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28/10/2018 13:03 CET | Aktualisiert 28/10/2018 16:15 CET

"Ich bin über 40 und Stripperin – es ist der beste Job, den ich je hatte"

"Strippen bietet einen Ausgleich zu meiner oft sehr einsamen, routinierten Schreibtätigkeit."

unomat via Getty Images
Missy Wilkinson strippt nicht, weil sie muss.

Missy Wilkinson ist freie Journalistin – und seit über 20 Jahren Stripperin. Hier beschreibt sie, warum sie sich nach Jahrzehnten immer noch gerne vor Publikum auszieht – obwohl sie sich ihren Lebensunterhalt mittlerweile gänzlich mit dem Schreiben finanzieren könnte. 

Draußen begann es gerade, zu regnen. Der Marmorboden fühlte sich kalt an unter meinem Körper, der sich wie ein Seestern in alle Richtungen streckte. Das Publikum im “Larry Flynt’s Hustler Club” zeigte sich an diesem Tag jedoch unbeeindruckt. Ein etwa 50-jähriger Mann steckte mir zwei Dollar zu, selbst dafür war ich dankbar.

Nach meinem Auftritt sah ich ihn an der Bar sitzen und bedankte mich persönlich für das Trinkgeld.

Jeff war einer dieser Kunden, die viele Fragen stellen. “Wie alt bist du?” (Ich war 38, antwortete aber als 32). “Wie lange machst du das schon?” (Über zehn Jahre, aber ich sagte, seit etwa einem Jahr). “Was machst du, wenn du nicht hier arbeitest?” (Ich schreibe). “Wie fändest du es, wenn ein Bekannter in den Club käme und dich hier sähe?”

Ich glaubte zu wissen, worauf er hinaus wollte und es gefiel mir überhaupt nicht.

“Das wäre kein Problem, ich schäme mich nicht für meinen Job”, antwortete ich – obwohl ich das nicht immer so empfunden hatte.

“Aber wenn du dir einen Beruf aussuchen könntest, was würdest du dann lieber machen?”, fragte mein selbsternannter Lebensberater.

Manchmal kann ich selbst nicht ganz glauben, dass ich immer noch als Stripperin arbeite. Eigentlich sollte der Job mir nur eine Zeit lang über die Runden helfen, bis ich mit meiner eigentlichen Berufung Fuß gefasst hätte.

Inzwischen bin ich über 40 und habe tatsächlich die Karriere als Autorin eingeschlagen, von der ich immer geträumt hatte. Und trotzdem tanze ich noch an der Stange – ich habe das Gefühl, dass es Teil meiner Identität geworden ist.

Alles begann mit einem Mann

Ich war 19, als ich zu strippen anfing. Als ich eines Tages über den Französischen Markt von New Orleans schlenderte, traf ich einen Mann zwischen den getrockneten Alligatorenköpfen, den Räucherstäbchen und creolischen Tomaten. Er war 27 Jahre älter als ich.

Er lud mich zum Essen ein, ging mit mir shoppen und bot mir einen Job in seiner Firma an. Damals habe ich die wahre Natur unserer Beziehung nicht verstanden: Der Mann wurde mein Sugar-Daddy. Für mich war allerdings die Hauptsache, dass mein Job bei ihm mir helfen würde, meine Studiengebühren zu bezahlen.

Ab und zu ging er mit mir in einen Strip-Club, den “Ship’s Wheel”. Ich bewunderte die Mädchen, die sich in der verrauchten, dämmrig-beleuchteten Spelunke zur Musik der Nine Inch Nails räkelten.

Es sah so aus, als hätten sie Spaß bei dem, was sie taten – mehr Spaß jedenfalls, als ich daran hatte, einen sehr anstrengenden älteren Mann bei Laune zu halten.

Ich bewarb mich für einen Job in dem Etablissement, aber ich war zu nervös und verklemmt und sah aus wie ein Bauernmädchen in dem Kleid, dass meine Großmutter genäht hatte. Ich war nicht einmal alt genug, um mir einen Drink zu bestellen. Ich war noch nicht soweit.

Acht Jahre sollten vergehen, bis ich mich wieder als Stripperin bewerben würde.

Als ich eines Tages im Club “Visions” in New Orleans saß, während der Manager meine Bewerbungsunterlagen durchsah, standen meine Chancen deutlich besser. Inzwischen war ich Master-Studentin an der Louisiana State University und hatte schon Erfahrung als Aktmodel.

“Du kannst heute Nachmittag anfangen”, sagte er. 

Als ich meine Einnahmen abends in meinem WG-Zimmer immer und immer wieder zählte, wurde mir klar, dass ich mich ganz gut gemacht hatte: 375 Dollar hatte ich verdient. Ein bisschen fühlten sich die Scheine an wie Monopoly-Geld – passend, wenn man bedenkt dass mein neuer Job letztlich auch nur ein langes, langweiliges Spiel war, das man in erster Linie mit Glück gewinnt.  

Ich strippe nicht, weil ich muss

Kurze Zeit später brach ich mein Studium ab und nahm eine unbezahlte Praktikumsstelle bei einer Lokalzeitung an. Meine Eltern waren fassungslos.

“Wieso arbeitest du umsonst?”, wollten sie wissen. Nun ja, weil ich es mir dank meiner Einkünfte als Stripperin leisten konnte. Von 2008 bis 2009 arbeitete ich Vollzeit als Tänzerin.

