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11/06/2018 16:14 CEST | Aktualisiert 11/06/2018 19:57 CEST

Ich erfuhr, dass mich mein Kerl verarschte – und tat das Richtige

"Ich drückte meine Hand gegen meinen Mund, um nicht plötzlich loszuschreien.”

Im Video oben erfahrt ihr, welche Anzeichen es für eine scheiternde Beziehung gibt.

Es gibt da diesen Moment. Den Moment, in dem ein Mensch merkt, dass er sich in einem anderen getäuscht hat.

Auch ich hatte ihn. Und er traf mich mit voller Wucht.

Ein anfängliches Tinder-Date mit Max* (Name geändert) entwickelte sich erst in etwas Ernsthafteres – um dann in einem Fiasko zu enden.

Nach knapp vier gemeinsamen Monaten entschlossen wir uns, gemeinsam in den Urlaub zu fliegen. Drei Wochen als Backpacker durch Thailand. Am anderen Ende der Welt.

Für mich bedeutete es etwas Großes. Ich war verliebt, alles fühlte sich real und richtig an.

Im Nachhinein betrachtet eine der dämlichsten Ideen, die ich jemals hatte.

Dass sich die Sache anders entwickelte als erwartet, bemerkte ich wenige Stunden vor dem Abflug. In einer Julinacht im Jahr 2016.

“Jetzt musst du nur noch drei Wochen mit ihr aushalten”

Max packte, ich hing derweil mit seinen Freunden im Garten ab, trank Bier und wartete. Als Max dazukam, merkte ich schon, dass die Stimmung komisch war. Woran das lag, konnte ich mir zu dem Zeitpunkt nicht erklären. Vielleicht wollte ich es auch gar nicht wissen. Ein ungutes Gefühl beschlich mich.

Es war drei Uhr, als ich Max nach seinem Haustürschlüssel fragte. Um acht Uhr morgens ging der Flieger. Ich wollte mich noch ein wenig ausruhen. 

Er gab mir den Schlüssel, ich verabschiedete mich von ihm und seinen Freunden und bog ums Eck. Weil mir noch nach einer Zigarette war, hielt ich an. Eine folgenschwere Pause.

Ich hörte ein wildes Kichern.

Die Jungs wähnten sich offenbar in Sicherheit, dass ich schon weg war. Ich hörte einen Freund von Max sagen: “Na, hast du mit der einen schon geschlafen, die du letztens kennen gelernt hast?”

Ich traute mich plötzlich nicht mehr zu atmen. Ich hatte Angst, jemand könnte mein Herz pochen hören. Max antwortete: “Nein, leider noch nicht. Aber die ist so geil.”

Ich starrte auf das Gebüsch gegenüber. Das konnte doch nicht wahr sein. Oder?

Wir hatten zwar nicht geklärt, was genau das zwischen uns ist. Doch mit so etwas hätte ich nie gerechnet. Und das drei Stunden vor dem Abflug ans andere Ende der Welt.

Aber es kam noch schlimmer. Ein anderer Kumpel sagte im Gespräch: “Jetzt musst du nur noch drei Wochen mit ihr aushalten. Danach musst du sie nie wieder sehen.”

Ich drückte meine Hand gegen meinen Mund, um nicht plötzlich loszuschreien

Ich war fassungslos. Ich fühlte mich selten so mies wie in diesem Moment. Ich drückte meine Hand gegen meinen Mund, um nicht plötzlich loszuschreien. Gleichzeitig rannen die Tränen mein Gesicht herunter.

Ich lief weg. Weg von dem Garten, von dem Haus des Freundes und hin zur Straße. Ich war allein, fühlte mich wie der einsamste Mensch auf der ganzen Welt.

Was sollte ich jetzt tun? Einen Aufstand machen? Das Ganze sofort beenden? Den Urlaub platzen lassen?

Heulend rief ich meine Freundin an und fragte nach Rat. Um drei Uhr morgens. Auch sie konnte mir nicht weiterhelfen. Schließlich sei es meine eigene Entscheidung.

Ich sprach einige Minuten mit ihr, rauchte noch eine, bildete mir ein, es würde mich beruhigen.

Danach ging ich ins Bett. In das Bett des Kerls, von dem ich gerade so enttäuscht worden war. Eine Stunde später kam er nach.

Ich tat so, als wäre nichts gewesen.

Im Flieger sah mich die Frau hinter mir mit mitleidsvollem Blick an

Einige Stunden später saßen wir im Flieger.

Hier konnte er nicht weg. Es folgte ein sehr intensiver, ein sehr schmerzhafter Moment. Alles in meinem Körper zog sich zusammen.

“Ich weiß alles”, sagte ich. “Du brauchst dir keine Mühe mehr geben. Aber ich lasse mir meinen Urlaub von dir nicht vermiesen.”

