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28/12/2017 16:56 CET | Aktualisiert 28/12/2017 17:00 CET

Ich habe einen alten Mann geschlagen - obwohl es ihm gefallen hat, fühle ich mich schlecht

Es sah brutal aus, doch er hat keinen Mucks von sich gegeben.

Getty Images
Der Domina-Workshop kostet jede Teilnehmerin rund 200 Euro

Ich nehme die Peitsche - und schlage zu. Zielgerichtet auf den nackten Hintern des Mannes, der vor mir steht. Meine Hände zittern.

Ich setze mich wieder hin. Und fühle mich schlecht. Denn ich habe gerade einen alten Mann geschlagen - einen Mann, der mein Opa sein könnte.

Eigentlich halte ich nichts von Gewalt. Meine Freunde würden mich als “lieb” oder “süß” bezeichnen. Und trotzdem habe ich zusammen mit einer Gruppe anderer Frauen einen über 60 Jahre alten Mann mit einer Peitsche verprügelt.

Die Geschichte beginnt mit einem Besuch in einem Münchner Domina-Studio. Meine Kollegin und ich haben dort einen Interviewtermin mit der Besitzerin.

Die Gegend, eine Wohngegend im Münchner Osten, sieht komplett verlassen aus. Von Außen ist das Domina-Studio nicht von einem normalen Wohnhaus zu unterscheiden.

Er trägt eine Maske und eine Lederhose

Erst als die Türe aufgeht, wird uns klar, dass sich in diesem Gebäude keine alltäglichen Dinge abspielen.

Vor uns steht ein breiter Mann mit schwarzer Maske. Außer der trägt er nur noch eine Lederhose.

Er bittet uns hinein und wir betreten eine völlig neue Welt: Das ganze Haus ist verdunkelt und schimmert in rotem Licht. Die Fenster sind mit schweren Teppichen zugehängt, an den Wänden sind Haken, Ketten und kleine Käfige.

Als wir im ersten Stock ankommen, verrät uns der Tür-öffnende Maskenmann, wer er ist. Er sei der Sklave der Domina, der Chefin des Studios. Er nennt sie “Lady”, erklärt er uns, während er uns zu ihr bringt.

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Wir treffen die Lady in einem blau beleuchteten Zimmer. Sie ist eine elegante Frau. Und - entgegen dem, wie man sich eine Domina sonst vielleicht so vorstellt - sehr freundlich. Die Lady lacht viel - allerdings nie, wenn sie mit ihrem Sklaven spricht. Bei ihm schlägt sie oft einen strengen Befehlston an.

Die Lady zeigt uns ihr Studio. Zwei Stockwerke voller Folterkammern, Fesselgeräten und Latexbetten. Als wir unsere Tour beendet haben, fragt sie uns etwas überraschend: “Wollt ihr noch an unserem Workshop teilnehmen?”

Der Workshop kostet 200 Euro

“Die biete ich regelmäßig an”, sagt uns die Lady. “Für Frauen, die lernen wollen, ihre Männer im Bett zu dominieren.”

Wir sagen zu - auch wenn wir nicht die leiseste Ahnung haben, was gleich auf uns zukommen wird.

An diesem Tag sind rund zehn Frauen zur Lady gekommen. In vier Stunden wollen sie lernen, wie sie sich selbst wie eine Domina verhalten können. Diese “Weiterbildung” kostet jede der Teilnehmerinnen knapp 200 Euro.

Nach einer kleinen Vorstellungsrunde bittet die Lady einen ihrer Sklaven in den Raum. Mit gesenktem Blick auf seine nackten Füße betritt er langsam das Zimmer. Er hat nur noch wenige, graue Haare und ist sicher schon über sechzig. Unter seinem leicht gewölbtem nackten Bauch trägt er eine Lederhose.

Die Lady befiehlt ihm, sich auszuziehen. Dann zeigt sie uns, was sie mit ihrem Sklaven in einer Domina-Session alles anstellt.

