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16/10/2018 18:56 CEST | Aktualisiert 16/10/2018 18:56 CEST

Ich habe einen Monat lang versucht, kein Essen wegzuwerfen – und bin gescheitert

Lebensmittelverschwendung zu vermeiden ist gar nicht so einfach.

Ich kaufe gern ein, ich koche gerne, ich versuche, meine Mahlzeiten zu planen. Dennoch kommt es immer wieder vor, dass ich Lebensmittel entsorgen muss. Weil etwas verdirbt zum Beispiel. Oder weil ich es doch nicht mag. Deswegen habe ein Experiment gewagt:

Ich habe beschlossen, einen Monat lang keine Nahrung wegzuwerfen.

Spoiler-Alert: Ich habe es nicht geschafft.

Das hier ist die Geschichte eines gescheiterten Selbstversuchs und der Suche nach einer Antwort auf die Frage: Warum werfen wir überhaupt Lebensmittel weg?

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Meine Generation wirft einmal pro Woche Essen weg

18 Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland laut einer Studie des WWF jährlich auf dem Müll – das entspricht etwa zu einem Drittel dem, was wir tatsächlich essen (54,5 Millionen Tonnen). 39 Prozent davon werden von uns Endverbrauchern entsorgt, also von Menschen wie mir, die ihr Lebensmittelmanagement zu Hause einfach nicht im Griff haben, zu große Mengen einkaufen oder zu sehr aufs Mindeshaltbarkeitsdatum achten.

Gerade jüngere Generationen im Alter von 21 bis 51 Jahren werfen laut einer Studie von 2016 vermehrt Lebensmittel weg: So fanden die Forscher des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln heraus, dass gerade Vorkriegs- und direkte Nachkriegsgenerationen selten Nahrungsmittel entsorgen – etwa ein Drittel gibt sogar an, niemals Essen wegzuwerfen. 

Bei den zwischen 1965 und 1995 Geborenen sind es lediglich acht Prozent, bei denen keine Nahrung in der Tonne landet. Bis zu drei Prozent dieser Geburtenjahrgänge entsorgen sogar täglich Lebensmittel.

► Zu dieser Gruppe gehöre ich. Ich bin Teil einer deutschen Generation, die niemals Hunger leiden musste. Die nur vollbepackte Supermärkte, enormen Überfluss und hochpolierte Äpfel kennt. Die täglich wählen kann zwischen Kurkuma, Kumquat und Quinoa. 

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Wegwerfen geht einfacher als Verkochen

Ich schätze, im Schnitt werfe ich einmal pro Woche Lebensmittel weg. Warum eigentlich, habe ich mich selbst gefragt? Es kann doch nicht so schwer sein, einfach mal seine Einkäufe zu verbrauchen. Kleinere Portionen im Restaurant zu bestellen oder sich seine Reste zum Mitnehmen einzupacken. 

Während des letzten Monats habe ich festgestellt: Es ist schwerer, als gedacht.

Mein Selbstversuch beginnt damit, Essen wegzuwerfen

Mein Selbstversuch, den ganzen September lang kein Essen wegzuwerfen, beginnt damit, dass ich, ironischerweise, Essen wegwerfe. Aus dem Kühlschrank ziehe ich zwei kleine, schwarze, leicht angeschimmelte Möhren und kloppe sie in den Müll. 

Danach beginne ich meine Wochenplanung: 

► Was kann ich eigentlich immer essen?

Was kann ich gut im Schrank lagern?

Was kann ich einfrieren?

Ich versuche, mehr Konserven zu kaufen. Salat wird von nun an gegessen, wenn er schon ein paar Tage alt und etwas welk oder bräunlich ist. Schrumpliges Obst wird eingekocht und unters Müsli gerührt. 

