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23/01/2018 15:38 CET | Aktualisiert 23/01/2018 17:54 CET

Ich gab meine Karriere auf – weil die Arbeitswelt frauenfeindlich ist

Wir werden zugrunde gehen, wenn wir uns weiterhin diesen Strukturen anpassen.

vm via Getty Images
"Es geht aber nicht nur um die Missachtung unserer Grundrechte – es geht auch um die generelle Geringschätzung gegenüber Frauen und ihrer Fähigkeit, erfolgreich zu sein."

Nach mehr als einem Jahrzehnt in verschiedenen Vollzeit-Jobs als Redakteurin in verschiedenen Bürolandschaften bin ich jetzt, mit 35 Jahren, selbstständig.

Es gibt auch eine offensichtliche Erklärung, warum ich nicht so tolle Titel wie “Chefredakteurin” oder ”Redaktionsleiterin” habe.

Ich verlor meinen Job Ende 2016 – sechs Monate später wurde ich mit meinem zweiten Kind schwanger.

Das ist nicht der wahre Grund

“Jetzt ist gerade einfach kein guter Zeitpunkt um in einem Büro anzufangen”, ist so gut wie immer meine Antwort, wenn ich gefragt werde, ob ich wieder vorhabe, zurück in einen Vollzeit-Job zu gehen. (Als ob es kein Vollzeit-Job wäre, sieben Deadlines in einer Woche zu haben.)

Ja, ich genieße die zusätzliche Zeit, die ich mit meiner Familie und meinem dreijährigen Sohn verbringen kann – aber wenn ich ehrlich bin, die “Zeit mit der Familie” ist nicht wirklich der Grund, warum ich bisher keinen Schreibtisch-Job mehr angenommen habe.

Als Frau bist du klar im Nachteil

Ich möchte keinen hochrangigen Job annehmen, da ich ehrlich gesagt einfach erschöpft bin – und zwar von dem grassierenden und dreisten Sexismus in der Arbeitswelt.

Ich habe einen überdurchschnittlichen Abschluss in Journalismus gemacht und als Nebenfach Gender-Studies an der New York University studiert.

Ich habe mich fortlaufend in höhere Positionen vorgearbeitet, ich war Reporterin, Redakteurin, verantwortliche Redakteurin und Nachrichtenredakteurin – jede Position erinnerte mich immer mehr daran, dass du als Frau einfach klar im Nachteil bist.

Mehr zum Thema: Gewalt gegen Frauen: “Ach, nimms doch einfach als Kompliment.”

“Deine Brüste sehen toll aus in diesem Shirt”

Es gab einen männlichen Kollegen, der jeden Tag Pornos an seinem Schreibtisch anguckte – das war direkt neben meinem Arbeitsplatz – und er kommentierte die Videos sehr laut mit anderen Kollegen. (Muss ich überhaupt hinzufügen, dass er männlich ist? Behaupten Frauen überhaupt mit Stolz von sich, dass sie Pornos am Arbeitsplatz schauen?)

Wenn ich meinen Ekel darüber zum Ausdruck brachte, wurde zu mir gesagt, ich solle nicht so unreif sein und lockerer werden.

Derselbe Typ, etwa 30 Jahre alt und mein Vorgesetzter, sagte mal zu mir: “Deine Brüste sehen toll aus in diesem Shirt.” Danach habe ich für sechs Monate Kopfhörer getragen und bald darauf gekündigt.

Ich dachte, ich bin nicht gut genug

Dann gab es diesen Reporter mit weniger Erfahrung als ich, der nach mir eingestellt wurde und – das habe ich erst später herausgefunden – knapp 10.000 Dollar mehr als ich verdiente.

Als ich meine Firma nach einer Gehaltserhöhung fragte, fing mein Herausgeber an, mich stärker zu kritisieren und meine Leistung schlechter zu beurteilen – nur um meine schlechtere Bezahlung zu rechtfertigen.

Obwohl ich wusste, dass ich den Typen übertraf – ich schrieb brandaktuelle und bessere Artikel – dachte ich irgendwo in mir, dass ich nicht gut genug bin.

Er gab es als seine Idee aus

Es gab auch einen Redaktionsleiter – einer der wenigen Männer in unserem Team – den ich um Rat bat, wie ich mit einem Kollegen umgehen soll, mit dem ich nicht zurecht kam. Seine Antwort? “Darum besetzt du dein Team nicht mit Mittzwanziger-Mädchen.”

Es gab den Manager, dem ich jede Woche eine ausführliche, gründlich recherchierte Präsentation über die Erfolge der Website und Leistungskennzahlen gab – er nahm etwas, was ich zu ihm sagte, wiederholte es beim Konferenztelefonat und gab es als seinen Ursprungsgedanken aus.

Einmal habe ich ihn konfrontiert. Seine Antwort? Etwas nach dem Motto: “Aber wie ich es ausdrücke, macht es verständlicher.”

