BLOG
19/06/2018 23:41 CEST | Aktualisiert 20/06/2018 02:31 CEST

Deutschland wurde mein Rettungsland – nicht nur einmal

Dogan Akhanli erzählt von seiner Flucht aus der Türkei.

Manfred Wegener/Dogan Akhanli

Dogan Akhanli zählt zu den bekanntesten Autoren Deutschlands. 1991 floh er aus der Türkei nach Deutschland, seit 1992 lebt er in Köln.

Der türkische Staat hat mich schon ziemlich früh als gefährlich eingestuft, weil ich Mitte der 70er-Jahre, im Alter von 18, an einem Kiosk eine linke Zeitung gekauft hatte.

Elf Tage lang wurde ich vernommen. Die Beamten, deren einzige Ermittlungsmethode Folter war, waren längst davon überzeugt, dass ich mit dem Erwerb jener Zeitschrift den Umsturz der türkischen Republik beschlossen hatte.

Der damaligen Anklageschrift zufolge sollte ich als Kopf einer links-extremen Gruppe den “Umsturz der verfassungsmäßigen Ordnung” angestrebt haben.

De facto herrschte Bürgerkrieg im ganzen Land

Als ich vier Monate später freigelassen wurde, war ich politisiert, ich hielt mich für einen Theoretiker und einen entschlossenen Kämpfer gegen den Imperialismus und den Faschismus. Seit jenem Tag war es mir nicht mehr möglich, meinen Frieden mit dem Staat der Türkischen Republik zu schließen. 

 

De facto herrschte Bürgerkrieg im ganzen Land. Das Militär putschte am 12. September 1980. Ich studierte zu jener Zeit Geschichte am erziehungswissenschaftlichen Institut in Trabzon. In die sozialwissenschaftliche Fakultät hatte ich nach dem Putsch keinen Fuß mehr gesetzt und hatte die Stadt verlassen, nachdem meine Freunde ausnahmslos verhaftet worden waren.

Eigentlich wäre es am klügsten gewesen, ins Ausland zu fliehen oder sich zurückzuziehen und abzuwarten, bis sich die Wogen geglättet haben. Die Wut in mir, im Mai 1975 im Istanbuler Polizeipräsidium gefoltert worden zu sein, muss aber so unbändig gewesen sein, dass es mir nicht in den Sinn kam, mich ins Ausland abzusetzen oder mich aus allem zurückzuziehen.

Ich schloss mich der TDKP an, der Revolutionären Kommunistischen Partei der Türkei, die 1980 gegründet wurde.

Drei traumatisierte Menschen

Ich wurde dann im Mai 1985 mit meiner Frau und unserem damals 16 Monate alten Sohn erneut “befragt”. Die “Befragung” dauerte einen Monat.

  • Die Türkei im Jahr 1991: Die Wirtschaft stürzt in eine Rezession, viele Flüchtlinge kommen infolge des Golfkriegs aus dem Irak ins Land.
  • Deutschland im Jahr 1991: Im sächsischen Hoyerswerda attackieren Neonazis vietnamesische Arbeiter und Flüchtlinge aus anderen Staaten, die Polizei bekommt den Mob tagelang nicht in den Griff.

Auf dem Markt der sächsischen Kleinstadt Hoyerswerda werden am 17. September 1991 vietnamesische Händler angegriffen. Das ist der Auftakt für fünf Tage Hass und Gewalt im rechtsfreien Raum. Brandsätze fliegen auf das Asylbewerberheim, die Polizei kapitulierte vor den Nazis.

In diesem Monat wurden mein Sohn und meine Frau ins Krankenhaus verlegt. 

Als meine Frau ein Jahr später und ich drei Jahre später freigelassen wurden, waren wir zu drei traumatisierten Menschen geworden. Ich war Zeuge der Folterungen, der fünfzig gerichtlichen sowie der vielen außergerichtlichen Hinrichtungen und der anderen Untaten der Putschisten gewesen.

Ende ’91 verließ ich die Türkei mit meiner Familie und ging nach Köln.

Zwei verschiedene Deutschlands

In Deutschland habe ich innerhalb kürzester Zeit zwei verschiedene Deutschlands kennengelernt.

Ich habe die rassistischen Angriffe in Hoyerswerda und in Rostock-Lichtenhagen mitbekommen, und gleichzeitig habe ich den 9. November 1992 miterlebt. Ich war einer unter den 100.000 Menschen auf dem Chlodwigplatz in Köln, die gegen Rassismus und Neonazis demonstriert haben.

In dem einen Deutschland lebt die übriggebliebene Vernichtungsseele der NS-Vergangenheit noch fort. Das andere Deutschland ist geprägt von Lebendigkeit und Wandel, weil es seine historische Gewaltgeschichte aufarbeitet.

Deutschland, unser “Rettungsland”

Nicht lange nach dem Anschlag von Solingen wurden unsere Asylanträge anerkannt. Mit dem erreichten gesicherten Bleiberecht, mit politischer, persönlicher und auch mit kollegialer Unterstützung wurde es mir möglich, ein unabhängiges Leben aufzubauen.

Nicht mehr die Angst, sondern die Solidarität, die wir als Familie erlebten, hat meine Beziehung zu unserem Zufluchtsland Deutschland geprägt, und zwar sehr positiv geprägt.

Deutschland hat sich durch die Aufarbeitung seiner Geschichte verändert. Trotz der unverzeihlichen Schwächen der Sicherheitsbehörden, die die NSU-Morde sowie ähnliche Übergriffe und Anschläge nicht verhindern konnten, hat die heutige Erinnerungskultur Deutschlands nicht nur für das Land selbst, sondern auch auf internationaler Ebene große Bedeutung.

Kurz: Deutschland wurde unser “Zufluchtsland“ oder besser gesagt, unser “Rettungsland“. Und nicht nur einmal!

1990 bis 1999