Dennoch geschieht mir nur wenige Tage nach Start meines Experiments ein Faux-pas: Ich muss eine Handvoll Blaubeeren entsorgen, die geschimmelt sind. Immerhin kann ich gut zwei Drittel der Verpackung retten und friere sie vorsichtshalber ein. Ich fühle mich irgendwie gescheitert: Eine erwachsene, junge Frau, die nicht einmal eine Schachtel Blaubeeren im Griff hat – wie soll sie dann ihr restliches Leben in den Griff kriegen?

Ich merke, wie ich im Laufe der Wochen immer wieder versuche, mich selbst auszutricksen.

► Beim Essen mit Freunden schiebe ich ihnen meine Reste zu, um mich der Verantwortung zu entledigen.

► Nach der Arbeit rufe ich Kollegen an, die noch im Büro sind und überrede sie, meinen halben Joghurt zu essen.

► Im Urlaub in Sarajevo überrede ich einen jungen Neuseeländer, das Brot, das ich im Restaurant liegen gelassen hatte, einzustecken. Er vergisst es und entsorgt nach ein paar Tagen eine krümmelige Masse aus seinem Rucksack. Ich bin froh, weil ich die Verantwortung vorher abgegeben habe.

Ich habe nicht gelernt, verantwortungsbewusst mit Essen umzugehen

Mir wird bewusst: In meinem bisherigen Leben habe ich zwar gelernt, mich selbst zu ernähren. Allerdings habe ich nicht gelernt, verantwortungsbewusst mit Nahrung umzugehen.

Um mir Inspiration zu holen, fahre ich zum foodsharing Festival in Berlin. Zwei Tage lang will ich mich dort mit Menschen treffen, die gegen Lebensmittelverschwendung kämpfen und mit kochen, schnippeln, essen und spülen – denn das foodsharing Festival ist eine Mitmach-Festival: Hier dreht sich alles um Lebensmittel retten und teilen. 

Agatha Kremplewski
Beim foodsharing Festival haben wir alle gemeinsam draußen gegessen.

Beim Festival merke ich schnell, dass ich eine der wenigen Neueinsteigerinnen bin – die meisten engagieren sich schon regelmäßig gegen Lebensmittelverschwendung. Ich dränge mich durch die etwa 200 Besucher durch und frage hier und da, was sie zum Retten von Lebensmitteln bewegt. 

So sagt eine Teilnehmerin zum Beispiel: 

“Wenn ich manchmal abends beim Bäcker Brot und Brötchen hole, die sonst im Müll landen würden, und sie dann auf der Straße an fremde Menschen verteile, freuen sie sich ungemein.”

Generell scheint nicht nur der ökologische Aspekt ein Motivator bei der Lebensmittelrettung zu sein. So betont eine andere Teilnehmerin, dass sie vor allem den sozialen Aspekt mag, denn “Lebensmittel verbinden”

Das merke ich auf dem Festival. Schnell kommen wir beim Schnippeln, Essen und Spülen ins Gespräch – wir tauschen uns aus, was wir im Alltag tun, um keine Nahrung wegzuwerfen und geben uns gegenseitig Tipps.

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Eine junge Studentin erzählt, wie sie eines Tages angefangen hat, Leute bei der Geschirrrückgabe in der Mensa anzusprechen, ob sie deren Essensreste haben darf. Sie berichtet:

“Einige haben komisch reagiert, und ich muss zugeben, auch ich musste mich am Anfang überwinden, die Reste anderer Menschen zu essen. Aber andere haben sich extrem gefreut, weil sie so ein schlechtes Gewissen hatten, Essen wegwerfen zu müssen.”

► Ich schwanke zwischen Bewunderung und Ekel – und bin gleichzeitig erstaunt über mich selbst: Schließlich habe ich kein Problem damit, mit Freunden Essen zu teilen. Warum sollte man nicht auch mit Fremden teilen?

Wenn Lebensmittel zu billig sind, schätzen wir sie nicht wert

“Man muss es nicht als Belastung sehen, Lebensmittelverschwendung zu vermeiden. Das kann auch Spaß machen”, sagt auch Frank Bowinkelmann, mit dem ich mich vor dem Essen unterhalte. Bowinkelmann ist Vorsitzender des foodsharing e.V. in Köln.  

