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01/03/2019 17:24 CET | Aktualisiert 01/03/2019 17:24 CET

Ich habe ADHS – im Alltag fühle ich mich oft wie eine Versagerin

Die Diagnose war immens wichtig für mich, denn nun verstehe ich mich selbst besser.

Andy Hall
Die Diagnose war immens wichtig für mich, denn nun verstehe ich mich selbst besser. Ich fühle mich zwar immer noch anders, aber zumindest weiß ich jetzt, warum.

Ich habe Teile der Überschrift aus einem TED-Vortrag von Jessica McCabe übernommen, den ich Ende vergangenen Jahres sah. Damals wuchsen meine Befürchtungen, dass ich an ADHS leide. Nachdem ich mir den Vortrag angeschaut hatte, war ich sicher, dass es stimmte.

Fünf Monate später folgte die Bestätigung: Ich war an einen Spezialisten überwiesen worden, der mir mit leicht mitleidigem Blick sagte, dass ich definitiv ADHS hätte: “Zu 98 Prozent. Ich beobachte dich seit 90 Minuten, und ehrlicherweise bewegst du dich die ganze Zeit.“ Ich lachte, denn... was blieb mir anderes übrig?

Dann ging ich nach Hause und sah mir nochmal zusammen mit meinen Eltern den TED-Vortrag an. Danach brach ich in Tränen aus – aus Erleichterung, weil ich endlich eine Diagnose hatte, und wegen all des Kummers, den ich hatte, ohne genau zu wissen, warum.

Bei ADHS denkt man nicht an Mädchen

In den Medien wird ADHS immer negativ dargestellt, und die negative Berichterstattung erfolgt auch noch auf ganz bestimmte Art und Weise.

Bilder von auffälligen Jungen herrschen vor, die in der letzten Reihe sitzen und den Unterricht stören; kaum jemand bringt ADHS mit Mädchen in Verbindung.

Im Gymnasium wurde ich häufig aus dem Klassenzimmer geschickt, weil ich zu viel redete. In der Grundschule stand in allen Schulzeugnissen, dass ich eine Tagträumerin sei. Aber ich erbrachte gute Leistungen. Und obwohl ich immer wieder Schwierigkeiten machte, benahm ich mich nicht schlecht.

Entgegen der landläufigen Meinung scheint mir ADHS in der Schule nicht geschadet zu haben. Wenn überhaupt, halfen mir die kreativen Fähigkeiten, die zur Hyperaktivitätsstörung gehören, ein Gespür für Sprache zu entwickeln. In Fächern wie Englisch und Geschichte blühte ich regelrecht auf.

Mehr zum Thema:20 Dinge, die du wissen musst, wenn du einen Menschen mit ADHS liebst

Ich hatte immer mit meiner Psyche zu kämpfen

Schwieriger wurde es an der Universität. Es gelang mir nicht wirklich, stundenlang in der Bibliothek zu sitzen. Obwohl meine Leistungen in Ordnung waren, nagte in mir das Gefühl, mein Potenzial nicht voll auszuschöpfen.

Ich zwang mich, zu akzeptieren, einfach nicht genug zu lernen. In gewisser Weise stimmte das. Aber wenn ich gewusst hätte, was ich heute weiß, wäre ich vielleicht anders vorgegangen.

ADHS-Hirne brauchen Stimulation, um sich zu konzentrieren; ich kann am besten denken, wenn ich mich bewege. (Während ich das schreibe, ändere ich nahezu ständig die Position. Wahrscheinlich werde ich in einer Minute aufstehen, um Tee zu kochen, obwohl ich gerade einen hatte – nur der Sache halber).

Es kümmerte mich wenig, dass ich keine Eins im Examen hatte, sondern zu 2,1 tendierte. Allerdings focht meine Psyche immer mehr Kämpfe aus. Nach Abschluss der Universität kam die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung zur vollen Entfaltung.

Ich nahm Antidepressiva, obwohl ich sie nicht brauchte

► Die wenigsten Menschen wissen, dass die Auswirkungen von ADHS weitaus größer sind, als zappelig und leicht ablenkbar zu sein. Es handelt sich um eine “Störung“, bei der sich das Gehirn anders entwickelt – in seiner Struktur, Funktion und Chemie.

Menschen mit ADHS reagieren viel emotionaler. Wegen der extremen Tiefs und der großen Frustration, die ich regelmäßig erlebte, ließ ich mich auf Bipolarität untersuchen (die Diagnose war negativ).

Mit 24 Jahren war ich so verzweifelt, dass ich Antidepressiva nahm. Im Rückblick ist offensichtlich, dass ich nicht depressiv war – dafür bin ich viel zu optimistisch.

