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05/04/2018 10:58 CEST | Aktualisiert 05/04/2018 15:01 CEST

Ich bin Migrant und habe eine Hotline für besorgte Bürger

Wir müssen uns gegenseitig besser zuhören.

Ali Can
Ali Can: "Asylbewerber Ihres Vertrauens".

Wir sollten alle erst mit Menschen reden, bevor wir über sie reden.

In den vergangenen Jahren ist ein Riss durch unsere Gesellschaft gegangen. Bestimmte Menschengruppen haben nicht mehr miteinander gesprochen – weil sie unterschiedliche Meinungen haben.

Auf der einen Seite gibt es solche, die sehr weltoffen sind. Auf der anderen Seite die, die sich vor Flüchtlingen fürchten.

Ich bin selbst Deutscher mit Migrationshintergrund. Ich bin gebürtiger türkisch-kurdischer Alevite. Geboren im Südosten der Türkei. Gemeinsam mit meinen Eltern bin ich als Zweijähriger 1995 ins Münsterland gezogen. 2008 sind wir mit dem eingeschränkten Aufenthaltstitel nach Hessen gekommen. Mittlerweile arbeite ich in Essen.

Ich will, dass wir alle besser miteinander kommunizieren.

Jetzt bin ich 24 Jahre alt und sehr glücklich, in diesem Land zu leben. Ich kann gar nicht genug danken.

Deswegen engagiere ich mich ja auch – dafür, dass wir den Wert eines Menschen nicht durch seine Hautfarbe, Religion oder sonstige oberflächliche Merkmale bestimmen. In der Liebe heißt es, der Charakter zählt. Wieso gilt das nicht immer?

Ich will endlich keinen Hass mehr gegenüber Einwanderern sehen, denn sie sollten eine Chance bekommen. Genauso will ich, dass sich Migranten gut integrieren und sich einbringen.

Und ich will vor allem eins: Menschen nicht in eine Ecke stellen, nur weil sie eine bestimmte Meinung haben. Ich will, dass wir alle besser miteinander kommunizieren.

Jeder besorgte Bürger kann mich kostenlos anrufen

Ich wollte ehrenamtlich eine solche Plattform schaffen, auf der Menschen mit Asylbewerbern sprechen, diskutieren oder sie etwas fragen können.

Also habe ich meine Hotline ins Leben gerufen. Die Hotline für besorgte Bürger. Unter 0800/9090056 kann mich jeder kostenlos anrufen. Und wir reden über alles, was euch beschäftigt.

Denn ich bin besorgt über die Spaltung unserer friedlichen Gesellschaft. Und ich glaube, jede Meinung verdient ein offenes Ohr, und deswegen will ich mit euch reden.

Ich finde es sehr wichtig, dass es eine große Meinungsvielfalt in Deutschland gibt.

Ich habe die Hotline im November 2016 gestartet und war ziemlich überrascht von dem Andrang.

Mich haben Menschen angerufen, die Ängste, Sorgen, Zweifel hatten oder auch einfach mal eine Frage.

Aber auch Menschen, die sich engagieren und bei der Integration helfen, aber trotzdem manchmal besorgt sind und mir Fragen zu Kultur oder Kriminalität gestellt haben. Sogar Flüchtlinge und Asylbewerber haben angerufen, weil sie Hilfe brauchten.

All das hat mir gezeigt: Es gibt einen großen Redebedarf. Und ich habe verstanden, dass vielen Menschen ein Ort fehlt, an dem sie ihre Meinung sagen können, ohne dafür gleich verurteilt zu werden.

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Wichtig ist mir dabei vor allem eins: Ich habe meine Meinung, aber ich will meine Meinung niemandem aufdrängen oder ihn davon überzeugen.

Ich finde es total in Ordnung – ja sogar sehr wichtig –, dass es eine große Meinungsvielfalt in Deutschland gibt.

Es geht darum, die Perspektive zu wechseln

So gibt es Leute, die keine Einwanderung möchten – und ich will herausfinden, warum sie das nicht möchten, verstehen, was ihre Kritik ist.

Dann stoße ich manchmal auf Impulse, über die ich vielleicht bislang nicht nachgedacht habe, die mir verborgen geblieben sind – und genauso umgekehrt.

Es geht darum, die Perspektive zu wechseln. Und darum, was Menschen bewegt. Im Vordergrund steht immer ein wertschätzender Austausch, und die Basis ist Respekt.

Sachlichkeit, freundliche Gesten, Geduld und viele Nachfragen.

Ein Beispiel. Ein Mann hat mich angerufen, der mit Pegida sympathisiert, auch oft mitläuft und der die christlich abendländischen Traditionen verteidigen möchte, weil er Deutschland ”überfremdet” hält.

Er hat in mir einen Gesprächspartner gesehen, mit dem er darüber grübeln kann, warum Muslimas in der Öffentlichkeit Kopftücher tragen oder warum Eltern wollen, dass ihre Tochter nicht zum Schwimmunterricht geht.

Es wichtig ist, nicht nur eigene Bilder von Dingen im Kopf zu haben.

Er will auf keinen Fall Muslime nach Deutschland lassen, weil er die Kultur nicht für verfassungskonform hält. Aber im Gespräch mit mir hat er dann festgestellt, dass er einige Dinge vermischt.