Agatha Kremplewski
Das foodsharing Festival ist ein Mitmach-Festival. Hier wird geschnippelt, gekocht, gegessen.

Bowinkelmanns Meinung nach ist das Problem, dass wir Lebensmittel einfach nicht mehr wertschätzen, weil sie zu günstig sind. Gerade bei Fleisch ärgert mich das auch oft, wenn es so billig verkauft wird – wenn ein Kilo Huhn knapp über 5 Euro kostet, wenn man eine Currywurst für einen Euro bekommt oder eine Packung Salami für 1,50 Euro, ist es klar, dass wir unsere Lebensmittel nicht wertschätzen. 

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Auch bemängelt Bowinkelmann, dass wir nicht mehr allen unseren Sinnen trauen. Wir verlassen uns lediglich auf die Optik unserer Nahrung: “Lebensmittel werden mittlerweile ähnlich präsentiert wie neue Autos: hochpoliert. Ein Apfel ist normalerweise allerdings nicht gewachst, das ist nicht natürlich.

Schönes, poliertes Obst, kerzengerade gewachsene Möhren, wie von magischer Hand stets aufgefüllte Supermarktregale: Das prägt unsere Sehgewohnheiten. Dabei könnten sich 84 Prozent der Konsumenten laut einer YouGov-Umfrage von 2013 vorstellen, Obst und Gemüse mit Schönheitsfehlern zu kaufen – erst recht zu günstigeren Preisen. 

Eine weitere Umfrage der Meinungs-Plattform von 2017 zeigt auch, dass viele Kunden sich auch mit einer kleineren Auswahl zufrieden geben würden, solange die Qualität stimmt. 

Trotzdem landen Lebensmittel häufig genug im Müll. Also frage ich Bowinkelmann, was ich aktiv tun kann, um keine Nahrung zu verschwenden. 

Er meint, man müsse sich auf das Lebensmittelmanagement zu Hause konzentrieren: “Zum Beispiel kann man darauf achten, Lebensmittel, die sich länger halten, weiter hinten im Schrank oder Kühlschrank zu verstauen – so verbraucht man automatisch zuerst die Nahrung, die bald abläuft.”

Auch versucht er selbst mittlerweile Lebensmittel zu kaufen, die kleine Makel aufweisen oder bald ablaufen. Der Tipp, der mich am meisten überrascht, ist allerdings: 

“Das klingt banal, aber man kann auch einfach in den Mülleimer schauen, um zu sehen, wie viel Essen man wegwirft. So habe ich auch angefangen.”

Natürlich kann ich solche Angewohnheiten in meinen Alltag einbauen. Ich frage mich allerdings, was ich tun kann, um Lebensmittelverschwendung zu vermeiden, bevor ich einkaufe. 

Gerettete Lebensmittel direkt einkaufen: SirPlus und Too Good To Go 

Zum Beispiel kann ich bei Supermärkten wie SirPlus einkaufen, die Händlern überschüssige Lebensmittel in größeren Mengen abkaufen und dann zu einem günstigeren Preis wieder in den Konsumkreislauf einbringen. So kann ich als Konsument gleich gerettete Lebensmittel einkaufen.

Martin Schott, Gründer und CIO von SirPlus, macht bei einer Gesprächsrunde deutlich, wie schwer es vielen Menschen fällt, Lebensmittelverschwendung zu vermeiden: 

“Viele Menschen möchten gerne etwas machen, finden es aber schwer das in ihren Alltag zu integrieren. Damit alle Menschen mitmachen können, haben wir es so einfach wie möglich gestaltet, Lebensmittel zu retten.”

Einen SirPlus-Supermarkt gibt es bisweilen in Berlin, zudem beliefert ein Online-Shop die Umgebung.

Wer gern auswärts isst, kann auf Apps wie “Too Good To Go” zurückgreifen: Über die App findet man teilnehmende Restaurants, Imbisse und Bäckereien, bei denen man abends vergünstigt übrig gebliebenes Essen abholen kann.