Dann aber bekam ich die Chance in der Redaktion: Eine Redakteurin, die in Mutterschutz gegangen war, entschied sich, nicht in den Job zurückzukehren. Ich bekam ihre Stelle und ihr Büro.

Lesenswert:Warum ich mich als Stripperin von #MeToo ausgeschlossen fühle

Nun hatte ich also einen “richtigen” Job. Doch aus irgendeinem Grund konnte ich das Strippen nicht ganz sein lassen.

Ich trieb mich in Online-Foren für Stripperinnen herum. Jedes mal, wenn mir eine Freundin von ihren abenteuerlichen Erlebnissen als Escort erzählte, war ich eifersüchtig. Irgendwann nahm ich einen Job in einem abgelegenen Club an, in dem mich sicher niemand erkennen würde.

Als mich mein Chefredakteur eines Nachmittags zum Gespräch bat, ahnte ich nicht, was mir bevorstand. Die Marketing-Chefin der Zeitung war ebenfalls dazu gerufen worden, sie sah alles andere als zufrieden aus.

Wie sich herausstellte, hatte ich einen Stalker. Jemanden, der meine Foren-Einträge und anonymen Blog-Posts verfolgt und so meine Identität herausgefunden hatte.

Er hatte mich in den Kommentaren unter unseren Online-Artikeln geoutet: “Diese Stripperin arbeitet als Redakteurin bei der Lokalzeitung ‘Gambit Weekly’ in New Orleans. Anscheinend steckt die Medienbranche in einer Krise.”

Meine Vorgesetzten versicherten mir, dass sie Schritte einleiten würden, um die Situation wieder unter Kontrolle zu kriegen, ich allerdings wollte im Boden versinken. Die ganze Zeit über hatte ich alles getan, um mein Alter Ego geheim zu halten, nur meine beste Freundin kannte mein ungewöhnliches Hobby.

Ich bin im Süden Louisianas von konservativen Christen großgezogen worden, die selbst Obama für den liberalen Anti-Christen hielten – vor diesem Hintergrund konnte ich den Gedanken nicht abschütteln, dass Strippen einer Beleidigung glich – gegen mich selbst, andere Menschen und gegen Gott.

Es fühlte sich an, als sei das nun die Strafe für meine Lügen.

Stripperin mit Ü40 und stolz darauf

Ich nahm also meinen Blog offline und brach den Kontakt zu all meinen Freunden aus der Sexarbeiter-Szene ab. Ich verkaufte meine Stripper-Stiefel auf eBay.

Als ich 2016 beschloss, mich selbstständig zu machen, dachte ich keine Sekunde lang daran, an die Stange zurückzukehren. Ich muss gestehen, dass mir der Gedanke sogar Angst bereitete: Was, wenn ich es als freie Journalistin nicht schaffe und wieder als Stripperin arbeiten muss?

Aber ich konnte mich bewähren. Ich verdiene als Selbstständige genauso viel wie als Festangestellte. Ich habe für viele namhafte US-Medien gearbeitet und spannende Geschichten erzählt.

Lange hielt ich es jedoch nicht ohne die Stange aus. Seit einem Jahr tanze ich wieder, aus überwiegend pragmatischen Gründen: Es ist eine lukrative Tätigkeit mit flexiblen Arbeitszeiten. Aber sie bietet mir auch einen Ausgleich zu meiner oft sehr einsamen, routinierten Schreibtätigkeit.  

Manchmal stelle ich einen Artikel am frühen Nachmittag fertig und gehe anschließend strippen. Zu anderen Zeiten habe ich so viele Aufträge, dass ich wochenlang keinen Fuß in den Club setze.

2018 habe ich bisher 46 Schichten im Club gearbeitet. Ich habe jetzt viel mehr Spaß daran, denn heute weiß ich, was ich brauche, um mich auf der Bühne wohl zu fühlen: Ich bevorzuge die Nachmittags-Schichten und mag Clubs lieber, in denen ich auf einer Bühne tanze, statt auf einer kleinen Plattform.

Außerdem fühle ich mich besser bei dem Gedanken, dass das Strippen nicht meine einzige Einnahmequelle ist.

Jedes Mal, wenn ich den Club nach einer längeren Pause betrete, bin ich erstaunt, dass sie sich in meiner Abwesenheit rein gar nichts verändert hat. Die Choreographien der Mädchen sind dieselben, es riecht nach wie vor nach Zigaretten, Victoria’s-Secret-Parfüm und Putzwasser. Anfangs hat mich das genervt, aber inzwischen weiß ich die Beständigkeit des Clubs zu schätzen.

Ich weiß, dass ich diesen Job nicht ewig machen kann. Aber ich will nicht eines Tages zurückschauen und es bereuen, nicht getanzt zu haben, obwohl ich die Möglichkeit dazu hatte. Dazu macht es mir zu großen Spaß.

Deshalb wünschte ich, dass ich Jeff auf seine Frage folgende Antwort gegeben hätte:

Früher habe ich meinen Job als Sexarbeiterin als Makel betrachtet. Als dunklen Schatten auf einem Kristall. Aber er ist ein Teil meiner Identität. Mein Stripper-Ich ist wie ein Geist, der nur im Schimmern der Diskokugel sichtbar wird. Wenn das Licht im Club angeht, verschwindet sie – bis zur nächsten Schicht.

Sie wird selbst dann noch ein Teil von mir sein, wenn ich die Bühne für immer verlasse. Und darauf bin ich stolz.

Dieser Text erschien zuerst bei der HuffPost US und wurde von Anna Rinderspacher aus dem Englischen übersetzt und angepasst.

(ak)