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18/05/2018 18:03 CEST | Aktualisiert 18/05/2018 18:59 CEST

Imam: Ich bin sicher, Prophet Mohammed würde Schwule verheiraten

Warum Homophobie im Islam nie so verbreitet war wie heute.

Ludovic-Mohamed Zahed

Heute bin ich der einzige bekennende homosexuelle Imam im Westen, einer von vielleicht zehn weltweit. Es ist Privileg und Bürde zugleich. Und dass ich das bin, habe ich meiner Familie zu verdanken.

Aber als ich ein kleiner Junge war, hat mich mein Vater gedemütigt, wenn ich weinte. Mein älterer Bruder hat mir ins Gesicht geschlagen und mir mehrmals die Nase und einmal das Kinn gebrochen, wenn er fand, ich verhalte mich nicht männlich genug.

Mannsein bei den Salafisten

Mit zwölf schloss ich mich Salafisten an. Dschibril war einer von ihnen und zeigte mir, wie man sich als Mann verhält. Wie breitbeinig man zu sitzen hat, mit welch tiefer Stimme man zu sprechen hat.

Das passte meinem Vater auch nicht, denn er wollte zwar keinen unmännlichen Sohn, aber schon gar keinen Islamisten.

Ich bin weiter zu den Salafisten gegangen und habe mich in Dschibril verliebt, obwohl ich damals noch nicht wusste, dass ich homosexuell bin. Unsere Beziehung war daher rein platonisch. Den Salafisten war das egal, sie warfen mich raus, als ich 17 war.

Wenig später habe ich im Fernsehen Schwule gesehen. Erst da habe ich verstanden, wer ich wirklich war. Weil ich dachte, dass meine Sexualität nicht mit meiner Religion zusammenpasst, wollte ich vom Islam nichts mehr wissen.

Besser schwul als Salafist

Ich habe meinem Vater gesagt: Entweder du schmeißt mich raus, oder du akzeptierst mich so, wie ich bin.

Mein Vater sagte: Wir haben alles versucht, dich zu ändern, aber es geht nicht. Aber sei dir im Klaren darüber, dass das ein hartes Leben wird. Und komm ja nicht, um dich an meiner Schulter auszuweinen.

Da habe ich verstanden, dass mein Vater mich immer schützen wollte. Und dass es ihm lieber war, dass ich aus Liebe zu Dschibril zu den Salafisten gegangen war als aus politischer Überzeugung. Besser, sein Sohn ist schwul als Salafist.

Damals habe ich langsam gelernt, mich nicht mehr für mich selbst zu schämen. Das hat mich auch vor meinem Bruder geschützt.

Mehr zum Thema:  Ich bin schwul und Muslim – das wünsche ich mir von meiner Familie

Er hat seine Aggressionen solange an mir ausgelassen, wie er mich als schwach empfand. Heute weiß ich, dass meine Homosexualität gar nicht der wahre oder zumindest nicht der einzige Grund für seine Attacken war. Meine Schwäche machte mich zum Angriffsziel für ihn. Heute können wir höflich miteinander reden.

Die Geschichte mit Sodom und Gomorrha

Mit der Zeit merkte ich: Ich werde meine Religion genauso wenig los wie meine Sexualität. So habe in Algier islamische Theologie studiert und in Paris über Homosexualität im Islam promoviert. Später bin ich dann endlich Imam geworden.

Viele Muslime glauben, Homosexualität sei verboten. Aber das stimmt nicht.

Die Koransure, die Kritiker immer wieder zitieren

In den Überlieferungen zum Leben des Propheten Mohammed heißt es, er habe den Mukhannathun, was man heute vielleicht mit Transgender-Männer oder zumindest als feminin auftretende Männer übersetzen könnte, in seinem Haus Schutz gewährt. Der Prophet hat eine sexuelle Minderheit in Schutz genommen

Kritiker der Homosexualität behaupten, Gott habe die Städte Sodom und Gomorrha zerstört, weil dort Homosexualität gelebt wurde. Nur gibt es dafür in der ersten Koran-Exegese durch die Familie des Propheten keinen Beleg.

Der Historiker Herodot hat die Szenerie detailliert beschrieben: Da ist die Rede davon, dass dort Priester im Ištar-Tempel Menschen in großem Stil vergewaltigt haben. Dann kam Gottes Zorn.

In Sure 7 Vers 81 im Koran steht: “Ihr gebt euch in Sinnenlust wahrhaftig mit Männern ab, statt mit Frauen. Nein, ihr seid ein Volk, das nicht maßhält.“

Man muss die Stelle im Kontext sehen, demnach hatten diese Männer Ehefrauen, sie vergewaltigten Männer und in Sure 7 Vers 80 heißt es:

“Niemand hat zuvor solche Gräuel begangen.”

