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20/02/2019 11:11 CET | Aktualisiert 20/02/2019 11:55 CET

Ich dachte, Eltern in Deutschland seien fortschrittlich – bis ich nach Berlin zog

Überall sieht man Babys, Kleinkinder... mit ihren Müttern.

Tom Werner via Getty Images
Eltern in Berlin sind gar nicht so modern, wie sie scheinen (Symbolbild).

Die Französin Mathilde Ramadier ist freie Autorin, Comic-Zeichnerin und Übersetzerin sowie Mutter einer Tochter. Vor einigen Jahren zog sie nach Berlin, weil sie davon überzeugt war: Hier würde sie die Freiheit und Offenheit finden, die sie sich erträumte. Stattdessen musste sie feststellen, dass gerade die Berliner Eltern wesentlich konservativer sind als gedacht.

Was moderne Mutterschaft und Kindererziehung betrifft, wird Deutschland gerne als Positiv-Beispiel genannt. Denn in einigen Punkten hat Frankreich – das Land, aus dem ich stamme – noch einiges von seinem Nachbarn zu lernen:

► Da wäre das Elterngeld zum Beispiel, das sowohl Mütter als auch Väter 14 Monaten lang beziehen können.

► Oder über Gratis-Kita-Plätze, wie es sie in Berlin gibt;

► Geburten, die deutlich persönlicher gestaltet werden; häusliche Besuche von Hebammen, die von den Krankenkassen übernommen werden; und so weiter.

Vorteile, die ich als in Berlin lebende Mutter glücklicherweise auskosten durfte. Aber das System ist weit davon entfernt, perfekt zu sein – und gerade Mütter zahlen für ihre Errungenschaften oftmals einen hohen Preis.

Ich dachte, Berlin ist fortschrittlicher – ich habe mich getäuscht

2011 bin ich nach Berlin gezogen – unter anderem, weil ich dachte, in dieser Stadt kann ich mich ausprobieren. Hier kann ich kreativ sein, hier kann ich sein, wer immer ich auch sein will. Ich dachte, dass diese pulsierende Stadt unbegrenzte Möglichkeiten bietet, fernab des konservativen Bürgertums, wo Frauen lediglich hinter dem Herd stehen. Ich habe mich getäuscht.

Obwohl mein Kinderwunsch noch nicht deutlich ausgeprägt war, als ich nach Berlin zog, bemerkte ich eine unglaubliche Anzahl von Kinderwägen in den Straßen einiger Viertel. Ich deutete das erst einmal als Zeichen der Liebe und freute mich: Die Berliner kriegen so viele Kinder, weil es ihnen hier so gut geht.

Umso mehr ein Grund zur Freude, weil Deutschland seit der Wiedervereinigung eine demographische Krise erlebte und die Gesellschaft zunehmend veraltete. Verglichen mit den Deutschen, die im Durchschnitt 1,4 Kinder zur Welt bringen, sehen die Franzosen mit ihren durchschnittlichen zwei Kindern gar nicht mehr so schlecht aus...

Mehr zum Thema: Aufschrei eines Kindheitsforschers: “Jedes zweite Kind ist in Gefahr”

Überall sind Kinder... mit ihren Müttern

Ich beobachtete neugierig, aber auch belustigt, wie selbstbewusste Mütter auf dem Fahrrad imposante Wägen hinter sicher her hievten, gerne beladen mit vier Kindern, ähnlich eines Karnevalsumzugs. Nach einigen Begegnungen allerdings, bei denen ich mich an den zahlreichen Kinderwägen vorbeiquetschen musste (die übrigens immer größer werden – offenbar ein Zeichen von Reichtum), bemerkte ich etwas: Als ich ruhig und allein in einem Café saß, sprach mich eine Mutter an – sichtlich erschöpft und vollkommen in ihrer eigenen Welt versunken. Ich solle zur Seite gehen, damit ihr Sprössling etwas hinter mir aufheben könne. Da tauchten plötzlich einige Fragen in meinem Kopf auf.

Überall sieht man Babys, Kleinkinder... mit ihren Müttern. Auf den Straßen, in den Geschäften, in den Cafés – vor allem werktags. Die, die mit ihren Kindern zu Hause bleiben, nicht mitgezählt. Ja, es gibt natürlich auch Väter, die seien natürlich auch gewürdigt (wenn auch nicht gefeiert – dass Vater und Mutter bei der Kindererziehung die Aufgaben teilen, halte ich für selbstverständlich). Aber wie schon gesagt: Wir sehen hauptsächlich die Mütter.

Ich habe bald verstanden, dass ein Großteil der jungen Mütter nicht arbeitet – und dass dieser Zustand oftmals nicht nur wenige Monate, sondern Jahre anhält. 

