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01/08/2018 14:53 CEST | Aktualisiert 01/08/2018 14:53 CEST

Ich habe in den USA falsch geparkt – einen Monat später stand ich vor dem Richter

Ich habe doch nichts verbrochen.

Dennis Macdonald via Getty Images
Mein Strafzettel brachte mich vor Gericht. (Symbolbild)

Schweißgebadet sitze ich da. Auf einer dunklen Holzbank. In einem US-amerikanischen Gericht. Ich habe Angst, weil ich nicht weiß, was mich erwartet.

Ja, ich werde vor einem Richter stehen. Es schwirren mir Tausende Fragen im Kopf herum: Wie läuft das hier ab? Wie muss ich mich verhalten? Welche Strafe erwartet mich? Ich hab doch gar nichts verbrochen.

Ich habe doch bloß falsch geparkt. Obwohl – nicht einmal das. Ich war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. 

Als Au Pair in den USA 

Im August 2013 ging ich, wie viele nach dem Abitur, für ein Jahr ins Ausland – in die USA. Ich wollte etwas erleben, Erfahrungen sammeln, neue Menschen kennenlernen. Mit der Kultur kannte ich mich ein bisschen aus, da ein Teil meiner Familie auch dort lebt. 

Nach einem anstrengenden und langwierigen Bewerbungsprozess hatte sich eine Gastfamilie bei mir gemeldet. Aus Long Island. In New York!

New York! Wahnsinn! Ich hatte sofort die Melodie von “Empire State of Mind” in meinem Kopf. 

Wer jetzt denkt: “Geil! New York! Party, Shoppen, Sighsteeing”, der irrt sich. Kinder zu betreuen, ist anstrengend. Amerikanische Kinder zu betreuen, noch anstrengender.

Dieser blöde Bahnhof

Nach acht Monaten besuchte mich mein damaliger Freund. Er wollte natürlich die Großstadt sehen – von Long Island etwa 30 Minuten Zugfahrt entfernt. Also machten wir uns mit dem weißen Honda meiner Gasteltern, den ich ganz für mich alleine hatte, an einem Freitag auf. Die Strecke kannte ich in und auswendig. Schließlich war ich jede Woche hier, um in den Trubel einzutauchen.

Ich stellte das Auto ab, wir kauften uns Zugtickets und fuhren nach New York City rein. Nach einem anstrengenden Tag kamen wir zurück in die Kleinstadt. 

Sofort bemerkte ich ein gelbes Blatt, das hinter den Scheibenwischern auf der Windschutzscheibe klebte. “Na toll! Auch das noch”, dachte ich in dem Moment. Sofort bekam ich ein flaues Gefühl im Magen. 

“Das wird teuer”

Ich wusste bereits, was es war: ein Strafzettel. Nein, sogar zwei. Ich ärgerte mich, weil mir klar wurde, dass ich jetzt zur Kasse gebeten werden würde. Doch es kam noch viel schlimmer.

Verzweifelt ging ich zu meinen Gasteltern. Mit starrem Blick sahen sie mich an. Dann bekam meine Gastmutter nur einen Satz heraus: “Das wird teuer.”

“Scheiße!”, dachte ich. “Das muss doch jetzt wirklich nicht sein.” 

Meine Gastmutter erklärte mir, was die Strafzettel bedeuteten. Ich hatte mich sowieso schon gewundert, warum es zwei waren. Reicht denn nicht einer? Ich fragte nach.

Sie erklärte, dass der Polizist zweimal am Auto vorbeigegangen war und mich somit auch zweimal aufgeschrieben hat. WIE BITTE? Ja! Bei seinem zweiten Durchgang stand mein Auto eben immer noch da.

Nicht nur, dass diese Strafzettel laut Aussage meiner Gastmutter teuer waren. Nein, es kam noch schlimmer. Sie waren eine Vorladung. Ja, richtig. Ich sollte mich vor Gericht verantworten. 

Privat
Die Strafzettel.

Ich habe den Gerichtstermin verpasst

Am 23. Mai sollte es also soweit sein. Ich musste mich vor dem Richter verantworten. Und was tat ich? Ich saß am Pool, spielte mit meinen Gastkindern.

Abends ging ich auf mein Zimmer, wo schon das nächste Grauen auf mich wartete. Da lag sie: die böse Erinnerung an den Gerichtstermin, den ich verpasst hatte. “Scheiße!”, dachte ich. “Der wäre heute gewesen.” Ich bekam Panik.

