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26/03/2018 18:53 CEST | Aktualisiert 27/03/2018 00:17 CEST

Ich bin Kriegsreporter, seit ich 16 bin – heute weiß ich, was Menschen in Konfliktregionen wirklich hilft

Das Beste, was man für sie tun kann, ist, ihnen zuzuhören.

Christian Stephen
Christian Stephen ist Kriegsreporter, seitdem er 16 ist

Sobald ich in ein Flugzeug steige, auf dem Weg zu meinem nächsten Reiseziel, bin ich eigentlich schon tot. Genauso muss ich denken.

In der Zentralafrikanischen Republik hat mich ein kannibalistischer Warlord bedroht, in der Türkei hat mich die Polizei festgenommen, in Syrien stand ich mehrmals wenige Meter von der IS-Frontlinie entfernt. 

Und all das, bevor ich 21 wurde.

Ich war nie gut in der Schule und ich wollte einfach weg von meinem Zuhause in England. Ich wollte rebellisch sein. Als ich 16 Jahre alt war, wollte ich mich beweisen und mir selbst und allen anderen zeigen, was ich schaffen kann. Ich wollte sehen, wie die Welt jenseits von meiner aussieht.

Und dabei hat mein Teenager-Ego schnell einen Dämpfer bekommen und ich habe verstanden: Hier geht es nicht um mich.

Ich bin zu einem Freund nach Jerusalem geflogen. An einem Abend haben wir uns so sehr betrunken, dass wir irgendwie auf der anderen Seite der Mauer wieder aufgewacht sind, als es gerade einen Aufstand auf der palästinensischen Seite gab.

Ich dachte, es sei eine gute Idee, mich zwischen die Schießereien zu stürzen

Wir sind zurück auf die israelische Seite gerannt. Aber ich habe mir eine Kamera geliehen und bin wieder zurück. In den darauffolgenden Wochen habe ich angefangen, die Menschen dort zu fotografieren, die Steine und Molotowcocktails geworfen hatten.

In einer Nacht kam es dann wieder zu einem Aufstand palästinensischer Aktivisten. Ich hatte keinerlei Erfahrung, mit nichts. Und genau das hat mir geholfen, viel näher ranzukommen als alle anderen. Aber meine Naivität hat mich auch in Gefahr gebracht. 

Mehr zum Thema: Syrien: In Ghouta zeigt der Westen, dass er aufgegeben hat

Anstatt mich mit den anderen Fotografen hinter einer Straßenecke zu schützen, dachte ich, es sei eine gute Idee, mich mitten zwischen die brennenden Müllcontainer und die Schießereien zu stürzen. Dann trafen mich zwei Gummigeschosse und haben mir zwei Rippen gebrochen. Ich war so voller Adrenalin, dass ich den Schmerz erst spürte, als ich wieder auf der israelischen Seite war.

Christian Stephen

Das steht ziemlich sinnbildlich für alles, was danach passiert ist. Ich bin bei allem immer geradeaus auf alles zugelaufen, niemals zur Seite oder zurück. Aber die Erfahrung hat mich auch etwas wirklich Wertvolles gelehrt. Man muss Kriegen, Gewalt und Konflikten mit Respekt begegnen. Meiden sollte man sie trotzdem nicht.

Sie dachten ich sei 25, aber ich war erst 17

Ich habe in Jerusalem über einem Falafel-Laden gewohnt und der Besitzer des Ladens, der schon ziemlich alt war, hat mir beigebracht, wie man fotografiert. Bald fing ich an, Fotos an Agenturen zu verkaufen und mich an Organisationen zu wenden.

Ich habe mich einfach als 25-jähriger, erfahrener Fotograf ausgegeben. Dann bekam ich meinen ersten Auftrag. Eine NGO nahm mich mit nach Mogadischu in Somalia. Damals wusste ich kaum, wie man eine Kamera benutzt. Am Ende der Reise haben sie rausgefunden, dass ich gar nicht 25 war, sondern 17. Sie waren total überrascht – und beeindruckt.