Ich sehe zu, wie die Lady dem alten Mann befiehlt, ihr die Schuhe zu küssen, wie sie seinen Oberkörper mit Frischhaltefolie einwickelt, wie sie mit einer Lederpeitsche auf seinen Hintern schlägt.

“Und jetzt ihr”

Es sieht brutal aus, doch der Sklave gibt keinen Mucks von sich. Ich fange an, mir Sorgen um den armen Kerl zu machen, versuche aber, mir nichts anmerken zu lassen. Schließlich ist er freiwillig hier. Laut der Lady gefällt ihm die Behandlung.

Trotzdem denke ich: Ich könnte das nicht. Ich könnte diesen Menschen nicht verprügeln.

Und genau in diesem Moment höre ich die Domina sagen: “Jetzt ihr!”

Sie erklärt uns, wie wir schlagen sollen, dass es dem Sklaven Freude bereitet und welche Stellen wir nicht treffen dürfen, um körperliche Schäden zu vermeiden. Skeptisch betrachte ich den von den Schlägen roten Hintern des Mannes und die lange Peitsche in der Hand der zierlichen Frau.

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Mir wird klar, dass mich die Situation völlig überfordert. Der Mann, den ich gleich schlagen soll, könnte mein Opa sein.

Mein Kopf wird leer, als die Frauen der Reihe nach beginnen, ihn zu schlagen. Manche mehr - manche weniger entschlossen.

Ich gewöhne mich an das Bild, das am Anfang noch so bizarr war. Ich gewöhne mich daran, dass da vor mir ein Mann steht, dem zehn Frauen nacheinander den Hintern mit einer Peitsche versohlen.

Als ich an der Reihe bin nehme ich die Peitsche, ziele und schlage selbst. Ich hole nur einmal aus, höre ein klatschendes Geräusch und innerhalb weniger Sekunden ist das Ganze vorbei.

Ich habe gerade einen alten Mann geschlagen

Anschließend gebe ich die Peitsche der nächsten Frau in die Hand und setze mich wieder. Ich blicke auf meine Hände und verstehe nicht ganz, was da gerade mit mir passiert ist. Ich weiß zunächst nicht, warum ich mich so schlecht fühle.

Dann wird mir bewusst, dass ich gerade einen alten Mann geschlagen habe.

Innerhalb von Minuten ist für mich etwas normal geworden, was ich nur wenige Stunden vorher nicht mal für viel Geld getan hätte.  Nur weil ich lange genug hinsah. Nur weil es alle Frauen in diesem Raum taten.

Den Rest des Workshops versuche ich, mich unauffällig zu verhalten. Ich habe etwas getan, was ich eigentlich nicht tun wollte und fühle mich schäbig deswegen.

Als es vorbei ist, wir das Haus verlassen und ich die ersten Sonnenstrahlen seit vier Stunden in meinem Gesicht spüre, bin ich erleichtert.

Es war normal geworden, ihn zu schlagen

Wahrscheinlich hat es dem Sklaven gefallen, von verschiedenen Frauen geschlagen zu werden. Mir hat es nicht gefallen.

Als ich meinem Freund am Abend von meinem Tag erzähle, schäme ich mich ein wenig.

Nicht weil mir der Mann leid tat - er wollte es so. Nicht weil man sich schämen muss, wenn man BDSM praktiziert.

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Sondern weil ich persönlich einfach keine Männer schlagen will. Auch nicht in einem sexuellen Kontext. Und vor allem keine alten Männer.

Trotzdem tat ich es. Weil es in diesem Raum unter all diesen Frauen plötzlich normal geworden war. In dem Moment, als ich die Peitsche in der Hand hielt, war es einfach keine große Sache mehr. Schließlich hatte jede Frau schon einmal zugeschlagen.

Ich fühle mich ein bisschen, als hätte ich mich selbst verraten und beschließe, dass das mein erstes und letztes Mal bleibt, dass ich einen Mann, der mir nichts getan hat, mit einer Peitsche geschlagen habe.

(ks)