Sofort beichtete ich meine eigene Dummheit meiner Gastmutter. Ich dachte mir, schlimmer kann es sowieso nicht mehr kommen. Ich sollte mich irren. “Oh, nicht gut. Das bedeutet, du wirst dafür auch eine Strafe zahlen müssen”, sagte sie. Eine Chance gebe es aber noch, dass man bei Gerichtsterminen am Ende doch nichts zahlen müsse. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich sollte am nächstmöglichen Tag zum Gericht fahren. Das tat ich dann auch. 

Die große Show im Gerichtssaal

Es war so weit. Mit schwitzenden Händen und flauem Magen stieg ich ins Auto und fuhr los. Ich hatte Angst. Am Gericht angekommen, musste ich auch noch einen Parkschein ziehen. Die Ironie des Schicksals: Weil ich das vor einigen Wochen nicht gemacht habe, muss ich jetzt vor den Richter.

Ich kam in das Gebäude und sah schon die lange Schlange, die in den Saal führte. Ich zeigte der Sicherheitsbeamtin am Eingang meinen deutschen Ausweis zur Identifikation. Die hat nicht schlecht gestaunt – Amerikaner lieben den deutschen Personalausweis, er schimmert so schön.

Dann trat ich in den Saal ein und musste mich erst einmal auf eine dunkle Holzbank setzen. Ich sollte ausharren, bis mein Name aufgerufen wurde – beziehungsweise der Name meines Gastvaters, denn das Auto war auf ihn angemeldet. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam ich dann endlich dran. 

Einem Sachbearbeiter sollte ich nun die Situation schildern. Ich packte den deutschesten Akzent und meine schauspielerischen Talente aus, die ich hervorbringen konnte und stammelte so etwas wie: “Sorry, I didn’t know!” – “Tut mir leid, ich hatte keine Ahnung.” Das war nicht einmal gelogen. Dann erklärte ich noch, dass ich aus Deutschland sei und noch nicht so lange in den USA wäre. Ich wollte einfach als unschuldiges deutsches Mädchen auf die Tränendrüse drücken.

Das musste ich aber gar nicht. Wie sich herausstellte, war der Sachbearbeiter selbst kein Fan des Bahnhof-Parkplatzes: “Dort ist es etwas kompliziert mit dem Parken. Niemand kennt die Regeln so genau”, sagte er. 

Warum ich direkt eine Strafe bekommen hatte, wisse er selbst nicht, da die Zettel eigentlich nur eine Vorwarnung seien. Der springende Punkt: Ich hatte keinen Parkschein gelöst. Aber da ich immer nur am Wochenende da war, wusste ich davon nichts. Samstag und Sonntag ist das Parken gratis. Doch weil ich an einem Freitag mein Auto dort abstellte, hätte ich mir zum Parken eine offizielle Erlaubnis der Stadt beim örtlichen Rathaus holen müssen. Ich durfte später feststellen, dass das in vielen kleinen Städten in den USA so ist.

“Ok, ich werde den Richter bitten, einen Strafzettel zu erlassen”, sagte der Sachbearbeiter. Ich sollte mich setzen, bis ich in den Gerichtssaal aufgerufen werde.

“Bekennen Sie sich schuldig oder nicht schuldig?”

Der Moment war gekommen. Mit vier anderen “Verbrechern” wurde ich in einen anderen Raum zum Richter gerufen. Nur noch die Handschellen und zwei Polizisten an meiner Seite haben gefehlt, um das Bild perfekt aussehen zu lassen.

Da saß der Richter in einer langen schwarzen Robe. Wie eine riesige Statue, die auf uns herabstarrte. Neben ihm seine Protokollantin.

Nachdem sich der Mann neben mir sogar mit ihm anlegte, blieb ich ganz still, bis er mir schließlich seinen bösen Blick zuwarf. Ich musste aufstehen und die Hand heben. Dann stellte er die alles entscheidende Frage: “Bekennen sie sich eines Strafzettels schuldig oder nicht schuldig?” Ja, was sollte ich da noch sagen? Schuldig war ich allemal. Es war reine Dummheit, aber ich war schuld, also plädierte ich für schuldig und wurde mit dem Hinweis entlassen, dass ich die Strafe gleich in Bar am Schalter zahlen könne.

Das tat ich auch. Ich war um 70 Dollar leichter und mir ging es den Umständen entsprechend gut. Es war endlich vorbei. Aber ich war um eine Erfahrung reicher und habe daraus gelernt: In den USA kommt man sogar wegen Falschparkens vor Gericht.