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Ich wurde in Meetings unterbrochen

Ich hatte einen Freund, der einen Redakteur für ein Startup anwerben sollte. Als ich mich bei ihm meldete, um meinen Hut in den Ring zu werfen, sagte er zu mir: “Wir suchen eigentlich nur Männer für diese Stelle. Sorry!” Als ich darauf hinwies, dass das illegal ist, sagte er zu mir, ich solle mich abregen.

Es gab einen Journalisten, der mich in Meetings ständig unterbrach und mir über den Mund fuhr – obwohl ich seine Vorgesetzte war.

Ich hatte Kollegen (männlich und weiblich), die, nachdem ich mein Kind bekam, mit den Augen rollten und davon genervt waren, wenn ich mal für 20 Minuten verschwand um Milch abzupumpen.

In einem Vorstellungsgespräch wurde ich von einer Managerin gefragt, ob ich denn den Job mit Leib und Seele machen könne, jetzt wo ich doch ein kleines Kind zu Hause hätte (sie hatte selbst Kinder).

Ich hatte keine Beweise

Ich weiß, dass einige dieser Handlungen gegen das Gesetz verstoßen. Ich weiß, dass ich zu den jeweiligen Personalstellen hätte gehen können.

Aber keine dieser Firmen hat eine funktionierende Personalstelle – wie es die meisten Frauen erlebt haben, die ihre Stimme gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erhoben – und es wurde mir klar, dass es einfach keinen Unterschied machen würde.

Wie beweist du, dass es sich um Geschlechterdiskriminierung handelt? Wie beweist du, dass du nicht schlecht in deinem Job bist, wenn der Mann über dir dich loswerden will, weil du dich zur Wehr setzt?

Es geht um die Geringschätzung gegenüber Frauen in der Arbeitswelt

Dank vieler Frauen, die inzwischen mit ihren Geschichten über Belästigungen an die Öffentlichkeit gegangen sind, von Vorurteilen bis hin zu körperlichen Übergriffen, sind wir momentan mitten in einer Diskussion, wie frauenfeindlich die Arbeitswelt ist.

Es geht aber nicht nur um die Missachtung unserer Grundrechte für Wohlbefinden und Sicherheit, die sie so schädlich macht – es geht auch um die generelle Geringschätzung gegenüber Frauen und ihrer Fähigkeit, erfolgreich zu sein.

Wenn Männer am Arbeitsplatz, beabsichtigt oder nicht, Frauen als “Mädchen” betiteln, hyper-sexualisierte Umgebungen schaffen, uns gleichwertige Bezahlung nicht gönnen, unser Verlangen für Konfliktlösung als unreif ablehnen, uns dafür bestrafen, wenn wir Kinder bekommen und uns unterbrechen oder unsere Ideen als ihre ausgeben, sagen sie uns: Du bist weniger Wert.

Das ist die einfache Wahrheit – dass wir weniger Wert sind als Männer, wird uns immer wieder, sobald es die Situation hergibt, eingebläut.

“Die Karriere der Frauen ist nicht so wichtig wie die der Männer”

Als Reaktion auf die Entscheidung der Zeitung “The New York Times”, den Reporter Glenn Thrush weiter zu beschäftigen, obwohl er nur eine vergiftete Stimmung verursachte und die immer weiter förderte, twitterte die feministische Autorin Jessica Valenti: “Was die “New York Times” macht – und schon seit Trushs Suspension macht – ist Frauen das Signal zu geben, dass ihre Karrieren nicht so wichtig sind, wie die der Männer. Punkt.”

Das ist das selbe Signal, das ich von beinahe von jeder Arbeitsstelle, die ich je hatte, bekam.

Das Signal kam nicht von einer Person. Es wurde nicht mit Absicht geschaffen oder erzwungen. Aber: Dass Bedenken, die Frauen am Arbeitsplatz äußern, einfach ungeprüft zurückgewiesen werden, hat – in dieser Häufigkeit – den Effekt, dass wir glauben, weniger Wert zu sein.

Warum konnte ich mich nicht anpassen

Ich habe dieses Signal als persönliches Versagen verinnerlicht. Ich habe mich selbst dafür verantwortlich gemacht, dass ich es “erlaubt” habe, dass mich diese Doppelstandarts so fertig machen.

Natürlich haben viele Frauen inzwischen auch Top-Positionen in männerdominierten Umfeldern erreicht.

Warum war ich also nicht imstande, ihren stahlharten Schneid zu haben? Warum konnte ich mich nicht anpassen?

Weiß und männlich gewinnt

Letztendlich wurde ich einfach müde, denke ich. Zu müde, mittelmäßige Typen zu beobachten, wie sie hohe Positionen bekamen, weil sie sympathisch waren.

Müde von der Aussage, dass ich rausfinden muss, wie ich in einer Kultur überleben kann, die Männlichkeit und Weißheit vorrangig auszeichnet und unterstützt.

