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12/04/2018 12:26 CEST | Aktualisiert 12/04/2018 13:04 CEST

Ich diskutiere mit jungen Migranten über Antisemitismus – das habe ich erlebt

Es erstaunt mich immer wieder, wie hasserfüllt einige Jugendliche sind.

shironosov via Getty Images
Asem Ilhan diskutiert mit Jugendlichen über Fragen der Ehre (Symbolbild)

Ich weiß noch, wie mir ein Jugendlicher während eines Schul-Workshops ins Gesicht sagte: “Die Juden müssen alle umgebracht werden, damit der Tag des Jüngsten Gerichts kommen kann.”

Und: ”‘Eines Tages werdet ihr mich hassen, für jeden einzelnen Juden den ich nicht getötet habe.’ Das hat Hitler gesagt und jeder sieht doch heute, was die in Palästina machen …”

Nach dieser Aussage musste ich mich kurz sammeln. Ich wusste zunächst nicht, wie ich am besten darauf reagieren sollte.

Wir wollen in unseren Workshops Unterdrückung im Namen der Ehre bekämpfen

Ich war im Rahmen des Projekts “Heroes – gegen Unterdrückung im Namen der Ehre” in dieser Schulklasse. Eigentlich liegt der Fokus unserer Workshops auf dem Thema Gleichberechtigung der Geschlechter.

Es geht im Wesentlichen darum, Ehrvorstellungen anhand von Rollenspielen aufzuarbeiten, indem man den Jugendlichen alltägliche Situationen vorspielt, die ihnen Stoff zum Diskutieren geben. 

Wir kommen dann in die Klassen, wenn die Lehrer das Gefühl haben, dass es da Probleme gibt.

Mehr zum Thema: Antisemitismus an Schulen: Ein muslimischer Lehrer erklärt, was wir dagegen tun können

Ich habe selbst Migrationshintergrund

Ich bin 24, studiere Psychologie, bin Berlin geboren und aufgewachsen, mein Vater ist Zaza, meine Mutter Türkin. Meine Freunde und ich sind immer wieder diskriminiert worden. Aber mir war während meiner Schulzeit auch aufgefallen, dass Toleranz unter Migranten auch nicht selbstverständlich war.

Manche hielten 9/11 für eine amerikanisch-israelischer Verschwörung, verachteten Homosexuelle, feindeten Aleviten und Atheisten an, stempelten die Evolutionstheorie als Schwachsinn ab, “Jude“ war ein alltäglich verwendetes Schimpfwort, die Bewahrung der Jungfräulichkeit war vor allem für die Mädchen ein enormer Image-Faktor, wohingegen für Jungs das Gegenteil Ansehen brachte.

Ich weiß, dass ich lange Zeit bei vielem bewusst und unbewusst mal mehr, mal weniger mitgemacht habe. Und all die Probleme, die ich zu meiner Schulzeit beobachtet habe, erlebe ich nun verschärft in den Workshops.

Im Rollenspiel ging es nicht um Antisemitismus

Die heftigen Aussagen des Jugendlichen fielen nach einem Rollenspiel, in dem ein türkischer Vater etwas dagegen hat, dass sein Sohn mit einer Schwedin zusammen ist.

Für den Jugendlichen, der die radikale antisemitische Aussage traf, war klar, dass bestimmte Kombinationen in einer Partnerschaft nicht gingen. Als ich wissen wollte, welche, sagte er ohne Zögern: “Muslime und Juden können nicht zusammen sein!“ Und dann sagte er jene Sätze, die mich bis heute beschäftigen.

Ich habe viele antisemitische Aussagen in Schulen gehört. Aber diese gehört zu den hasserfülltesten, zumal die Körpersprache des Jungen seine Abneigung noch verstärkte.

Der erhobene Zeigefinger funktioniert nicht

Dem Jugendlichen mit einer Schimpftirade oder dem erhobenen Zeigefinger zu kommen, hätte nichts gebracht. Meiner Erfahrung nach erreiche ich so nichts, weil die Jugendlichen dann nicht nachdenken, sondern abblocken.

Ich versuchte stattdessen, ihm eine andere Perspektive anzubieten, indem ich ihm erklärte, dass 20 Prozent der Bevölkerung in Israel palästinensisch sind und Muslime und Christen dort ausgeprägte Rechte genießen. Er horchte auf, als ich fragte, was Herkunft oder Religion für eine Rolle spielen, wenn zwei Menschen sich lieben.

Natürlich hat das seine Feindseligkeit nicht aus dem Weg geräumt, aber es hat ihn nachdenklich gemacht und ich merkte, dass es ihm neu war, was er da hörte. 