Die Therapeuten, die ich hatte, gingen der Sache nicht wirklich auf den Grund. Ich verlor ständig Dinge oder zerbrach sie bei hektischen Bewegungen, ich schmiss das Geld zum Fenster raus, ich handelte impulsiv in Situationen, die Rücksicht erforderten, und ich wurde immer frustrierter über mich selbst.

Mehr zum Thema: ADHS: Ich litt jahrelang an Depressionen, bis ein Arzt durch Zufall endlich die Ursache fand

ADHS wirkt sich bei Jungen und Mädchen unterschiedlich aus

Während sich alle anderen zu finden schienen, erwachsen wurden, auszogen und Rechnungen bezahlten, fühlte ich mich zunehmend isoliert.

Erst als ich mit 26 Jahren nach Berlin zog und in einer Nachrichtenredaktion arbeitete, erhielt ich den Hinweis, dass ich ADHS haben könnte (im Büro lenkt es ziemlich ab, wenn jemand beim Denken die ganze Zeit herumläuft).

Die Beschäftigung mit ADHS brachte mir die ersehnte Klarheit. Ich stieß auf mehrere Artikel, in denen stand, dass die Diagnose bei Frauen häufig erst in meinem Alter erfolgt.

► Da sich ADHS bei Jungen und Mädchen unterschiedlich gestaltet, wird sie bei Letzteren oft übersehen. Während Jungen eher als hyperaktiv und klassisch “ungezogen“ auffallen, zeigt sich ADHS bei Mädchen tendenziell durch Tagträumerei, niedriges Selbstbewusstsein und Vergesslichkeit.

Die Diagnose war unglaublich wichtig für mich

Nach der Diagnose dauerte es ein Jahr, bis ich einen Psychiater aufsuchte. Danach nahm ich zunächst Ritalin, was schrecklich war.

Dann wechselte ich zu Strattera, das ich noch immer einnehme und das ich besser vertrage (im Gegensatz zu Ritalin ist es kein Stimulans und löst keine lähmende Angst aus. Dennoch bin ich nicht gänzlich überzeugt, ob ich mich dadurch besser konzentrieren kann).

Die Diagnose war immens wichtig für mich, denn nun verstehe ich mich selbst besser. Ich fühle mich zwar immer noch anders, aber zumindest weiß ich jetzt, warum.

Ich arbeite an Strategien, um die alltäglichen Aufgaben zu bewältigen, die mich allerdings noch immer überfordern.

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Ich werde diese Kämpfe nie gewinnen

Dieses Jahr habe ich schon die sechste Bankkarte. Ich bin fest entschlossen, es mindestens bis Weihnachten zu schaffen, bevor ich die nächste brauche (ich mache mir da nichts vor ...).

Ich arbeite härter denn je daran, mein Geld zu verwalten. Täglich stelle ich mir einen Budgetplan auf. Manchmal funktioniert er, manchmal nicht. Meine Impulsivität in Griff zu bekommen, ist schwierig.

Aber ich bin auch ein nachdenklicher Mensch und mache Fortschritte. Es ist seltsam, akzeptieren zu müssen, dass ich diese Kämpfe nie wirklich gewinnen werde.

Ich lerne, mich selbst zu lieben, sogar die verrückten Dinge an mir. Ohne ADHS hätte ich mit ziemlicher Sicherheit nicht die kreativen und risikoreichen Aktionen in Angriff genommen, auf die ich sehr stolz bin – mit 25 Jahren kandidierte ich für das Parlament, und zu Jahresbeginn kuratierte ich eine Ausstellung.

ADHS hat immer zwei Seiten

Ich wäre auch nicht die leidenschaftliche Person, die ich bin; denn ein ADHS-Gehirn langweilt sich schnell. Wenn mich etwas interessiert, springe ich ins kalte Wasser.

Und ich mag zwar emotionaler reagieren als Menschen ohne ADHS, damit geht aber auch eine große Fähigkeit zu Liebe und Mitgefühl einher; Sensibilität hat zwei Seiten.

Wie alle “Störungen“ besitzt auch ADHS viel mehr Facetten, als der breiten Öffentlichkeit bekannt ist. Zwar werde ich wahrscheinlich immer mit Dingen zu kämpfen haben, die anderen Menschen leichtfallen. Aber dafür blühe ich bei anderen Dingen auf, die den meisten Menschen nicht einmal im Traum einfallen würden.

Im normalen Leben mag ich scheitern. Dafür gewinne ich aber Dingen etwas ab, die der Norm nicht entsprechen. Und das ist auch für etwas gut.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der HuffPost UK und wurde von Sandra Tjong aus dem Englischen übersetzt.

(ak)