Seitdem ich selbst Mutter bin, habe ich diese andere, mir bis dahin verborgene Seite, kennengelernt. Meine feministischen Meinungen prallten mit dem Glück, aber auch den Belanglosigkeiten des mütterlichen Daseins aneinander – dadurch wurde die Feministin in mir allerdings nur gestärkt. Ich stellte fest, dass Krippen und Tagesmütter Kinder erst ab einem Jahr aufnehmen, in privaten und “alternativen” Waldorfkrippen sogar erst ab zwei Jahren, und dass die Elternzeit von drei Jahren immer beliebter wird.

Es war ein Schock für mich.

Was tun, wenn die Eltern bald nach der Geburt wieder arbeiten müssen?

Wie macht man das also, wenn man vorher wieder arbeiten gehen will oder muss? Das Elterngeld, das 14 Monate lang gezahlt wird, beträgt gerade einmal 66 Prozent des Nettoeinkommens, die meisten jungen Paare können sich damit nicht ein Jahr lang über Wasser halten. Zudem bietet die Arbeit eine wesentliche Möglichkeit zur Selbstverwirklichung... 

Manche Krippen nehmen die Kinder schon mit sechs Monaten auf, aber da sind die Plätze meistens schnell belegt. Die Wartelisten sind lang, man muss sich eigentlich schon im ersten Trimester der Schwangerschaft eintragen – wenn man also nicht einmal weiß, ob die Schwangerschaft gut geht...

Was also tun? Man könnte privat eine Tagesmutter engagieren – vorausgesetzt, man findet eine, die sich um so ein junges Baby kümmern möchte. Das Kindergeld in Deutschland beträgt 194 Euro pro Monat und pro Kind. Das ist ja nicht schlecht, aber eine Vollzeit-Tagesmutter kostet um die 2000 Euro. Die Konsequenz ist: Nur vermögende Eltern können es sich “erlauben”, bald nach der Geburt wieder arbeiten zu gehen, anstatt ein Jahr lang zu warten. Das ist doch absurd.

Eine Freundin von mir ist freie Journalistin. Sie muss nachts arbeiten, wenn ihr Baby schläft. Sie konnte sich nicht ein Jahr lang freinehmen, weil sie dann ihre beruflichen Kontakte verloren hätte. Ihr Freund betreibt ein kleines Unternehmen, auch er konnte sich also kein Jahr Auszeit nehmen.

Alte Geschlechterklischees sind nicht überwunden

Dass zwischen den Rollenerwartungen an Mütter und Väter ein gefährliches Ungleichgewicht herrscht, ist nichts Neues, egal ob in Deutschland oder Frankreich oder anderswo. Was allerdings neu ist, ist die Tatsache, dass junge Mütter, also Frauen meiner Generation, mit Klischees konfrontiert werden, von denen wir dachten, dass sie schon längt überwunden worden seien. 

Einer Umfrage des “Spiegel” zufolge glauben 56 Prozent aller deutschen Frauen jeden Alters, dass junge Mütter die ersten drei Jahre nach der Geburt komplett aufhören sollten zu arbeiten, um mit den Kindern zu Hause zu bleiben. Eins ist sicher – zumindest würde so das Krippen-Problem in Großstädten gelöst werden...

Dieselben Frauen glauben übrigens, dass man während der ersten sieben Lebensjahre des Kindes nicht in einen Vollzeitjob zurückkehren kann. Erst danach, wenn das Kind das “Alter der Vernunft” erreicht hat, die ”ödipale Phase” verlässt und seine sexuelle Identität entwickelt, kann die Mutter wieder in Vollzeit arbeiten gehen – meint zumindest eine Nachbarin von mir. Die Frau, die ich für progressiver gehalten hatte, besaß die Frechheit, mir diese Worte zu sagen, während in meine neun Monate alte Tochter auf dem Arm hielt und mich freute, endlich einen Krippenplatz bekommen zu haben. 

Lohnt es sich, in Deutschland Kinder zu kriegen?

Die Berliner Autorin Antonia Baum fachte mit ihrem autobiographischen Roman “Stillleben” (erschienen 2018) eine Diskussion an: Sie erklärte darin geradeheraus, dass es sich in Deutschland nicht lohne, Kinder zu kriegen, wenn man außerdem eine berufliche Karriere anstrebe.

Es geht nicht nur um die Frage, in welchem Ausmaß eine Mutter für ihr Kind da sein sollte. Genauso entscheiden Meinungen anderer Leute, Lebenssituation und tradierte Rollenbilder über die Stellung der Frau.

Von Kultur zu Kultur variiert der gesellschaftliche Konsens. In Berlin wirken die Frauen vielleicht befreit vom festen Griff des Patriarchats.

Sobald sie allerdings Mütter werden, bleiben sie zuhause und kümmern sich um ihre Kinder. In Frankreich fühlen sich die Menschen verpflichtet, alles gleichzeitig zu schaffen, ohne fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sowohl auf der einen als auch anderen Seite der Grenze begleiten der Staat, die Gesellschaft und das kollektive Bewusstsein unsere Mütter – oder lassen sie komplett im Stich.

Dieser Text erschien ursprünglich in der französischen Ausgabe der HuffPost und wurde übersetzt von Agatha Kremplewski.

(ll)