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09/12/2018 19:51 CET | Aktualisiert 09/12/2018 19:51 CET

Eine Sekte raubte mir meine Kindheit – so konnte ich ihrem Einfluss entfliehen

Jetzt möchte ich anderen helfen.

Flor Edwards

Autorin Flor Edwards ist in der Sekte “Children of God” (“Kinder Gottes”) aufgewachsen.

Gegründet wurde die Sekte 1968 von einer Gruppe Jugendlicher unter der Führung des charismatischen Priesters David Berg. Die “Children of God” vereinten ursprünglich christliche Dogmen mit Idealen der Hippie-Bewegung wie der freien Liebe.

Kinder wurden in der Sekte extrem streng erzogen, auch für Kleinigkeiten körperlich bestraft, teilweise auch mit sexueller Gewalt. Seit den 70er Jahren wurde gegen Berg ermittelt, unter anderem wegen sexuellen Missbrauchs und Inzests innerhalb der “Children of God”.

In ihrem Blog-Beitrag beschreibt Edwards, wie ihre Kindheit in einer Sekte aussah und wie sie den “Children of God” entfliehen konnte.

In einer Sekte aufzuwachsen und ihr zu entfliehen: Davon kann ein Mensch sich niemals komplett erholen.

Meine Eltern haben sich 1978 in Spanien kennengelernt. Kurz zuvor waren sie beide der Sekte “Children of God” beigetreten. Meine Mutter sagt, sie hätte sich der Sekte damals wegen Vater David Berg angeschlossen.

Der charismatische Anführer der religiösen Weltuntergangssekte hatte den jungen Menschen ihrer Generation einen Sinn im Leben geboten. Außerdem hatte er ihnen gezeigt, wie man Gott dienen konnte, ohne einer Kirche beitreten zu müssen.

Meine Mutter trat noch am selben Abend den “Children of God” bei 

Eines Tages war meine Mutter in Schweden und wollte sich gerade ein Ticket nach Tunesien kaufen, weil sie auf der Suche nach einem neuen Abenteuer war. Da lernte sie zufällig einen Mann kennen, der an einer Straßenecke saß und Gitarre spielte.

Er erzählte ihr von Jesus und von Vater David. Und er berichtete ihr, dass er mit einer Gruppe von anderen Anhängern zusammenwohnte. Der Mann lud meine Mutter zum Abendessen ein. Sie trat noch an diesem Abend den “Children of God” bei.

Mein Vater war ebenfalls sehr abenteuerlustig. Doch eigentlich war er eher für seine wagemutigen Unternehmungen und seinen unstillbaren Wissensdurst bekannt. Er war der beste Geologie-Student seines Jahrgangs an der University of California.

Doch dann brach er sein Studium kurz vor dem Abschluss ab. Er folgte seinen fünf älteren Geschwistern, die sich den “Children of God” angeschlossen hatten. Die Sekte war Ende der 70er-Jahre durch Kalifornien gefegt und kurz darauf nach Spanien weitergezogen.

Vater David glaubte, dass er eine riesige Armee brauchte, um die Welt auf die große Apokalypse vorzubereiten.

Vater David lebte im Verborgenen und zeigte niemals sein Gesicht. Denn er musste wegen einiger seiner Lehren hinsichtlich sexueller Freiheit und der Disziplinierung von Kindern vor den Strafverfolgungsbehörden fliehen. Er vermittelte seine Visionen und Erlasse an seine 12.000 Anhänger, die überall in den USA, Europa, Südostasien, Afrika und Südamerika verteilt waren.

Vater David glaubte, dass er eine riesige Armee brauchte, um die Welt auf die große Apokalypse vorzubereiten, die seinen Aussagen zufolge im Jahr 1993 stattfinden sollte. 1985 befahl er all seinen Angehörigen, die westlichen Länder zu verlassen und in Entwicklungsländer im Osten zu ziehen. Denn er glaubte, dass der Westen zuerst im Höllenfeuer brennen würde.

Ich habe den Großteil meiner Kindheit in Thailand verbracht. Dabei hatte ich keine Ahnung, was sich außerhalb der Mauern des Lagers befand, in dem ich zusammen mit meiner Familie und mit 30 anderen Mitgliedern der “Children of God” wohnte.