Er hat festgestellt, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen den Leuten, die hier leben, und dem Islam an sich als Religion oder seinem Wertesystem. Denn Religion ist doch das, was man aus ihr macht. Nicht jeder Christ geht in die Kirche und glaubt die Worte der Bibel eins zu eins.

Dass die allermeisten Muslime hier in Deutschland ihre Religion vielleicht unter dem Licht der Aufklärung und der deutschen Verfassung leben, darüber hat er vorher nicht nachgedacht.

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Die meisten der über 4,5 Millionen Muslime in Deutschland gehören Verbänden und Organisationen an, die sich ausdrücklich von Terror distanzieren, die sich zum Grundgesetz bekennen und bei der Integration von Flüchtlingen helfen. Salafisten zum Beispiel sind eine Minderheit in Deutschland, die von den allermeisten Muslimen in Deutschland abgelehnt und kritisch beäugt wird.

Mir müssen uns alle fragen: Ist die Realität so, wie ich sie mir vorstelle?

Mein Gesprächspartner denkt an unterdrückende und integrationsunwillige Muslime, wenn er an den Islam denkt. Unsere Beurteilung von Fremdem gründet natürlich auf unseren Erinnerungen und Erfahrungen. Schon allein wenn wir über “Asylflut” sprechen – was ich große Einwanderung von Asylsuchenden übersetze – läuten bei manchen die Alarmglocken.

Denn sie denken möglicherweise an riesige Menschenmengen an Europas Grenzen, die wie eine gewaltige Flut ans Land gespült werden. Keiner weiß genau, woher das Bild kommt – aber die Sprachwahl löst beklemmende Gefühle aus, oder?   

Mein islamkritischer Gesprächspartner hat gemerkt, dass es wichtig ist, nicht nur eigene Bilder von Dingen im Kopf zu haben.

Er hat gemerkt, dass es wichtig ist, nicht nur eigene Bilder von Dingen im Kopf zu haben.

Wie ist denn die Lebensrealität? Ist die wirklich so, wie ich sie mir vorstelle? Das müssen wir uns ständig alle fragen. Alle.

Ich verstehe die Sorgen besorgter Bürger jetzt besser

Auch ich habe, als ich das erste Mal nach Dresden und Umgebung gefahren bin, sehr freundliche und nette Menschen getroffen. Vorher hatte ich durch negative Berichte in den Medien ein pauschal schlechtes Bild von Sachsen, wo ich mich stets fürchten müsste. Auch ich habe meine Schubladen neu sortieren müssen. Und das tue ich ständig bei meiner Hotline für besorgte Bürger.

Der Pegida-Sympathisant hat mich einfach nach meiner Meinung gefragt. Er hatte eine ganz andere Sichtweise auf Dinge als ich. Aber dennoch war er bereit, mir Fragen zu stellen, war neugierig, wollte mit mir diskutieren.

Die allermeisten Gesprächspartner, die ich habe, sind sehr wertschätzend. Denn sie wissen genau: Ich respektiere sie für ihre Meinung. Egal, wen sie wählen oder mit dem sie sympathisieren.

Ich verstehe die Sorgen besorgter Bürger jetzt besser als früher, weil ich Räume schaffe, in denen sie ihre Bedenken besprechen können. Weil ich mir eben dafür die Zeit nehme, kann ich hinter Parolen schauen.

Die meisten meiner Gesprächspartner haben niemanden, mit dem sie offen reden können

Und es gibt eine Sache, die alles umspannt: Die Angst, dass sie selbst zu kurz kommen und dass durch gesellschaftliche Veränderungen negative Folgen für sie entstehen.  

Die meisten meiner Gesprächspartner scheinen niemanden in ihrem Umfeld zu haben, mit dem sie offen reden können, dem sie offen Fragen stellen können, der nicht gerade am selben Stammtisch sitzt.

Wir müssen uns alle besser gegenseitig zuhören.

Wir sollten mehr wie Kinder sein, wie Entdecker, die Neugier zeigen und viel fragen. Kinder denken nicht sofort in abgrenzenden Kategorien wie Nationen, Kulturen, Religionen, sondern beurteilen ihr Gegenüber direkt, spontan und anhand seiner Handlungen.

Sorgen zu haben ist menschlich. Doch diese sollten wir mit den betroffenen Menschen besprechen, nicht nur mit Gleichgesinnten. Vor allem Rechtspopulisten maßen sich an, über Flüchtlinge zu sprechen, als seien diese eine homogene Masse. Das stimmt aber nicht. Wenn wir uns begegnen, werden wir die Vielfältigkeit entdecken.

Viele Menschen sehnen sich danach, mit jemandem zu sprechen, der sie nicht gleich verurteilt. Das fehlt in unsere Gesellschaft. 

Einer meiner Lieblingsdichter ist Dschalal ad-Din Rumi, der sagte: Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.

Wir müssen uns alle besser gegenseitig zuhören und sollten mehr Orte schaffen, wie sie Rumi beschreibt.

Der Text basiert auf einem Telefongespräch zwischen Ali Can und HuffPost-Redakteurin Uschi Jonas.