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05/11/2018 18:23 CET | Aktualisiert 05/11/2018 21:04 CET

Ich bekam mit 43 Parkinson, dann bin ich über den Indischen Ozean gerudert

Mein nächstes Abenteuer heißt jetzt Leben.

ROBIN BUTTERY
Robin ruderte als erster Parkinson-Patient über eine Ozean – 68 Tage brauchten er uns seine Crew dafür.

Mein Name ist Robin Buttery. Ich bin 47 Jahre alt und arbeite als technischer Ausbilder an der Universität in Leicester, Großbritannien. Ich bin verheiratet und habe einen 13-jährigen Sohn.

Und ich habe Parkinson. 

Doch das hat mich nicht davon abgehalten, 68 Tage lang quer über den Indischen Ozean zu rudern.

Vor drei Jahren – kurz vor meinem 44.Geburtstag – wurde meine Krankheit diagnostiziert. Ich war erleichtert, das zu hören. Parkinson erschien mir um einiges angenehmer als die anderen Krankheiten, die ich aufgrund meiner Symptome damals in Betracht gezogen hatte.

Ich hatte befürchtet, an einer Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) zu leiden – die Krankheit, die auch Stephen Hawking hatte. Auch Multiple Sklerose zog ich damals in Betracht. Niemals hätte ich an Parkinson gedacht.

Vor zwei Jahren entdeckte ich im Netz einen Aufruf

Wenn ihr jemanden nach der Krankheit Parkinson fragt, werdet ihr höchstwahrscheinlich eine Antwort bekommen, die irgendetwas mit alten, zitternden Männern zu tun hat. Wenn ihr es googelt, spuckt euch die Suchmaschine die Zeichnung eines buckligen, zitternden Mannes aus.

 Mich traf die Krankheit als ich 43 Jahre alt war. Trotzdem versuchte ich, sie – wie alles in meinem Leben – mit einer Portion Humor aufzunehmen. Das ist meine Strategie, positiv zu bleiben. Viel zu lachen, Sport zu treiben und positiv zu denken – das sind die drei Dinge, auf die ich mich seit der Diagnose konzentriere.

► Vor etwa zwei Jahren entdeckte ich im Netz einen Aufruf, bei dem Parkinson-Patienten gesucht wurden.

Auf den ersten Blick konnte ich nicht erkennen, für was. Im Aufruf hieß es lediglich, es sei die Chance meines Lebens und ich bräuchte nicht mehr als einen Reisepass und ein Visum für Australien. Ich meldete mich auf gut Glück, bekam jedoch lange keine Antwort.

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Eines Tages warf ich einen Blick in den Spam-Ordner meines E-Mail-Postfachs und entdeckte eine Antwortmail. Es war eine Einladung zu einem Telefongespräch, bei dem ich erfahren sollte, für was ich mich genau beworben hatte.

Ich sollte mit einer vierköpfigen Crew als erster Parkinson-Patient über den Indischen Ozean rudern.

Ich entschied mich, die Herausforderung anzunehmen

Ich war überwältigt. Gleichzeitig hatte ich keine Ahnung, wie ich reagieren sollte. Weglaufen und mich verstecken oder eine Herausforderung annehmen, die so weit außerhalb meiner Komfortzone lag, dass ich mich bereits während des Telefonats so fühlte, als stürzte ich im freien Fall in einen Abgrund.

Nachdem ich mit Freunden und Familie lange überlegt hatte, entschied ich mich für das Abenteuer. Ich wusste, es könnte nicht nur mir, sondern auch allen anderen Parkinson-Patienten helfen – auch, weil die Reise den Forschungszwecken der Oxford Brookes Universität in England diente.

► So begann mein Abenteuer, als erster Parkinson-Patient der Welt über einen Ozean zu rudern.

Die Crew und ich landeten am ersten Juni in Australien und hatten den Plan, unser Abenteuer einige Wochen später zu beginnen. Leider war das aufgrund technischer Probleme und des Wetters nicht möglich. Erst am sechsten Juli verließen wir die Küste mit dem Boot – entgegen dem Rat des Wetterbeauftragten.

ROBIN BUTTERY
Es gehörte zu Robins Aufgaben, das Boot instand zu halten.

Via GPS-Tracker konnten Menschen auf der ganzen Welt unser Abenteuer verfolgen

In den ersten Tage ging es toll voran. Dann schlug – wie vorhergesagt – das Wetter zu und wir mussten den Anker auswerfen. Mehrere Tage verbrachten wir an ein und derselben Stelle auf hoher See. Via GPS-Tracker konnten Menschen auf der ganzen Welt im Internet unser Abenteuer verfolgen – in dieser Zeit müssen sie geglaubt haben, wir hätten nicht die leiseste Ahnung von dem, was wir taten.