Teresa Rath, Sprecherin von Too Good To Go, findet es besonders wichtig, die verschiedenen Akteure, also Verkäufer und Konsument, miteinander zu verbinden.

Raths Tipp für mich, wie ich gegen Lebensmittelverschwendung im Alltag vorgehen kann, lautet: “Beim Einkaufen einzelne Bananen kaufen, die sonst übrig bleiben würden. Und man sollte das Mindesthaltbarkeitsdatum nicht immer allzu ernst nehmen.”

► Nun gut. Ich habe gelernt: Wer Lebensmittelverschwendung vermeiden will, muss seine Gewohnheiten umstellen. Manchmal etwas mehr Zeit investieren. Sogar Gefühle von Ekel überwinden. 

Um ein paar Informationen reicher fahre ich zurück nach München, wo ich beschließe, endlich selbst aktiv zu werden und Lebensmittel zu teilen. 

Ich verschenke Essen – es geht erstaunlich einfach

In meinem Kühlschrank finde ich eine Packung Salat, etwas Gemüse und Obst – alles noch gut, aber man sollte es zeitnah verbrauchen. Ich weiß, ich schaffe es nicht, die Menge allein aufzuessen. Also mache ich ein Foto meiner Lebensmittel und stelle sie auf die foodsharing-Seite und in die foodsharing-Facebook-Gruppe. Dort können Lebensmittel geteilt und abgeholt werden.

Agatha Kremplewski
Das Essen, das ich bei Facebook eingestellt habe, wurde sofort abgeholt.

Es dauert gerade einmal eine halbe Stunde, bis sich eine junge Frau meldet und das Essen sogar bei mir abholt.

Das ist das erste Mal in diesem Monat, dass ich ein echtes Erfolgserlebnis verspüre: Das ging einfach. Das ging schnell. 

Mir kann niemand mehr erzählen, dass es nicht einfach wäre, Lebensmittel zu retten

Nach diesem Erlebnis kann mir keiner mehr erzählen: Er hätte keine Zeit, seine Lebensmittel anderweitig zu verteilen. Ich selbst habe jetzt keine Ausrede mehr. 

► Was ich während dieses Monats gelernt habe: Nahrung nicht unnötig wegzuwerfen, ist gleichzeitig einfach und verdammt schwierig. Oft muss man ein wenig mehr Aufwand betreiben, aber es lohnt sich.

Zumindest für mich persönlich. Ich erinnere mich an eine Teilnehmerin des foodsharing Festivals, die sagte: 

“Ich möchte in 20 Jahren, wenn unsere Umwelt noch weiter oder komplett zerstört ist, nicht diejenige sein, die nichts getan hat.”

Ich kann verstehen, wie sie sich fühlt. Allerdings stelle ich mir auch die Fragen:

► Wie viel Verantwortung kann der Einzelne tragen?

► Wie viel kann ich als Individuum ausrichten, um Lebensmittel zu retten, die sonst ungegessen in den Müll wandern?  

Ich habe gelernt: Ich als einzelne Person kann eine Menge tun. Ich kann Essen teilen und verschenken, ich kann besser planen – aber wichtig ist es, alle Akteure, die in Lebensmittelproduktion involviert sind, mit ins Boot zu holen.

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Es müssen am Ende allerdings auch Unternehmen und Politik mitziehen, damit sich wirklich etwas verändert und wir nicht mehr tonnenweise genießbares Essen wegwerfen.

Dafür müsste das Mindesthaltbarkeitsdatum abgeschafft werden. Supermärkte müssten aufhören, ihre Regale zu jeder Uhrzeit bis zum Platzen zu befüllen. Kooperationen mit karitativen Organisationen wie der Tafel müssten gestärkt werden.

Wenn wir zuerst unser Bewusstsein schärfen, Gewohnheiten ändern, unsere Normen an unser neues Denken anpassen, werden in Zukunft auch größere Akteure auf uns reagieren müssen. 

(glm)