POLITIK
04/09/2018 16:55 CEST | Aktualisiert 05/09/2018 10:16 CEST

"Ich habe eine verängstigte Frau begleitet - jetzt habe ich Angst um Deutschland"

Viele kämpfen lieber gegen die Überbringer schlechter Nachrichten als gegen deren Ursachen.

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Hätte mir jemand gesagt, dass mein kurzer Bericht über eine nächtliche Begegnung in Saarbrücken auf Facebook zu massivsten Vorwürfen bis hin zu Hass führen würde – ich hätte ihn für verrückt erklärt.

Nach einem Vortrag über Putins Russland in der liberalen Villa Lessing in Saarbrücken und einem Glas Bier mit den Veranstaltern im Zentrum machte ich mich auf den Rückweg.

Dabei begegnete mir, kurz nach Mitternacht, eine Frau. Sie erzählte mir von ihren Ängsten – und bat mich, sie zu begleiten.

Sie hatte Angst über ihre Ängste zu sprechen

“Ich fühle mich alleine hier nicht mehr sicher, eine Freundin von mir wurde erst kürzlich vergewaltigt”, sagte sie.

Sie klagte, dass ihre Gegend nicht mehr sicher sei nachts. 

Im Video unten erfahrt ihr, wie allgegenwärtig Sexualstraftaten in Deutschland sind.

 

Massiver Vertrauensverlust in die Demokratie

Und tatsächlich: Ja, ich hätte die Ängste der Frau wohl als Einzelfall abgetan, wenn ich nicht unzählige ähnliche Stimmen gehört hätte.

Ich reise jahrein jahraus mit Vorträgen durch Deutschland. Vom Allgäu bis nach Bremerhaven, von Aachen bis Frankfurt an der Oder.

Es vergeht kaum ein Vortrag, an dem nicht am Ende mehrere Menschen zu mir kommen und dann, im kleinen Kreis, ähnliche Sorgen und Ängste äußern wie die Frau in Saarbrücken. Fast immer stimmen ihnen die umherstehenden zu. Und oft klagen sie, dass sie sich nicht trauen, diese Ängste und Sorgen zu äußern.

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Mein Eindruck von meinen vielen Reisen und Begegnungen: Es gibt massive Unzufriedenheit und Vertrauensverlust in die Demokratie und in die Medien in diesem Land.

In Berlin werden all diese Entwicklungen viel zu wenig wahrgenommen.

Wenn ich Journalisten-Kollegen oder Politiker davon berichte, wollen viele nicht zuhören. Zucken mit der Schulter.

Das ist Realitätsflucht.

Und brandgefährlich.

Unsere Demokraten geben im Kampf gegen den wachsenden Demokratie-Verdruss ein klägliches Bild ab. Viele kämpfen lieber gegen die Überbringer schlechter Nachrichten als gegen deren Ursachen.

Sind manche Ängste zulässiger als andere?

Zurück zu Saarbrücken. Zu der Frau von der Straße.

Man kann lange darüber streiten, wie begründet Ängste wie ihre sind.

Welcher Anteil der Ängste darauf zurückzuführen sind, dass sie künstlich geschürt werden – von finsteren Kräften im Inland wie im Ausland, etwa über Propaganda-Sender.

Und wie stark es diese Ängste schürt, dass sich viele fürchten, offen über sie zu sprechen. Wer allein ist mit seinen Ängsten, kann sie nicht überwinden.

Ängste sind immer subjektiv.

Die Russen lachen über die deutschen Ängste vor Video-Überwachung und Datensammlungen. Auch ich selbst halte sie für überzogen.

Aber darf man sich zum Richter über Ängste anderer erheben und sagen, welche Angst zulässig ist und welche nicht?

Das ist ideologisches Denken und totalitaristisch.

Regierende und Journalisten müssen Ängste ernst nehmen. Zuhören, statt sich zum Richter erheben. Und gegebenenfalls nüchtern, sachlich Gegenposition beziehen.

Wie baut man die Ängste ab?

So absurd es ist, wenn Brandstifter die Losung verbreiten, Frauen könnten sich in Deutschland nicht mehr auf die Straße trauen - so wirklichkeitsfremd ist es, so zu tun, als sei alles bestens und als habe sich die Sicherheitslage in Deutschland nicht geändert.