Nach knapp einer Woche besserte sich das Wetter und wir holten den Anker wieder ein – in der Hoffnung, ihn nicht mehr zu brauchen. Und tatsächlich: In den Tagen und Wochen danach machten wir Fortschritte. Langsam aber sicher ruderten wir über den Indischen Ozean.

Auf dem Meer zu rudern ist ein einzigartiges Erlebnis. Es gibt nichts Vergleichbares – und es ist nicht leicht.

Meinen zitternden Händen vertraute die Crew ihr Leben an

Ich war der Anfänger des Teams und hatte zuvor 18 Monate trainiert. Ich war fit, aber meine Rudertechnik musste ich noch verbessern. Neben dem Rudern war es meine Aufgabe im Team, Dinge zu reparieren. Auf unserer Reise über das Meer vertrauten die Crewmitglieder meinen zitternden Händen oft ihr Leben an. Und ich enttäuschte sie nie.

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Ich wechselte die Kugellager in den Sitzen, die gewährleisteten, dass sich die Ruderer frei bewegen können, ich behob kleinere elektronische Probleme und hielt die Entsalzungsanlage instand, die uns mit frischem Trinkwasser versorgte. Von Anfang an hatte ich immer gut zu tun.

► Nachts zu rudern, gefiel mir immer am besten. Es war ruhiger und wir waren schneller, hörten nebenbei unsere Lieblingsmusik auf dem iPod oder lauschten den Wellen.

Zuvor war mir nie aufgefallen, wie viele verschiedene Arten von Wellen es gibt. Sie unterscheiden sich in ihrer Form, Größe, Frequenz, Farbe und und in ihrem Rauschen. Das Meer zu beobachten, hypnotisierte mich: Die sich aufbäumenden laserblauen Wassermassen, kurz bevor sie brechen und auf der Wasseroberfläche in der Gischt zerbersten.

Oft verschlangen sie mit einem dumpfen Geräusch das Boot und ließen uns tropfnass zurück. Wir ruderten auf Wellen, die größer waren als Häuser, sich anfühlten, als würden sie niemals enden und nur dem einen Zweck dienen, uns daran zu erinnern, wer auf der See die Zügel in der Hand hatte.

ROBIN BUTTERY
Zu viert ruderte die Crew von Australien nach Mauritius.

Wir erlebten unglaubliche Sonnenauf- und Untergänge

68 Tage lang sahen wir nur das Meer, wohin wir auch blickten. Mit etwas Glück konnten wir im Himmel ein paar Vögel, fliegende Fische oder Flugzeuge sehen, im Wasser Tintenfische, Schwertfische und Wale.

Wir erlebten unglaubliche Sonnenauf- und wunderschöne Sonnenuntergänge, beobachteten den stillen Nachthimmel.

► Unsere Freude war riesig als wir am Ende unserer Expedition einen fast unsichtbaren Schatten am Horizont entdeckten: Mauritius. Kurz bevor wir wieder an Land gingen, wurden wir für unsere Mühen mit einem spektakulären Sonnenuntergang belohnt, der die Insel in rote Flammen tauchte.

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In diesen Stunden fiel es uns schwer, zu glauben, dass sich unser Abenteuer dem Ende neigen sollte. Wir malten uns aus, wie es sein würde, wieder richtige Speisen zu essen und in einem echten Bett schlafen zu können. Die Gedanken daran ließen uns am nächsten Tag schneller rudern. Je näher wir kamen, desto größer und grüner wurde die Insel.

Der Anblick war unglaublich.

Mein nächstes Abenteuer heißt Leben

Wir erreichten das Dorf “Grande Baie”, unser Ziel, am Freitag, den 14.September. Eine jubelnde Menge empfing und belohnte uns mit einem Frühstück aus Gebäck, Kaffee und Früchten. Wir fühlten uns wie Könige – auch wenn wir zerzaust waren und dringend eine Dusche brauchten.

Mittlerweile bin ich wieder zuhause in Großbritannien. Mit den anderen Teilnehmern versuchen wir, möglichst viele Menschen auf unsere Expedition aufmerksam zu machen. Wir sammeln nachträglich dafür Spenden.

Ich bin immer noch Teil des Forschungsprojekts der Oxford Brookes Universität und wurde sogar in das europäische Parlament eingeladen, um am runden Tisch über Parkinson zu sprechen.

Ich kehre wieder zu meiner Arbeitsstelle und meinem Alltag als Ehemann und Vater zurück. Mein nächstes Abenteuer heißt jetzt Leben.

Der Beitrag erschien zuerst bei HuffPost UK, wurde von Franziska Kiefl aus dem Englischen übersetzt und dem Verständnis angepasst.