LIFE
22/07/2018 17:51 CEST | Aktualisiert 22/07/2018 18:04 CEST

Ich habe meine Social-Media-Accounts gelöscht – so hat es mein Leben verändert

"Ich genieße inzwischen meine Privatsphäre."

martin-dm via Getty Images
"Ich habe alle meine Social-Media-Accounts gelöscht – so hat sich mein Leben verändert"

In den sieben Jahren, die ich auf Facebook verbracht habe, habe ich unzählige Male versucht, meinen Social-Media-Konsum zu reduzieren.

Ich löschte Apps von meinem Handy, steckte mir selbst Ziele, wie lange ich es ohne ein Posting aushalten würde – ich deaktivierte sogar meine Profile.

Diese Methoden funktionierten jedoch nie sehr lange. Ich bin immerhin ein “Millennial”.

Es entwickelte sich zu einer Obsession

Social Media war mein Jahrbuch, mein Tagebuch, meine Zeitung, mein Fotoalbum, mein persönliches PR-Team und ein Teil meines Lebensunterhaltes als Kommunikationsexpertin und freie Autorin.

Es war sogar die Grundlage für einige meiner Beziehungen. Ich konnte das nicht einfach alles verlieren.

Aber was als gut gemeinte Absicht begann, sich mit weit entfernten Freunden und meiner Familie zu verbinden, entwickelte sich schließlich zu einer Obsession, die ich nicht mehr los wurde.

Jeden Morgen schaute ich halbwach als erstes auf Instagram, Twitter, Facebook und Snapchat in einem Zyklus von “scroll, update, repeat”.

Ich fühlte mich, als würde ich durch einen Bildschirm leben. Ich setzte mich einem endlosen Strom von Selfies, Haustierbildern, Outfits des Tages, Prominentenklatsch, politischem Chaos, Werbung und Hashtags aus.

Ich war so auf das Leben anderer Menschen fokussiert, dass ich vergaß mein eigenes zu leben.

Ich sehnte mich nach Likes und Retweets

Und das war nicht alles. Obwohl ich Mathematik hasste, war ich von Zahlen besessen.

Ich sehnte mich nach Likes und Retweets. Ich lebte für den Dopamin-Schub, der mit jeder neuen Benachrichtigung kam, wen jemand auf meinen Post reagiert hatte.

Ich wusste genau, dass die Fixierung auf diese Statistiken dumm und nutzlos war. Aber ich kann mich noch immer an die Eifersucht erinnern, die ich empfand, als ich sah, wie viel mehr Likes die Fotos meiner Facebook-Freunde erhielten.

Da sich mein Leben damals um Zahlen drehte, schien der Unterschied zwischen der Anzahl der Likes, die ich bekam, und denen, die meine Freunde bekamen, ein Beweis dafür zu sein, dass mich die Menschen weniger sympathisch fanden als meine Freunde.

Mehr noch, ich wartete mit Spannung auf Facebook-Benachrichtigungen. Ich ließ die Seite immer wieder neu laden, während ich auf die erste Benachrichtigung wartete.

Ich war nicht zufrieden mit mir, bis meine Facebook-Freunde ihre Zustimmung dazu nicht ausgedrückt hatten. Egal ob es sich um berufliche Erfolge oder Blog-Einträge handelte. 

An meinen schlimmsten Tagen erwischte ich mich selbst dabei, über zukünftige Lebensereignisse ​​wie Heirat, Beförderungen und Urlaube zu fantasieren. Aber ich dachte nicht daran, wie wundervoll die Momente sein würden, sondern nur wie beeindruckend das Feedback in den Sozialen Medien sein würde.

Durch ganz Europa zu reisen oder gefragt zu werden, den Rest meines Lebens mit meinem Freund zu verbringen, wäre cool. Aber endlich eine dreistellige Anzahl an Likes auf Instagram zu bekommen wäre doch genauso cool, oder?

Ich wusste, dass es so nicht weitergehen konnte.

Ich habe andere Möglichkeiten gefunden mit Menschen in Kontakt zu kommen

Also lud ich im Juli vergangenen Jahres alle meine Facebook-Daten herunter, speicherte meine Instagram-Bilder und meldete mich bei Snapchat ab.

Ich löschte sogar mein Twitter-Profil.

So begab ich mich mutig in eine Welt ohne Retweets und Fotos anderer Menschen.

In den 16 Monaten, die seitdem vergangen sind, habe ich mich sowohl mehr als auch weniger mit der Welt verbunden gefühlt als je zuvor.