Ich selbst wurde in Berlin Opfer von Gewalt. Zahlreiche Freunde von mir haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich habe auch schon mehrfach Gewaltszenen beobachtet.

“Hört endlich auf, die unübersehbaren Probleme infolge der Flüchtlingspolitik seit September 2015 zu ignorieren oder gar zu tabuisieren!”, mahnt der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach in einem Appell, in dem er gleichzeitig massiv vor Fremdenfeindlichkeit und Verallgemeinerung warnt: “Wehe dem, der das offen ausspricht.  Da wird man reflexartig in die rechte Ecke gestellt, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.”

Wenn etwa in Berlin ein Zehnjähriger von Mitschülern vergewaltigt wird, dann löst so eine Nachricht wohl bei jedem Vater und jeder Mutter Ängste aus. Alles andere wäre unmenschlich.

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Eine ganz andere Frage ist, wie man mit diesen Ängsten umgeht. Wie man sie abbaut. Wenn man sie tabuisiert, versucht, den Menschen Angst macht, sie auszusprechen, sie für verrückt und paranoid erklärt, dann wachsen diese Ängste.

Die Reaktionen auf meinen Facebook-Post haben mich erschüttert

Schlimmer noch: “Wenn man den Leuten immer wieder erklärt, ihr legitimes Bedürfnis nach Sicherheit sei eine rechtsradikale Idee, dann glauben sie es irgendwann”, mahnt Harald Martenstein im Tagesspiegel: “Augen zu und weiter? Wenn das die Botschaft ist, garniert mit Verunglimpfungen aller Bürger, die nachvollziehbare Ängste haben, setzen wir ein Konjunkturprogramm für Rechtsextremismus in Gang.”

Martensteins These ist genauso legitim wie die These seiner Gegner, die meinen, man sollte möglich wenig über diese Ängste sprechen beziehungsweise berichten.

Gefährlich wird es, wenn Anhänger von einer der beiden Thesen die andere nicht mehr ertragen können. Die anderen verunglimpfen.

Dass mir viele Menschen nach meinem Bericht schrieben und sagten, sie sähen das Problem genauso, würden sich aber nicht trauen, das öffentlich zu sagen, hat mich erschüttert.

Intolerant im Namen der Toleranz

Wenn Ideologie die Debatte ersetzt und jemand den Anspruch darauf behebt, er sei im Besitz der Wahrheit, sind die Grundpfeiler unserer Gesellschaft in Gefahr: Pluralismus und Meinungsfreiheit.

Toleranz, Buntheit und Vielfalt sind keine Einbahnstraße. Sie sind daran zu bemessen, wie viel man von ihnen denen entgegenbringt, die andere Ansichten oder andere Farben haben.

Es ist erschreckend, wie oft im Namen der Toleranz intolerant agiert wird.

Toleranz besteht eben genau darin, auch das, was aneckt, schmerzt, weh tut, nicht zu verteufeln und nicht zu diffamieren (es aber sehr wohl mit Argumenten zu bekämpfen).

Aber inzwischen haben - vor allem in den sozialen Netzwerken - Ideologen von rechts wie links die Lufthoheit in der öffentlichen Diskussion übernommen. 

Demokratie und Freiheit sind kein Naturzustand

Wir leben Gott sei Dank in einer Demokratie, wo man, anders als in der DDR oder der Sowjetunion für eine abweichende Meinung nicht um sein Leben und seine Freiheit zittern musste (und trotzdem Menschen dieses Risiko eingingen).

Es ist zwar sehr besorgniserregend, dass man inzwischen auch in unserer freien Gesellschaft für unbequeme Meinungen Hass, Verleumdung und im schlimmsten Fall berufliche Nachteile riskieren muss.

Aber wenn sich nicht genügend Menschen aufraffen, dieses Risiko einzugehen, und rechten wie linken Ideologen laut zu widersprechen, drohen wir eines Tages in einem links- oder rechts-autoritären Staat aufzuwachen.

Demokratie und Freiheit sind kein Naturzustand.

Sie müssen jeden Tag aufs neue verteidigt werden.

(ben)