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12/04/2018 16:39 CEST | Aktualisiert 12/04/2018 17:13 CEST

Ich finde das Kinder-Kopftuch bescheuert – aber der Staat hat sich rauszuhalten

FatCamera via Getty Images

Die erneut aufgerollte Kopftuch-Debatte entlarvt den eigentlichen Hintergrund und die Beweggründe der ganzen Thematik:

In großen Teilen der Bevölkerung herrscht eine allgemeine Anti-Stimmung gegen Muslime. Nun befriedigen bestimmte Politiker mit diesen kleinen Cookies das Bedürfnis in Teilen der Bevölkerung, endlich mal “klare Kante” gegen Muslime zu zeigen.

Anders kann ich mir diese Debatte in der Form, wie sie geführt wird, bisher nicht erklären.

Es geht immer ums Kopftuch, auch wenn es nicht so gesagt wird

Man hat jahrelang versucht, Lehrerinnen und anderen Staatsbeschäftigten das Tragen des muslimischen Kopftuchs während der Arbeit zu verbieten, was vom Bundesverfassungsgericht 2015 blockiert wurde.

► Seitdem werden vordergründig andere Gründe genannt, warum dieselben Personen dieselben Berufe nicht ausüben dürfen. Alle haben gelernt, dass das Kopftuch nicht als Hauptgrund genannt werden darf, aber eigentlich wissen alle, dass es weiterhin nur ums Kopftuch geht. Nun ist dieses Thema abgeklungen.

Die Burka-Debatte konnte in Deutschland nie so leidenschaftlich geführt werden, wie sie zum Beispiel in Österreich oder Frankreich geführt wurde, und zudem wurde dieses Thema bereits von Extremisten, mit denen man ja nichts zu tun haben wollte, zu sehr besetzt.

► Also hat man nun das Thema Kopftuch bei Schulmädchen gefunden und führt diese Diskussion fast genauso, wie das Thema Beschneidung von muslimischen Jungen schon vor einigen Jahren geführt wurde.

Damals war uns irgendwann wieder eingefallen, dass ja auch Juden ihre Jungen beschneiden, woraufhin das Thema ganz schnell wieder von der Tagesordnung genommen wurde.

Warum es nicht um religiöse Selbstbestimmung der Kinder geht

Warum ich nicht glaube, dass es bei diesem neu gefundenen Thema den meisten an der Debatte Beteiligten tatsächlich um die religiöse Selbstbestimmung der Kinder geht?

Ganz einfach: Denn sonst würden wir heute auch über jüdische Kinder sprechen, die öffentlich eine Kippa tragen, oder auch über Kopfbedeckungen der Sikhs.

Was ist mit der Kreuz-Kette von Oma? Was mit der Kindstaufe?

► Ist es Okay, wenn ein Sikh-Junge in der Schule einen Dastar trägt, weil auch sein Vater, der sein größtes Vorbild ist, einen Dastar trägt, und es in der Familie ganz normal ist?

Man kann das Thema fast endlos weiterführen: 

► Darf ein christliches Mädchen dann in der Schule überhaupt noch die Kreuzkette tragen, die Oma ihr geschenkt hat? Dürfen Kinder in der Kirche überhaupt noch die heilige Kommunion empfangen? Dürfen wir Kinder überhaupt noch taufen, bevor sie ihre Religionsmündigkeit erreicht haben?

Und warum packen wir nicht gleich dieses Thema wieder aus: 

► Dürfen Juden und Muslime ihre Kleinkinder beschneiden lassen? Kann ich jetzt den Arzt verklagen, der mir damals eine Körperverletzung zugefügt hat? Kommen meine Eltern in den Knast, weil sie den Arzt sogar noch dafür bezahlt haben, statt ihn daran zu hindern?

Und jetzt mal etwas persönlicher: Nun kann man mir, sogar berechtigterweise, “Whataboutism” vorwerfen.

Denn, seien wir mal ehrlich: Es geht doch gar nicht um religiöse Selbstbestimmung.

(Ironie on) Es geht um Muslime, die sollen uns mit ihren religiösen Symbolen jetzt bitte endlich mal in Ruhe lassen! Warum rede ich jetzt überhaupt über Juden und Christen und Sikhs, wenn es doch die ganze Zeit nur um Muslime ging und um die zurückgebliebenen Rituale dieser zurückgebliebenen Religion? (Ironie off)

Ich finde ein Kopftuch bei kleinen Mädels bescheuert

Mal ganz offen und ehrlich: Ich persönlich finde es bescheuert, wenn Kinder ein religiöses Kopftuch tragen. Das ist meine Meinung dazu. Ich spreche mich in meinem persönlichen Umfeld ständig dagegen aus, wenn ein kleines Mädchen ein Kopftuch tragen soll.

Ich habe mich als Zwölfjähriger schon dagegen ausgesprochen, dass gleichaltrige muslimische Mädels aus meinem Umfeld plötzlich ein Kopftuch tragen sollten. Das war und ist meine persönliche Meinung. Muslimische Kopftücher bei kleinen Mädchen finde ich bescheuert.

► Der Staat aber hat sich da verdammt nochmal herauszuhalten.

Punkt.

Dieser Text ist zunächst auf der Facebook-Seite von Emre Yavuz erschienen.