Das heißt, es ging nicht um sexuelles Verlangen oder gar Liebe, sondern um Lust, Dominanz und Gewalt.

Der Prophet würde Homosexuelle trauen

Saudi-Arabien verbreitet dennoch weltweit Koran-Exemplare, in denen hinter Sodom und Gomorrha in Klammern immer “Stadt der Homosexuellen” steht. Gerade so, als sei Gott zu blöd gewesen, das selbst zu formulieren, wenn Gott das hätte so sagen wollen. Diese Kommentierung ist Manipulation. Es geht nicht um Religion, sondern um Politik.

Ich bin sicher: Würde Mohammed – Friede sei mit ihm – heute leben, dann würde er Homosexuelle nicht nur schützen. Er würde sie trauen.

Das ist nicht Religion, sondern Faschismus

2012 habe ich in Paris eine liberale Moschee für Homosexuelle gegründet. Ich habe mich damals selbst gefragt, ob ich verrückt bin.

Moscheen sind nicht nur Orte zum Beten. Sie sind leider viel zu oft auch Botschaften von Islamisten. Die Türkei, Algerien und Saudi-Arabien schicken Imame nach Europa, die alle verurteilen, die nicht ihre Interpretation des Islam teilen. Das ist nicht Religion, sondern Faschismus.

Und dann kam ich mit meiner Moschee. Das gefiel nicht allen. Jemand hat meine Privatadresse im Netz veröffentlicht. Aber wie ihr seht: Ich lebe noch.

Aus der Moschee ist eine Bewegung geworden

Heute stimmen mir die Menschen zu oder nicht – aber sie haben sich daran gewöhnt, dass es mich und liberale Moscheen überall in Osteuropa gibt. Wir sind eine Bewegung geworden.

Vielen mag das zu langsam gehen. Ich staune aber immer noch, was wir in den fünf, sechs Jahren erreicht haben. Denn Terrorist zu werden, ist in gewisser Hinsicht einfach, dazu reichen fünf Minuten. Aber die Einstellung der Menschen zu verändern, das dauert.

Deutschland war in Sachen liberaler Islam lange hintendran, auch wegen der aus dem Ausland gesteuerten Islamvereine, jetzt liegt Deutschland vorne.

AFP Contributor via Getty Images
Ludovic-Mohamed Zahed im Gespräch mit der Berliner Imamin Seyran Ates

In Berlin gibt es eine liberale Moschee im Nebengebäude einer evangelischen Kirche. Kirchengemeinden sind bei euch viel offener für Kontakt als in Frankreich, der Kontakt zwischen Politik und Religion enger, das beschleunigt solche Entwicklungen.

Homophobie war im Islam nie so verbreitet wie heute

Tatsächlich war die Ablehnung von Homosexuellen im Islam nie so verbreitet wie heute.  

In der arabisch-persischen Welt war homoerotische Literatur normal. So gab es im 18. Jahrhundert an der Al-Azhar-Universität, die heute vielen Sunniten als erste Glaubensinstanz gilt, einen Gelehrten namens Abdallah Al-Shabrawi, der selbst homoerotische Gedichte schrieb.

Heute argumentieren viele, er habe nur über Männer geschrieben, um nicht die Liebe zu einer Frau zu beschreiben, mit der er nicht verheiratet war. Aber das ergibt keinen Sinn. Warum sollte er etwas Unschickliches umgehen, indem er etwas angeblich streng Verbotenes tut?

Im Osmanischen Reich, das in den 1920er-Jahren nach mehr als 600 Jahren unterging, war Homosexualität nicht verboten. Auch in Algerien des frühen 20. Jahrhunderts gingen die Menschen entspannt damit um.

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Wie Panarabismus und Kolonialimus die Homophobie förderten

Erst danach, mit der Ausbreitung des panarabischen Gedankens, verbreitete sich auch die konservative Islaminterpretation der arabischen Halbinsel. Die muslimische Welt, vielfach von Kolonisten unterjocht, suchte nach ihrer Identität und nahm das dankbar an. Und ausgerechnet französische Kolonialherren redeten Nordafrikanern ein, sie seien viel zu tolerant mit Homosexuellen.

Ich will die staatliche Homophobie und Frauenfeindlichkeit, die in vielen muslimischen Ländern vorherrscht, nicht entschuldigen, ich will sie erklären.

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Kritiker fürchten, die liberale Bewegung in Europa werde durch Flüchtlinge aus diesen Ländern gebremst. Tunesische Freunde sagen mir: Das Beste und das Schlechteste ist möglich.

Ich denke: Es liegt an uns, was wir daraus machen. Und in jedem Fall hilft es uns, auf beiden Seiten des Mittelmeers über diese Identitätsprobleme nachzudenken.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.