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04/12/2018 20:37 CET | Aktualisiert 05/12/2018 10:36 CET

Für meine Familie wurde ich zur Last, für mich wurde meine Blindheit zur Chance

"Für meine Familie wurde ich zur Last, für mich wurde meine Blindheit zu einer Chance."

AFP Contributor via Getty Images
Yetnebersh Nigussie

Yetnebersh Nigussie ist eine äthiopische Rechtsanwältin und Menschenrechtsaktivistin. Seit ihrem fünften Lebensjahr ist sie blind. Sie engagiert sich für die Rechte von Menschen mit Behinderungen und deren Inklusion. Im Jahr 2017 hat sie den “Alternativen Nobelpreis” (Right Livelihood Award) erhalten, für “ihre inspirierende Arbeit, die Rechte von Menschen mit Behinderungen zu stärken”.

In diesem Blog erzählt die 36-Jährige, wie sie als Kind ihr Augenlicht verlor und wie ihr schon als junges Mädchen genau das den Mut gegeben hat, die Welt verändern zu wollen.

Manchmal sage ich, ich bin Milliardärin. Weil ich zu einer Gruppe gehöre, die eine Milliarde Menschen zählt: Menschen mit Behinderung. Es gibt eine Milliarde Menschen auf dieser Welt, die vor denselben Herausforderungen stehen. Deshalb will ich euch heute erzählen, wie ich eine dieser Milliardärinnen geworden bin.

Ich war gerade fünf Jahre alt, als ich mein Augenlicht verloren habe. Ich hatte eine Meningitis-Infektion, aber wir hatten nicht die notwendigen Medikamente, die dagegen geholfen hätten. Ich stamme aus einer Familie orthodoxer Priester. Meine Erblindung machte mich in den Augen von vielen zu einem wertlosen Teil unserer Gemeinschaft. Für meine Familie war ich mit meiner Behinderung eine Last. Meine Verwandten und meine Gemeinschaft sahen meine Blindheit als göttliche Strafe an.

Für mich selbst wurde meine Behinderung aber zu einer Chance. Einer Chance, weil mein Leben einen anderen als den vorherbestimmten Pfad einschlug. Alle Mädchen in meiner Gemeinschaft werden im Alter ab acht Jahren verheiratet. Weil ich aber blind war, entging ich einer Kinderheirat.

Ich bin auf dieser Welt, um etwas zu verändern

Aber irgendwann musste ich dann zur Schule. Meine Großmutter schickte mich auf eine Blindenschule in der Stadt Shashemene, weit entfernt von meinem Zuhause. Hier erkannte ich zum ersten Mal, dass Frauen in der afrikanischen Gesellschaft sozial als nicht gleichgestellt zu Männern angesehen werden.

In der 7. Klasse wechselte ich dann auf eine normale Schule in unserer Hauptstadt Addis Abeba. Dort wurde mir klar: Ich war immer auf einer besonderen Schule gewesen und hatte gedacht, es würde eine besondere Welt für mich geben. Aber das war nicht so. Auf der weiterführenden Schule wurde mir schnell klar, dass diese Schule nicht bereit für mich war. Sie war voller Hindernisse.

Das sorgte dafür, dass ich verstand: Ich war auf dieser Welt, um etwas zu verändern.

Das war der Moment, als ich begann, Führung zu übernehmen und mich für Inklusion einzusetzen. Ich wurde zur Schülervertreterin. Schon als Kind war ich mit vielen Herausforderungen konfrontiert, die mir die Augen öffneten. Und das hat mich zu der starken Person gemacht, die ich heute bin.

Ich wurde die dritte Anwältin Äthiopiens mit Behinderung

Als ich mit der Schule fertig war, fing ich an, Jura zu studieren. Ich hatte sehr viel Diskriminierung erlebt. Das ließ in mir den Wunsch wachsen, dieses Verhalten mit fundierten Argumenten und solidem Wissen in Frage zu stellen.

Also beschloss ich, die dritte Anwältin des Landes mit Behinderung zu werden. Denn auch Jura war noch immer etwas, das vor allem für Männer reserviert war.

Ich glaube, meine Behinderung hat mir den Mut gegeben, mich von all den Einschränkungen zu befreien, die es in unserer Gesellschaft gibt.

Heute bin ich eine berühmte Anwältin für Inklusion, habe eine Anti-Aids-Bewegung und eine Studierendenvertretung für Frauen gegründet und engagiere mich in mehr als 20 äthiopischen Organisationen, darunter das Ethiopian National Disability Action Network, das ich 2005 mitgegründet habe.

Bildung war die einzige Waffe, die ich hatte

Ich glaube, meine Behinderung hat mir den Mut gegeben, mich von all den Einschränkungen zu befreien, die es in unserer Gesellschaft gibt. Ich musste keine Kinderheirat eingehen, wie all die anderen Mädchen in meinem Alter. Und ich habe es geschafft, eine der einflussreichsten Rechtsaktivistinnen für Behindertenrechte zu werden.

Der Schlüssel dafür war Bildung. Das war die einzige Waffe, die ich hatte, um zu gewinnen. Und ich glaube, Inklusion ist die geheime Waffe gegen alle Formen von Ungleichheit – sei es wegen ethnischer Unterschiede, sei es wegen Geschlechterunterschieden.