Ich wurde müde, mir meine eigenen Ideen von anderen anhören zu müssen. Vom Unterbrochenwerden. Davon, andere Frauen zu sehen, wie sie sich gegenseitig zerfetzen, nur um an die Spitze zu kommen.

Ich wurde nicht für schlechte Leistung bestraft

Natürlich habe ich auch meine Fehler als Angestellte gemacht – auch als Managerin und als Autorin. Wer hat das nicht?

Ich bin nicht hier um zu sagen, dass ich perfekt bin. Aber die Bestrafung hat nie ganz zur Straftat gepasst. Denn letztendlich wurde ich nicht für schlechte Leistung bestraft.

Ich wurde dafür bestraft, dass ich nicht härter gearbeitet habe, eine Kultur aufzubauen und aufrecht zu erhalten, die eine tödliche Kombination aus dem Ego und der Libido alter, weißer Männer ist.

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Wir haben uns selbst reingelegt

Erst vor kurzem schrieb Rebecca Traister ein Stück als Antwort auf die Belästigung am Arbeitsplatz mit dem Titel “This Moment Isn’t (Just) About Sex. It’s Really About Work”(eng. In diesem Moment geht es nicht (nur) um Sex. Es geht wirklich um die Arbeit).  

Sie beschreibt, wie diese Macht-Dynamik das Selbstbewusstsein der Frauen am Arbeitsplatz verschleißt.

Sie zeigt die Enttäuschung, die Frauen haben, weil “wir uns selbst so reingelegt haben. Weil wir uns wirklich dachten, dass Männer uns für schlau halten und als überragende Kollegen, sogar als Rivalen sehen – und nicht als diese Objekte, bei denen sie einfach zugreifen können. Die sie einfach begrabschen und erniedrigen können, ohne Konsequenzen dafür zu tragen”.

Traister schreibt: “Der Zugang, den Frauen zur Macht an ihrem Arbeitsplatz haben, ist reduziert – oft durch den gleichen Mechanismus, der Männer fördert, beschützt und vergibt. Das System, dass den Männern zweifache, dreifache Chancen gibt, voranzukommen. Egal was sie machen.”

Ich hatte tolle Chefs und Kollegen

Das Jahr, das ich außerhalb des Systems der Misshandlung verbracht habe, war ein Jahr der Reflektion.

Ich habe meinen Fokus auf die fantastischen Chefs und Kollegen, die ich über die Jahre hinweg hatte, gelegt – einschließlich der männlichen Chefs, die wie Mentoren für mich waren, mich wie eine richtige Kollegin behandelt haben und meine weiblichen Fähigkeiten als Gewinn gesehen haben, nicht als Nachteil.

Im Laufe der Zeit habe ich es geschafft, diese Schuld von mir zu weisen und zu akzeptieren, dass ich gut bin – es ist diese Kultur, die dringlich repariert werden muss.

Besonders in den letzten paar Monaten hat sich diese Ansicht verfestigt – wieder und wieder.

Mein Widerstand ist gerechtfertigt

An die vielen Frauen, die mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit gegangen sind, zusammen mit den Stimmen der Journalisten und Autoren, die ihre Geschichten über die Arbeitswelt und Sexismus analysiert, zusammengefasst und veröffentlicht haben: Ich danke euch.

Ich danke euch dafür, dass ihr mir geholfen habt, zu erkennen, dass ich nicht alleine mit meinem Problem bin.

Dafür, dass ich jetzt erkenne, dass mein Widerstand, diese großen Unwahrheiten zu akzeptieren – dass ich nicht gut genug oder schlau oder qualifiziert bin – richtig ist.

Es ist befreiend, nicht mehr in einem Büro zu arbeiten

Das Jahr, das ich nicht in einem Büro verbracht habe, hat mir geholfen mein Selbstbewusstsein wiederzufinden, das ich verloren hatte.

Ich kann meine Energie in die Arbeit stecken, statt mich um psychologische Landmienen zu navigieren.

Nicht mehr in einem Büro-Umfeld zu sein, hat beinahe alle giftigen Begegnungen ausgelöscht, die mir in vielen Jobs hatte. Es ist sehr befreiend.

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Wir dürfen uns nicht weiterhin anpassen

Die Zeit hat mir ebenso gezeigt, dass solange Arbeitgeber sich weigern, sich an das Leben und gleichzeitig auch Realitäten von Frauen anzupassen, diese Umgebungen Frauen immer Schaden zufügen werden.

Und solange wir uns als Frauen weiterhin diesen Strukturen anpassen, solange wir den Mythos aufrechterhalten, dass dieses System in Ordnung ist – was es für die ist, die schon daran zerbrochen sind – werden wir daran zugrunde gehen, in dem wir einfach nur versuchen darin zu existieren.

Dieser Text erschien zuerst bei HuffPost US und wurde von Martina Zink aus dem Englischen übersetzt. 

 

(ks)