Wir Kinder durften eine Stunde lang nach draußen gehen

Im Alter von 12 Jahren hatte ich bereits an 24 verschiedenen Orten auf drei verschiedenen Kontinenten gelebt. Im thailändischen Phuket gab es ein holzgetäfeltes Tor, das unseren Lagerplatz von dem davor liegenden Feldweg abgrenzte. Wenn am Nachmittag die Sonne nicht mehr so heiß herunterbrannte, durften wir Kinder eine Stunde lang nach draußen gehen.

Wir durften uns jedoch lediglich im Bereich innerhalb der Abgrenzungsmauern aufhalten. Wenn keiner zusah, presste ich meine Nase gegen die Metallstangen des Tores. Manchmal schaute ich durch einen kleinen Schlitz in der Mauer. Dabei entdeckte ich eine langsam dahinfahrende Rikscha, eine glänzende Schlange oder eine Mutter, die ihr Baby auf dem Rücken trug, während sie einen Eimer auf ihrem Kopf balancierte.

Wir Kinder wurden jeden Morgen um 7 Uhr aufgeweckt und mussten unsere Zimmer bis 7.30 Uhr absolut makellos hinterlassen. Wir stellten uns in ordentlichen Reihen auf und standen stramm. Dann marschierten wir hintereinander die Treppe hinab und den Gang entlang wie kleine Soldaten.

Auf unserem Weg hörten wir oft Geräusche, die aus den kleinen, zugehängten Fenstern oben an den Wänden kamen. Wir hörten stöhnende Frauen, quietschende Betten und schwer atmende Männer. Man sagte uns, dass die Erwachsenen – die wir “Onkel” und “Tante” nennen sollten, auch wenn sie nicht mit uns verwandt waren – gerade an der “Liebe Gottes” teilnahmen. Und sie wurden permanent dazu angehalten, dies zu tun.

Vater David schien sich nicht im Klaren darüber zu sein, dass er gerade eine Sekte gründete. Er war als junger Pastor aus der protestantischen Christian Missionary Alliance ausgeschlossen worden, weil er barfüßige Indianer in seine Pfarrei in Arizona eingeladen und ihnen die Vergebung ihrer Sünden angeboten hatte.

Vater David stand im permanenten Konflikt zwischen seinen sexuellen Bedürfnissen und dem Vorhaben, in die Fußstapfen seiner Mutter zu treten, die eine bekannte Predigerin war und vor tausenden von Menschen überall in den USA sprach. Mit den “Children of God” fand Vater David einen Weg, um beides haben zu können.

1993 ist die Welt nicht untergegangen – also zogen wir in den Westen zurück

Als die Welt 1993 dann doch nicht, wie von ihm angekündigt, unterging, behauptete Vater David, er habe eine weitere Prophezeiung empfangen. Er habe erfahren, dass es an der Zeit war, mit seiner Anhängerschaft in den Westen zurückzukehren.

Meine 13-köpfige Familie zog in den US-Bundesstaat Illinois und lebte dort mit einer Gemeinschaft von 30 anderen Mitgliedern im Chicagoer Vorort Berwyn zusammen.

Der erste Unterschied, der mir an unserem Leben in den USA auffiel, war die Tatsache, dass wir nur durch einen Maschendrahtzaun von der Außenwelt geschützt waren, der mir gerade einmal bis zur Taille reichte. Darüber hinaus fiel mir auch auf, wie viel Essen es hier gab.

Als wir an unserem ersten Morgen in den USA aufwachten, stand eine Schüssel voll süßer, dickhäutiger Orangen auf dem Esstisch. Wir durften hier auch zwischen den Mahlzeiten etwas essen. Und wir durften sogar etwas essen, wenn wir gar nicht hungrig waren. Das hatten wir noch nie zuvor erlebt.

Flor Edwards
Edwards 1989 in Thailand – so wurde sie zu Hause unterrichtet.

Am Morgen des 15. Februars 1995 versammelten wir uns im Wohnzimmer unseres Lagers, um wie jedes Jahr den Geburtstag von Vater David zu feiern. Man sagte uns, dass es nach dem Frühstück eine besondere Ankündigung geben würde.