Ich habe viel weniger Selfies gemacht. Das führte zu einem erhöhtes Selbstwertgefühl, da ich nicht mehr von der unvorteilhaften Frontkamera überrascht wurde.

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Ich verabschiedete mich von meiner Identität als Mädchen, das einmal von Starbucks auf Twitter markiert wurde.

Mein neues Offline-Leben hat mich gezwungen, auf andere Weise mit den aktuellen Ereignissen in der Welt Schritt zu halten und die Wartezeit in langen Schlangen zu überbrücken.

Ich habe andere Möglichkeiten gefunden, mit Menschen in Kontakt zu kommen und ich musste lernen, dass einige meiner Freundschaften komplett internetbasiert waren.

Kein Tag ist mehr irgendein erfundener #WeltIrgendwasTag, der Hunderte von Fotos inspiriert, die ich während meiner täglichen Suche nach Verlobungsankündigungen und Bildern von Ed Sheerans Katzen durchschauen würde.

Ohne Social Media erinnert sich fast niemand an meinen Geburtstag

Eines möchte ich nämlich klarstellen: Auch ohne einen Account ist es immer noch möglich, mit den Sozialen Medien Schritt zu halten.

Dank öffentlicher Profile, für die man sich nicht einloggen muss, gibt es immer noch Menschen, von denen ich im letzten Jahr keinen einzigen Beitrag verpasst habe.

Aber auch wenn ich gelegentlich “aus der Ferne” Profile beobachte, füllt das Scrollen von Social Media nicht mehr jede Sekunde meiner Freizeit.

Es hat offiziell seine Rolle als Quell der Unterhaltung, sozialen Kontakte und Bestätigung verloren – und das fühlt sich so verdammt gut an.

Natürlich fühlt man sich in unserer Welt ohne Social-Media-Profil nicht immer ganz anwesend. Als ich meine Konten löschte, verlor ich unter anderem Daten in meine Sport-App.

Ich habe viele Details aus dem Auslandsstudium meiner Schwester in Berlin verpasst, von denen die meisten auf Snapchat dokumentiert waren.

Es gab mehr als ein unangenehmes Gespräch mit einem Freund oder Familienmitglied, die beleidigt waren, weil sie dachten, ich hätte sie online als Freund gelöscht.

Ohne die Sozialen Median erinnert sich fast niemand an meinen Geburtstag und ich mich im Gegenzug aber auch nicht an ihre.

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So unmöglich wie es mir zunächst schien, genieße ich sogar inzwischen meine  Privatsphäre.

Es fühlt sich gut an, dass mein Leben voller kleiner Geheimnisse und Schätze ist, die nur diejenigen, die mir am nächsten sind. Auch wenn das Geheimnis nur daraus besteht, was ich zum Frühstück gegessen habe.

Ich entdeckte mich selbst

Aber die größte Entdeckung, die ich gemacht habe, war vielleicht ich selbst – die Person, die die ganze Zeit hinter dem Bildschirm gesessen hatte.

Die Plattformen waren nie das Problem. Das Problem war ich selbst.

Ich bin eines Morgens aufgewacht und konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einen Tag ohne Instagram oder Twitter oder Facebook verbracht hatte.

Im vergangenen Jahr ging es darum, mich wieder in den Fahrersitz meines Lebens zu setzen und zu sehen, wer und was direkt vor mir war.

Jahrelang nutzte ich Soziale Medien, um mich selbst zu finden, und wenn ich das nicht konnte, versuchte ich mich selbst darüber zu definieren – mich als produktiver, professioneller, ausgeglichener zu profilieren, als ich in Wirklichkeit war.

Vielleicht werde ich eines Tages den Punkt erreichen, an dem ich zurückkehren kann in die Welt von Instagram & Co. Vielleicht aber auch nicht.

Meine Entscheidung, mich von meinen Accounts abzumelden, hat so viele Dinge verbessert. Von meiner Produktivität bis hin zu meinen Beziehungen und meiner Weltanschauung.

Niemand, weder online noch offline, sollte jemals seinen persönlichen Wert, seine Identität oder seinen Einfluss auf Gigabytes und Pixel und Code beschränken.

Und das zu wissen, fühlt sich unendlich viel besser an, als es irgendeine Anzahl von Likes oder Retweets jemals können wird.

Dieser Text erschien zuerst bei HuffPost USA und wurde von Jana Greyling aus dem Englischen übersetzt.

(amr)