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18/12/2018 17:44 CET | Aktualisiert 19/12/2018 13:00 CET

Wunscherfüller: "Sterbende haben mir gezeigt, was im Leben wirklich zählt"

"Jeder sollte so leben wie er möchte."

Cristina Prat Mases / EyeEm via Getty Images

Mark Castens aus Niedersachsen arbeitet als ehrenamtlicher Wunscherfüller: Er erfüllt sterbenden Menschen ihren letzten Wunsch. Warum er dabei viel mehr über das Leben als über den Tod gelernt hat, beschreibt er hier. 

Mittlerweile habe ich schon fast 100 letzte Wünsche erfüllt. 100 Wünsche, die Menschen kurz vor ihrem Tod hatten. Dabei habe ich gelernt, worauf es im Leben wirklich ankommt. 

Was sich Menschen vor ihrem Tod wünschen, sind meistens keine außergewöhnlichen Erlebnisse, sondern eher kleine, fast alltägliche Sachen, besondere Augenblicke des Alltags, die ihnen als schwerkranken Menschen verwehrt bleiben. 

Vergangenes Weihnachten habe ich eine Frau aus dem Hospiz abgeholt. Ihr einziger Wunsch war es, ein letztes Mal Zuhause zu sein und mit ihrer Familie Weihnachten zu feiern.

Die wenigen Stunden an Heiligabend mit ihrer Familie haben ihr viel bedeutet. Es war sehr bewegend, als wir sie abgeholt haben und ihr klar war: Dieses Weihnachten wird das letzte mit ihrem Enkelkind sein. Ich würde mir wünschen, dass auch gesunde Menschen solche kostbaren Stunden mit der ganzen Familie mehr zu schätzen wissen. Dass sie allgemein das Bewusstsein schärfen für die wertvollen Momente in ihrem Alltag.

Auch materielle Dinge können kurz vor dem Tod Freude bereiten

Oft kommt zum Beispiel der Wunsch danach, ein letztes Mal das Meer zu sehen. Viele Männer haben den Wunsch, ein letztes Mal ins Fußballstadion zu gehen. Das sind Unternehmungen, die für schwerkranke Menschen nicht mehr selbstverständlich sind. 

Aber auch materielle Dinge können jemandem vor dem Tod eine Freude machen. Ein 14-jähriger Junge hat sich kürzlich extrem über ein Paar Turnschuhe gefreut, das wir ihm geschenkt haben. Ich wusste vorher nicht, dass man sich so sehr über ein Paar Turnschuhe freuen kann, aber die waren wohl gerade sehr angesagt unter den Jugendlichen. 

Bei seiner Beerdigung erzählte mir seine Mutter, dass er darauf bestanden hatte, genau in diesen Schuhen verbrannt zu werden. 

Worauf es ankommt: glücklich sein, so leben, wie ihr es wollt

Auch ich habe mich durch den Kontakt zu so vielen sterbenden Menschen verändert. Ich gehe viel bewusster durch den Alltag und hinterfrage viel mehr. Wenn meine Mitmenschen sich im Alltag über Dinge aufregen, denke ich mir oft “Müsst ihr euch darüber jetzt wirklich aufregen?” 

Mark Castens
Der Wunscherfüller Mark Castens sagt, er habe sich durch seinen ehrenamtlichen Beruf auch verändert.

Ich selbst genieße den Alltag viel mehr, mache mir bewusst, wie vieles im Leben nicht selbstverständlich ist. Zum Beispiel einfach mal irgendwohin zu fahren, unterwegs zu sein. Ein schwerkranker Mensch hat dazu gar nicht die Möglichkeit. Und ich habe gelernt, wie sterbende Menschen behandelt werden wollen: ganz normal. Das Schlimmste, was ihre Mitmenschen ihnen antun können, ist, Abstand zu halten, weil sie nicht wissen, wie sie behandelt werden wollen. 

Was ich auch aus meiner Arbeit mitgenommen habe, ist: Jeder sollte so leben wie er möchte. Du kannst dich so gesund wie möglich ernähren und ein vorbildliches Leben führen und du wirst trotzdem sterben. Mit Sport, ohne Sport, mit Zigarette und ohne – der Krebs macht da keinen Unterschied.

Deshalb: Seid vor allem glücklich. Genießt das Leben. Und regt euch nicht zu sehr über unbedeutende Probleme auf. 

Wenn man so viel Zeit mit Sterbenden verbringt wie ich, sind andere Probleme auf einmal Nichtigkeiten.

Der Text wurde von Amelie Graen aufgezeichnet. 

HuffPost

Dieser Beitrag ist Teil des HuffPost-Adventskalenders. Hier stellen wir jeden Tag einen Menschen vor, der uns durch seine besondere Geschichte Mut macht. Alle Beiträge findet ihr hier.

(ben)