Christian Stephen
Ein Mädchen, das Christian Stephen in Mossul getroffen hat

Dann habe ich Dylan Roberts getroffen. Er war damals Journalismus-Student aus Arkansas. Gemeinsam haben wir “Freelance Society” gegründet. Eine Produktionsfirma für Geschichten aus den dunkelsten, entlegensten Regionen der Welt.

Irgendwann habe ich Virtual Reality entdeckt. Ich wollte die Technologie für etwas Wichtiges benutzen. Nicht für Pornos oder Videospiele. Also habe ich im syrischen Aleppo die ersten Virtual-Reality-Dokumentation der Welt gedreht, die tiefe Einblicke in ein Kriegsgebiet liefert.

Es ist, als würde man die Welt aus den Augen eines anderen sehen. 

Das Beste, was man für diese Menschen tun kann, ist, ihnen zuzuhören

Es ist nicht einfach, ich muss Journalist sein, will aber helfen. Ich habe diesen inneren Kampf schon viele Male mit mir geführt. Zum Beispiel nach dem Erdbeben in Nepal 2015. Dort habe  ich britische Special Forces getroffen und bin mit ihnen mit dem Motorrad in eine drei Tage entfernte Region gefahren. Die Menschen dort waren abgeschnitten von jeder Hilfe.

Ich fühlte mich hilflos, weil ich einfach nur Journalist war. 

Zu sagen, was den Menschen, die in Konfliktregionen leben, am meisten hilft, ist schwer. Wir glauben, wenn wir Geld spenden, helfen wir. Aber ich habe mit vielen NGOs zusammengearbeitet und gesehen, wie viel Geld für Veranstaltungen, Verwaltung und Organisation verloren geht und wie wenig letztendlich bei den Leuten ankommt.

Deshalb glaube ich: Das Beste, was man für diese Menschen tun kann, ist, ihnen zuzuhören. Sich Zeit nehmen, ihre Geschichten zu hören und sie zu erzählen.

Ich habe realisiert, dass ich den Menschen helfe, indem ich der Welt ihre Geschichten erzähle. So bekommen andere Menschen das Leid mit, werden aufmerksam und wollen helfen.

Ich gefährde mein Leben gern, um zu zeigen, dass es Hoffnung gibt

Nur wenn du kein Arschloch bist, reden die Menschen mit dir. Das wichtigste ist Respekt. Wenn du eine Geschichte gut und richtig erzählen willst, brauchst du Mitgefühl. Und musst viel Zeit mit ihnen verbringen. So zeigst du den Menschen, dass du kein Geier bist. Du musst mit den Menschen leiden, um ihr Leid zu verstehen.

Christian Stephen
Um seine Fotos zu schießen und Geschichten zu erzählen, Christian Stephen geht immer so nah ran, wie möglich

Viele Menschen, die meine Geschichte hören, denken, ich sei mutig und hätte keine Angst. Aber das ist nicht wahr. Ich glaube, Angst und Furcht sind gesund. Und auch, wenn ich mich fürchte: Mut zu haben, bedeutet, dass ich realisiere, dass es etwas gibt, das wichtiger ist, als meine Angst. Deshalb gehe ich noch immer in Kriegs- und Konfliktgebiete.  

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Im Nordirak habe ich jesidische Frauen getroffen, die vom IS verschleppt und als Sexsklavinnen missbraucht wurden. IS-Anhänger hatten sie gebrochen. Aber irgendwie haben sie es geschafft, zu flüchten. Sie haben mir ihre Geschichten erzählt und jetzt haben sie nur einen Wunsch: Die anderen gefangenen Frauen befreien.

In Syrien habe ich gesehen, wie Bomben einschlugen und Menschen während des Feuersturms losrannten, um ihre Freunde aus den Trümmern zu ziehen.

Ich gefährde mein Leben gern, um ihre Geschichten zu erzählen. Und um zu zeigen, dass es Hoffnung gibt. Ich bin immer wieder getroffen davon, was Menschen anderen Menschen antun können. Aber noch viel mehr beeindruckt mich, wie weit Menschen gehen, um andere zu retten.

Das Gespräch wurde von Uschi Jonas aufgezeichnet.

(jds)