Durch Inklusion bekommen Kinder die Chance zu wachsen, gemeinsam zu lernen, gemeinsam zu spielen. Dann müssen sie gar nicht erst davon überzeugt werden, dass Inklusion gut und wichtig ist. Sie leben es einfach, ohne es zu hinterfragen. Wenn wir das schaffen, ist es eine frühzeitige Investition für eine bessere Welt für alle.

Männern ist Macht garantiert

Aber all das ist besonders für Mädchen und Frauen eine große Herausforderung. Männern ist garantiert, dass sie Macht haben.  

Länder müssen nicht wirtschaftlich weit entwickelt und reich sein, um Frauen an die Macht zu bringen. Es hängt von einem starken Willen, einem starken Bekenntnis und von politischem Engagement ab.

Dieses Ungleichgewicht ist noch immer bittere Realität in unserer Welt. Selbst wenn es Positionen gibt, in denen zwingend Frauen benötigt werden, haben sie dort oft weniger Einfluss als Männer.

Ich bin froh, dass wir es in Äthiopien geschafft haben, einige Frauen an die Macht zu bringen. Einige Dinge ändern sich, wenn auch langsam. Aber ich hoffe, dass viele von Äthiopien lernen werden. Länder müssen nicht wirtschaftlich weit entwickelt und reich sein, um Frauen an die Macht zu bringen. Es hängt von einem starken Willen, einem starken Bekenntnis und von politischem Engagement ab.

Wir haben eine Präsidentin, die Vorsitzende des Obersten Gerichtshofs ist eine Frau. Alle Frauen, die bei uns in mächtigen Positionen sitzen, zeigen, dass sie teilweise sogar besser qualifiziert sind als Männer.

Wir müssen die Perspektive wechseln

Es geht darum, Potenzial freizusetzen, Potenzial zu erkennen. Ich will jeden dazu aufrufen, Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten, auf die Fähigkeiten anderer zu schauen, die vielleicht versteckt sind. Und nicht mit dem Finger darauf zu zeigen, was andere nicht können.

Genau dafür haben wir auch den Her Abilites Award ins Leben gerufen. Frauen mit Behinderungen sind unterrepräsentiert in unserer Welt. Wir kämpfen einen doppelten Kampf – den gegen Geschlechterungleichheit und den gegen die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung.

Aber wir haben eine starke Stimme.

Es gibt großartige Frauen, die die Welt inspirieren

Mit dem Award feiern wir nicht die Einschränkungen der Frauen, sondern ihre Fertigkeiten. Die Frauen, die den Award gewonnen haben, sind einfach erstaunlich.

Ashrafun Nahar kämpft in ihrer Heimat Bangladesh gegen die Diskriminierung von Frauen mit Behinderungen und hat eine Stiftung, die Women with Disabilities Development Foundation, gegründet.

Als erste Rollstuhlfahrerin in ihrem Heimatland Nigeria hat Toyin Janet Aderemi Pharmazie studiert und arbeitet als Projektmanagerin mit Flüchtlingen mit Behinderungen im Südsudan.

Es gibt so viele fantastische Frauen auf der Welt, die nicht wahrgenommen werden. Ich will das ändern und allen zeigen, was all diese Frauen erreicht haben, was sie schaffen können.

Und Musola Catherine Kaseketi ist die erste professionelle weibliche Regisseurin Sambias. In ihren Filmen thematisiert sie die Lebensumstände von Frauen mit Behinderungen.

Wir feiern diese großartigen Frauen, weil sie die Welt inspirieren mit dem, was sie erreicht haben. Es gibt so viele fantastische Frauen auf der Welt, die nicht wahrgenommen werden. Ich will das ändern und allen zeigen, was all diese Frauen erreicht haben, was sie schaffen können.

Probleme sind da, um euch stärker zu machen

Ich will allen jungen Frauen sagen, dass Frauen mit Behinderung die besten Mentorinnen. Probleme zu lösen ist kein Vergnügen, aber es ist etwas, woran wir wachsen können, was uns voranbringt.

Es wird immer Vorurteile geben, mit denen wir zu kämpfen haben. Aber wann immer sich junge Frauen einem Problem gegenüber sehen, dürfen sie sich davon nicht aufhalten lassen. Vielmehr müssen junge Frauen Mut und Ehrgeiz zeigen. Das müssen sie sich zunutze machen.

Ich sage euch: Wann auch immer ihr in eurem Leben mit einem Problem zu kämpfen hat, seht es nicht als etwas an, das euch Grenzen setzt, das euch stoppt. Seht es lieber als eine Möglichkeit an, Grenzen zu überschreiten und voranzukommen. Probleme sind da, um euch stärker zu machen.

Nutzt das, habt Mut!

Der Text basiert auf einem Gespräch zwischen Yetnebersh Nigussie und Uschi Jonas.

HuffPost

Dieser Beitrag ist Teil des HuffPost-Adventskalenders. Hier stellen wir jeden Tag einen Menschen vor, der uns durch seine besondere Geschichte Mut macht. Alle Beiträge findet ihr hier. 

(ll)