Es fühlte sich so merkwürdig an. Mit einem Menschen zu verreisen, der einem gerade erst so schrecklich weh getan hatte.

Aber ich war und bin eine starke Person. Und hätte mir nie verzeihen können, wenn ich die Reise nur wegen eines Kerls abgebrochen hätte.

Selbst wenn ich unter der beklemmenden Situation litt – und auch im Flieger wieder so sehr heulen musste, dass mich durch die Ritze zwischen den Flugzeugsitzen eine Frau mit mitleidsvollem Blick ansah.

Sogar die schien gerade mehr Mitgefühl mit mir zu haben als Max. Der blickte mich einfach nur an und drückte ein emotionsloses “Okay” heraus.

Wir schwiegen uns an wie ein altes Ehepaar

Die nächsten zwei Tage verbrachten wir in Thailands Hauptstadt Bangkok. Wir schwiegen uns an wie ein altes Ehepaar. Wir hatten uns nichts mehr zu sagen.

All die Spannung, die Romantik, die glücklichen Gefühle waren in negative Emotionen umgeschwungen. Ich empfand nur noch Abscheu, ja sogar ein wenig Hass.

Trotzdem sprach ich Max an. Ich erklärte ihm, dass ich keine Lust auf miese Stimmung hatte. Und dass ich mich zusammen reißen würde. Auch wenn er es nicht verdiente.

Ich wollte einfach nicht nach Hause kommen mit dem Gedanken, den Urlaub bereut zu haben.

Und ich glaube, auch Max ging es so. Auch er riss sich von da an zusammen.

Es klappte erstaunlich gut. Und es wurde zunehmend leichter, umso mehr Leute wir als Backpacker kennen lernten. Bereits nach einigen Tagen waren wir eine große Truppe und reisten zusammen durchs Land.

Max und ich konnten sogar gemeinsam lachen.

Im Nachhinein kann ich sagen: Ich bin stolz auf mich. Darauf, nicht feige gewesen zu sein, so hätte es sich für mich sonst angefühlt.

Ich hatte trotz der Begleitung eine großartige Zeit in Thailand und möchte sie nicht missen.

Vielleicht war die Entscheidung an dem Morgen unserer Abreise sogar die beste, die ich in meinem Leben bislang getroffen habe.

Als wir aus dem Urlaub zurück waren, verabschiedeten wir uns voneinander. Für immer.

Aber ich schrieb Max anschließend noch einen Brief. Darin erklärte ich ihm, wie elendig ich mich gefühlt hatte, als ich dieses Gespräch mit anhören musste. Ich fragte, wieso er sich in all den Wochen nie getraut hatte, sich bei mir zu entschuldigen. Kritisierte ihn für seine Feigheit.

Monatelang hörte ich nichts von ihm.

Ich fühlte mich in meiner Meinung über Max bestätigt. Es war gut, nicht mehr mit ihm zusammen zu sein.

Die Entschuldigungsnachricht kam ein Jahr zu spät

Dann, knapp ein Jahr nach unserer gemeinsamen Reise, kam eine ellenlange Facebook-Nachricht. Von Max.

“Servus, ich habe in letzter Zeit öfter über den Brief nachdenken müssen, den du mir mal geschickt hast und habe gemerkt, dass mich da irgendetwas noch triggert. Eigentlich wollte ich dir einen zurückschicken, nur habe ich deine Adresse nicht mehr. Das hier soll keine große Entschuldigung werden. Ich möchte nur mit der Sache ins Reine kommen. Ich habe dich damals nicht korrekt behandelt und die Tatsache, dass ich dich mit meinen Worten oder Taten verletzt habe, tut mir leid.

Ich kam, als wir uns kennenlernten, aus einer langen Beziehung und habe mir eingeredet, dass ich schon bereit wäre für einen neuen Menschen in meinem Leben. Im Endeffekt war ich es natürlich nicht. Und als die Sache zwischen uns anfing, habe ich für mich ziemlich schnell gemerkt, dass du wohl mehr in Richtung Beziehung willst, als ich will oder kann. Ob das der Wahrheit entspricht, sei dahin gestellt. Das war nur mein Gefühl.

Deswegen habe ich so schnell es geht versucht die Reißlinie zu ziehen, dass da leider einige unschöne Momente dabei waren, tut mir leid. An unsere Zeit in Thailand denke ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück. Ich bin dir auf alle Fälle sehr dankbar, dass du mich ans Backpacken oder Reisen herangeführt hast. Das werde ich dir nie vergessen.”

Die Nachricht zeigte mir, dass Max doch mehr Mensch war, als ich dachte. Kein Ungetüm ohne Gefühle.

Auch wenn er selbst schrieb, dass der Text keine Entschuldigung sein sollte – es fühlte sich an wie eine. Und das war eine Genugtuung für mich.

Jetzt konnte ich ihm verzeihen.

(jds)