorphinen und jegliche Depressionen lagen in weiter Ferne.

Es war so perfekt wie es für eine Spätgebärende nur sein konnte.

ALEX M SMITH

Eine Woche vor meinem Entbindungstermin 

Mein errechneter Entbindungstermin rückte näher und ich schwebte auf Wolke Sieben. Ich wanderte mit meinem Mann und ein paar Freunden zu einem versteckten Wasserfall, setzte mich in der Sommerhitze in das erfrischende Wasser und flüsterte meinem ungeborenen Baby beruhigende Worte zu. Und wohl auch mir selbst, bezüglich der Wochen und Monate, die bevorstanden.

Am nächsten Tag ging ich zu meinem Arzt, es war eine Woche vor meinem Entbindungstermin. Die Krankenschwester wurde plötzlich ganz still, als sie den Ultraschall-Stab über meinen Bauch führte. Die Untersuchung schien länger zu dauern als die Male zuvor. Sie atmete hörbar ein und aus. Ich wurde auch unruhig.

“Ist alles in Ordnung?“ fragte ich.

Die Geburt sollte früher eingeleitet werden

“Ich muss den Arzt dazu holen“ sagte sie. Der Arzt kam und wiederholte die Untersuchung.

“Ihr Fruchtwasser steht niedrig“ antwortete er. “Ich schlage vor, dass wir die Geburt früher einleiten.“

An dem Tag lernte ich ein neues Wort: Oligohydramnie. Oder auch niedriges Fruchtwasser. Dazu kann es aus vielerlei Gründen kommen. Ein Grund können Komplikationen wie eine Plazentainsuffizienz sein. Es kann durch Dehydrierung der Mutter dazu kommen oder auch einfach nur, weil Fruchtwasser ausgetreten ist.

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Die Mittel halfen alle nicht

Da es die heißesten Tage des Augusts waren und weil ich die ganzen letzten Monate gewandert und gelaufen war und auch gearbeitet hatte, nahm ich an, dass ich dehydriert war. Aber Ärzte nehmen das nicht auf die leichte Schulter: Es gibt zu viele potenzielle Klagen.

Sie gaben mir ein Mittel mit dem Namen Cervidil, das meinen Muttermund öffnen sollte, dann sollten hoffentlich die Wehen einsetzen. Ich hatte zwei Tage lang Krämpfe, aber sonst tat sich nichts.

Danach gaben die Ärzte mir das gefürchtete Pitocin, das die Geburt einleiten sollte. Aber auch das brachte nichts. Mein Gynäkologe riet mir dann zu einem sofortigen Kaiserschnitt.

ALEX M SMITH

Wir lachten und weinten alle gleichzeitig

Mein wunderbarer Mann war die ganze nervenaufreibende Zeit an meiner Seite. Die Ärzte warnten mich, dass ich ein Zerren spüren würde. Es fühlte sich an, als würden all meine Organe herausgerissen und dann wieder eingesetzt werden.

Ich hörte das Kind schreien, als es aus seinem warmen Bett in meiner Gebärmutter herausgenommen wurde.

Er wurde um 4 Uhr 20 geboren. Sie legten das Kind neben meinen Kopf, Papa, Sohn und ich – wir alle lachten und weinten gleichzeitig, während ich genäht wurde.

Ich war verzweifelt und deprimiert

Nach einer Stunde habe ich mein Baby in meinem Bett das erste Mal gestillt. Es war eine unglaubliche Erfahrung und ich bin froh, dass ich es gewagt habe, obwohl es mir auch Angst gemacht hat.

Nach der Geburt bin ich in ein tiefes Loch gefallen. Ich war während der Schwangerschaft so glücklich, aber jetzt, als Mutter, war ich deprimiert, verzweifelt, litt an Panikattacken und war traumatisiert.

Die Freude und die Ruhe, die ich an meinem 40. Geburtstag verspürt hatte, hatten ihre Taschen gepackt und waren verzogen. Unsicherheit und Angst hatten sich stattdessen breit gemacht.

