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07/12/2018 19:09 CET | Aktualisiert 09/12/2018 16:36 CET

Ich bin um die Welt gereist – dann traf ich die mutigste Entscheidung meines Lebens

Trotz aller Hindernisse habe ich mir in Kolumbien ein neues Leben aufgebaut.

Dimitri DuFour stammt aus Belgien und ist eigentlich Molekularbiologe. Er reiste mehrere Jahre durch Europa, Asien, Afrika und Südamerika, bis er sich schließlich entschloss, ein Hostel in Kolumbien aufzubauen.

In diesem Blog erzählt er, wie er den Mut gefunden hat, alles hinter sich zu lassen, um seinen Traum zu verwirklichen.

Ich mache noch einen letzten Kontrollgang durch die frisch eingerichteten Räume, ziehe hier und da eine Decke zurecht, räume einen Schraubenzieher weg, der noch verloren in der Ecke eines Zimmers liegt. Das “Tunido”, mein Hostel, das ich in den vergangenen Monaten aufgebaut habe, ist bereit für seine ersten Gäste.

Um das Hostel hier in Santa Marta in Kolumbien zu eröffnen, habe ich vieles hinter mir gelassen: mein gewohntes Umfeld, meine Familie und Freunde, mein sicheres Leben in Belgien.

Und obwohl ich hier teilweise umgeben bin von Kriminalität, Drogen und Prostitution: Die Entscheidung, gerade hier ein Hostel aufzubauen, war eine der besten meines Lebens.

Meine Reise begann, weil meine Freundin mit mir Schluss machte

Meine große Reise, die mich zum Eröffnungstag meines Hostels führte, begann, als ich 26 war. Damals noch in Belgien machte meine Freundin mit mir Schluss. Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, aber später immer wieder merken sollte: Das Scheitern einer romantischen Beziehung war für mich ein Startschuss, mein komplettes Leben umzukrempeln – und auf lange Sicht die besten Entscheidungen meines Lebens zu treffen.

Ich hatte damals einfach die Nase voll von allem, brauchte einen Neustart, frische Eindrücke – also kündigte ich meinen Job als Molekularbiologe an einer belgischen Universität und fing an, zu reisen. Ich reiste erst durch Europa, dann weiter durch Asien. Meistens fuhr ich mit der Bahn, dem Bus oder per Anhalter mit dem Auto – allein in Europa hitchhikte ich insgesamt über 20.000 Kilometer.

Nach einem Jahr kehrte ich nach Belgien zurück – allerdings nur, um Geld für weitere Reisen zu verdienen. Ich wusste, dass ich noch nicht bereit war, wieder ein “normales” Leben mit einem geregelten Alltag zu beginnen. Ich wusste nur noch nicht, wohin meine Pläne mich führen sollten.

Ich arbeitete also eine Zeitlang in einer Bank in Brüssel, bis ich genug Geld zusammen hatte, um wieder loszuziehen – diesmal mit meiner neuen Freundin, die ich in der Zwischenzeit kennengelernt hatte. Sie war ähnlich abenteuerlustig wie ich. Also machten wir uns auf nach Afrika, wo wir sieben Monate lang durch ungefähr zehn Länder reisten.

Ich verliebte mich erneut – in eine Stadt in Kolumbien

Im Juni 2016 flogen wir nach Südamerika. So bereichernd unsere Reise auch war, so viele tolle Menschen wir auch trafen, so viele eindrucksvolle Landschaften wir sahen, so beschwerlich war die Zeit gleichzeitig auch für meine Freundin und mich.

Wir trennten uns schließlich in Kolumbien.

Aber auch diese Trennung schaffte Raum für neue Möglichkeiten.

Ich verliebte mich erneut, dieses Mal in eine Stadt in Kolumbien, Santa Marta.

Ich habe mich selten an einem Ort so wohl gefühlt wie hier – obwohl Kolumbien zu den gefährlichsten Ländern der Welt zählt.

Santa Marta liegt an der karibischen Küste – und ist zugleich umgeben von Bergen. Hier gibt es tausende verschiedene Tier- und Pflanzenarten, die man sich an vielerlei Orten der Welt kaum vorstellen kann. Hier treffen zahlreiche Kulturen aufeinander – indigene und spanische, aber auch türkische oder arabische.

Ich habe mich selten an einem Ort so wohl gefühlt wie hier – obwohl Kolumbien zu den gefährlichsten Ländern der Welt zählt.

Die Idee, nach Kolumbien zu ziehen, ließ mich nicht los

Bald lernte ich auch hier eine Frau kennen. Es schien alles zu passen: Ich liebte das Land, ich liebte die Stadt, ich liebte meine neue Freundin – sollte ich den Schritt wagen, alles auf eine Karte setzen und einfach hier bleiben?

Die Idee, nach Kolumbien zu ziehen, ließ mich nicht los. Ich wollte wieder einen Alltag, aber nicht in Belgien. Ich wollte wieder eine Beziehung führen, aber keine Fernbeziehung.