Antisemitismus im Internet und den Heimatmedien

Es erstaunt mich deshalb immer wieder, wie hasserfüllt einige Jugendliche sind. Sie übernehmen die konservativen Einstellungen ihres Elternhauses, ihrer Bekannten oder von Heimatmedien und werden bereits in jungen Jahren stark ideologisiert. 

Das betrifft auch, aber nicht nur, die Haltung gegenüber Juden. Oft resultiert der Antisemitismus aus vermeintlichem Wissen.

Mehr zum Thema: Islam und Judentum haben viel mehr gemeinsam, als viele denken

Verschwörungstheorien über die “Weltherrschaft der Juden” und ihren “Reichtum” kursieren nicht nur im Internet, sondern auch in den Heimatmedien der Migranten.

Der Nahostkonflikt spielt eine große Rolle für sie. Vor allem Jugendliche haben ein starkes Bedürfnis, darüber zu diskutieren. 

Gott als Totschlagargument

Noch gefährlicher wird es allerdings, wenn der Jude zum Erzfeind der Muslime erklärt wird und Kinder den Antisemitismus religiös vermittelt bekommen. 

Mehr zum Thema: Warum muslimische Kinder zu Antisemiten werden – und der Islam wenig dafür kann

Wenn sie nicht wissen, wie sie ihre Abneigung begründen sollen, ziehen sie immer eine Stelle aus dem Koran heran, die sie in dem Zusammenhang aufgeschnappt haben.

Das gilt auch für andere Themen. Viele der Schüler, mit denen wir es zu tun haben, bezeichnen Homosexualität als etwas Abartiges, als eine Krankheit. “Gott hat das bestraft, also will er das nicht” – höre ich dann oft.

Gott als Totschlagargument – diese religiöse Argumentation hat unter den Schülern in der letzten Zeit zugenommen.

Ich antworte dann immer: “Aber keiner von uns hier ist Gott und es ist nicht unsere Aufgabe andere Menschen zu bestrafen.” Das verstehen sie meistens.

Religion verleiht ihnen ein Gefühl der Macht

Religion ist so ein großer Teil ihrer Identität. Sie gibt ihnen Macht.

Zum Beispiel erlebe ich es oft, dass ein Junge einer muslimischen Mitschülerin vorwirft: “Es gehört sich nicht, wie du dich kleidest.” In dem Moment ist das ein gutes Gefühl für den jungen Mann. Nach außen zeigt er damit, wie gläubig er ist.

Trotzdem wird Religion nur oberflächlich gelebt

Innen mag das jedoch ganz anders aussehen. Obwohl ihre Religion eine so identitätsstiftende Rolle für die Jugendlichen spielt, wird sie oft nur oberflächlich gelebt.

Das sehe ich oft beim Thema Jungfräulichkeit. Viele junge Muslime beteuern, dass sowohl Männer als auch  Frauen mit dem Sex warten sollen, bis sie verheiratet sind. Nur so sei man ein guter Muslim.

Das versuchen sie dann als Gleichberechtigung zu verkaufen. Oft zeichnet sich in der Diskussion dann jedoch ab, dass vor allem für die Frauen Sex vor der Ehe tabu ist und ihr Ruf viel schneller ruiniert ist.

Diskutieren, um eine eigene Meinung zu finden

Aus dem versuche ich sie herauszuführen, indem ich mit ihnen diskutiere, sie aus der Reserve locke, damit sie ihre Einstellung hinterfragen. Und das klappt in den meisten Fällen ganz gut.

Deshalb denke ich, Lehrer müssten schon im Studium lernen, solche Diskussionen mit den Jugendlichen selbst zu führen. Und es müsste mehr gut gemachte Internetvideos zu diesen Themen geben, damit man dem Gewimmel von Verschwörungstheorien im Netz starke Positionen entgegensetzen kann.

Die Probleme sind schon so lange bekannt, dass ich mich wundere, warum es da keine flächendeckenden Maßnahmen gibt. Der Reflex, die Situation zu bagatellisieren, ist dabei genauso gefährlich, wie darin den Untergang des Abendlandes zu sehen und rassistische Ressentiments zu schüren.

Natürlich wird es nie möglich sein, fest verankerte Denkstrukturen in einem einzigen Workshop, einer Schulstunde, mit einem Video aufzubrechen. Aber die Jugendlichen sollen anfangen, sich selbst zu suchen. Und mit eigenen Einstellungen erwachsen werden.

Der Text wurde von Franziska Kiefl und Susanne Klaiber aufgezeichnet.

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