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Ich habe es irgendwie durch das erste Jahr geschafft

Monatelang weinte ich in das Haar meines Kindes und versuchte verzweifelt, einen Therapeuten zu finden, der sich mit Postnataler Depression auskannte und den auch meine Krankenversicherung akzeptierte.

Ich landete bei einem Emotionscoach, der aus seinem Apartment im 4. Stock heraus arbeitete und mich fragte, ob ich meine Symptome schon einmal gegoogelt hatte. Trotzdem legte sich meine Angst mit der Zeit und irgendwie habe ich es durch das erste Jahr geschafft.

Meine Mutter, die selber sechs Töchter zur Welt gebracht hatte, sagte mir einmal: "Du solltest Kinder bekommen, wenn du noch zu jung bist, um es besser zu wissen.“ Jetzt weiß ich, was sie meinte.

Mütter müssen viel von sich aufgeben

Die Höhen und Tiefen der Mutterschaft sind für jede Mutter in jedem Alter extrem, aber ich glaube, dass ich als ältere Mutter mit ein paar zusätzlichen Herausforderungen zu kämpfen hatte.

Meine Mutter, die selber sechs Töchter zur Welt gebracht hatte, sagte mir einmal. “Du solltest Kinder bekommen, wenn Du noch zu jung bist, um es besser zu wissen.“ Jetzt weiß ich, was sie meinte.

Wenn man ein Kind bekommt, dann bedeutet das, so viel von sich aufzugeben. Irgendwie ist es, als würde man sterben und dann selber auch wieder geboren werden. Für mich prallten zwei wichtige Meilensteine in meinem Leben aufeinander: Mit 40 Mutter zu werden war ein Doppel-Hammer.

Ich habe viel erreicht im Leben

Aber heute weiß ich ein bisschen mehr über die Welt als noch mit 20. Und in vielerlei Hinsicht bin ich froh, so lange gewartet zu haben, ein Kind zu bekommen.

Ich bin finanziell stabiler. Ich bin klüger und kann schwere Fragen hoffentlich auch besser beantworten und den Herausforderungen, die kommen werden, besser entgegentreten.

Ich bin weniger egoistisch. Ich habe viel erreicht und bin bereit, meine Karriereziele und Träume vorübergehend in den Winterschlaf zu schicken, damit ich mich vollständig der Entwicklung von jemand anderem widmen kann.

Wenn ich noch ein Kind möchte, muss ich adoptieren

Trotzdem frage ich mich, ob es nicht besser gewesen wäre, früher Mutter zu werden. Ich wäre dann vielleicht nicht immer so müde gewesen. Vielleicht hätte ich auch eine natürliche Geburt gehabt? Meine Mutter sagt aber, dass auch eine natürliche Geburt kein Spaziergang ist.

Mein Baby wäre mir vom Alter her näher, wir wären zusammen gewachsen, so wie meine Mutter und ich. Vielleicht hätte ich auch zwei oder drei Kinder gehabt statt nur einem Kind.

Klar, ich könnte auch jetzt noch ein Kind bekommen, an einem guten Tag wie heute kann ich mir das vorstellen. Aber meine Hände sind nie frei. Wenn ich tatsächlich einmal das Bedürfnis verspüren sollte, mich um einen weiteren kleinen Menschen zu kümmern, dann muss ich über Adoption nachdenken.

Ich musste vor allen weinen

Als mein Sohn ein Jahr alt wurde, gab es eine Party – das Thema war “Camping“. Ich spielte Lieder auf meiner Gitarre und sang mit einem Freund zusammen. Ich sah auf die Gruppe der 35 Personen, die zusammengekommen waren, dankte ihnen allen und dann begann ich zu weinen. Vor ihnen allen, wie eine große, glückliche Heulsuse.

Mit diesen Tränen ließ ich mein kinderloses Ich gehen. Ich war endlich in der Lage, das Ich zu akzeptieren, das seinen Platz eingenommen hatte.

Eine kinderlose Frau, die grade noch durch das Tor gehechtet war, bevor es für immer verschlossen wurde ist jetzt eine Mutter, die auf die vierte Dekade ihres Lebens blickt.

Dieser Artikel erschien zuerst bei HuffPost US und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

(ks)