Also kaufte ich im Sommer 2017 kurzentschlossen ein Haus im historischen Zentrum von Santa Marta. Dieses Haus sollte mein nächstes großes Lebensprojekt werden.

Ich habe beschlossen, ein Hostel zu eröffnen.

Obwohl das niemals ein Lebensziel von mir war, bin ich in diese Aufgabe einfach reingewachsen: Ich sah eine Chance und ergriff sie, ohne groß nachzudenken.

Einige Monate später begannen die Renovierungsarbeiten. Etwas über ein Jahr später war es soweit: Vor Kurzem eröffnete ich das Tunido.

Ich sah kaum Risiken, ein Hostel in Kolumbien zu eröffnen

Dass ich nun ein Hostel führe, ist eigentlich nur naheliegend: Ich habe selbst in sehr vielen Hostels übernachtet und auch gearbeitet, kenne die Bedürfnisse, die Backpacker haben und umgebe mich gerne mit Menschen.

Obwohl das niemals ein Lebensziel von mir war, bin ich in diese Aufgabe einfach reingewachsen: Ich sah eine Chance und ergriff sie, ohne groß nachzudenken.

Was sollte schließlich auch schief gehen? Ich stamme aus einem sicheren europäischen Land, in das ich jederzeit zurückkehren kann – diese Möglichkeit haben nicht viele Menschen. Ich musste noch nie unter Geldmangel leiden und bin mir sicher, ich werde immer einen neuen Job finden und finanziell über die Runden kommen.

Ich bin mir, vor allem nach meinen Reisen durch so viele und größtenteils ärmere Länder, durchaus des Luxus bewusst, in dem ich immer gelebt habe und in dem ich jederzeit wieder leben könnte.

Aber jetzt wohne und bleibe ich in Kolumbien, hier ist meine Arbeit, hier ist meine Beziehung.  

Diebstahl, Erpressungen, Drogenhandel: Der Alltag in Kolumbien ist teilweise hart

Trotzdem muss ich mich hier zahlreichen Herausforderungen stellen, täglich. Die Kriminalitätsrate in Kolumbien ist sehr hoch. Ich wurde im vergangenen Jahr zwei Mal ausgeraubt – einmal wurde ich mit einem Messer bedroht, beim zweiten Mal haben mich fünf Männer gleichzeitig angegriffen und meine Kleidung zerrissen.

Beide Male ist mir glücklicherweise nichts passiert, auch habe ich keine Wertgegenstände und kein Geld verloren, weil ich, wenn ich abends unterwegs bin, in der Regel darauf achte, mein Portemonnaie oder Handy zu Hause zu lassen.

Während der Renovierungsarbeiten meines Hostels haben einige meiner Handwerker Material im Wert von über 400 Euro gestohlen – was in Kolumbien etwa dem durchschnittlichen Monatseinkommen entspricht und dementsprechend viel Geld ist.

Mein Nachbar ist ein Zuhälter, handelt mit Drogen und mit gestohlenen Handys. Er sitzt im Rollstuhl, seitdem ihm jemand vier Kugeln in den Rücken geschossen hat. Er versucht regelmäßig, mich um Geld zu erpressen, und besticht die Polizei, damit sie mir Bußgelder aufdrängen – obwohl ich nichts getan habe.

Meine neue Reise hat gerade erst begonnen

Ich versuche, auf die Drohungen nicht einzugehen. Wer hier leben will, darf sich nicht einschüchtern lassen. Ich habe hier mein Leben aufgebaut und werde es mir nicht so einfach nehmen lassen.

Und die Menschen lieben mein Hostel: Die Renovierungsarbeiten waren ein voller Erfolg, nach und nach kommen immer mehr Gäste, die Bewertungen sind durchweg positiv. Ich habe mittlerweile sehr gut Spanisch gelernt und schaffe es sogar, komplizierte bürokratische Situationen zu meistern. Und natürlich bin ich sehr glücklich mit meiner Freundin.

In den vergangenen Jahren habe ich gelernt, dass das Leben nicht immer so geradlinig verläuft, wie man es sich vielleicht vorstellt – aber auch, dass genau das am Ende zu etwas ziemlich Gutem führen kann.

Ich habe gelernt, Gelegenheiten zu erkennen und sie zu nutzen. Und ich habe gelernt, nicht aufzugeben und glücklich zu sein – auch, wenn man manchmal vor Hindernissen steht. 

Ich bin gespannt, wie es nun weiter gehen wird – denn ich weiß, mit meinem Hostel stehe ich wieder am Anfang einer neuen Reise.

Dieser Beitrag basiert auf einem Gespräch zwischen Dimitri DuFour und Agatha Kremplewski.

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Dieser Beitrag ist Teil des HuffPost-Adventskalenders. Hier stellen wir jeden Tag einen Menschen vor, der uns durch seine besondere Geschichte Mut macht. Alle Beiträge findet ihr hier. 

(ujo)