Draußen hatte ein leichter Schneefall eingesetzt. Mir war aufgefallen, dass einige der Erwachsenen sich in den vergangenen Tagen ein wenig anders als sonst verhalten hatten. Sie schienen sowohl nachdenklich als auch trübsinnig zu sein. Es lag eine seltsame Spannung in der Luft.

Und dann schallten die Worte durchs Wohnzimmer, die ich niemals erwartet hätte: “Unser geliebter Vater im Herren ist von uns gegangen, um bei Jesus sein zu können.”

Einen Augenblick lang herrschte eine Stille, die so angespannt war, dass ich beinahe die frischen Schneeflocken hören konnte, die sich auf dem Gehweg vor dem Haus ansammelten. Die Erwachsenen brachen sofort in Tränen aus.

Onkel Tim, der Leiter des Hauses, verkündete, dass wir die Details darüber, wie unsere Familie ohne Vater David weiterleben würde, mithilfe von “The Charter” klären würden. Es handelte sich dabei um ein neues Regelbuch, das von Mama Maria, Vater Davids Frau, verfasst worden war.

Nach Vater Davids Tod gab es ein neues Regelbuch

Nach Aussage von “The Charter” konnten die Erwachsenen von nun an leben, wo sie wollten und mit wem sie wollten. Voraussetzung war jedoch:

► dass sie mit drei weiteren Erwachsenen aus der Sekte zusammenlebten,

► zehn Prozent ihres Einkommens an die Führerschaft abgaben,

► vor Ungläubigen weiterhin Zeugnis ablegten,

► und sich auf dem neuesten Stand hielten, indem sie die monatlichen Rundbriefe lasen, die Mama Maria verschicken würde.

Aufgrund ihrer neu entdeckten Freiheit nahmen einige der Erwachsenen wieder Kontakt zu ihren Familien und Verwandten auf, von denen sie sich jahrelang ferngehalten hatten.

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Mein Vater fand eine kleine Wohnung mit drei Schlafzimmern, die nicht viel Miete kostete und nur wenige Blocks von unserem bisherigen Haus entfernt lag. Ein Paar namens Steven und Mary zog zusammen mit uns in unser neues Zuhause ein.

Unsere Eltern erzählten uns Kindernn, dass sie weiterhin Teil der “Children of God” bleiben und dass sie den Regeln aus “The Charter” folgen wollten. “Unsere Ziele könnten sich ohne die Führung von Vater David vielleicht ein wenig verändern”, sagte meine Mutter. Doch sie schien noch immer begeistert davon zu sein, seiner Mission zu folgen.

Wir versuchten, den Tagesablauf beizubehalten, den wir geführt hatten, als wir noch als Kommune im Lager der “Children of God” zusammengelebt hatten. In unserer Familie gab es elf Kinder. Dazu kamen die drei Kinder von Steven und Mary. Meine Mutter teilte die anfallenden Aufgaben unter uns allen auf. Die Frauen der Familie kümmerten sich um die Kinder.

Mein Vater, mein älterer Bruder und Onkel Steven waren dafür verantwortlich, Geld für Lebensmittel und alle weiteren Kosten zu verdienen, indem sie bei lokalen Flohmärkten Waren verkauften. Nach zwei äußerst schwierigen Jahren in Chicago, in denen wir versuchten hatten, ohne jegliche Ersparnisse, feste Jobs oder Schulabschlüsse über die Runden zu kommen, zog meine Familie nach Kalifornien, um dort in der Nähe der Schwester meines Vaters zu leben. Steven und Mary zogen zu Verwandten auf die Philippinen.

Flor Edwards
Edwards (zweite von rechts) mit einigen ihrer Geschwister in Thailand, 1987.

Mein Vater meldete mich und meine Schwestern Tamar und Mary Ann bei einem ergänzenden Hausunterrichtsprogramm namens “HOPES: Home Opportunity Program for Educational Success” an. Ich war 15 Jahre alt und hatte noch nie irgendeine Art von echtem Schulunterricht besucht. Es war mein erster Schritt in eine Zukunft ohne die “Children of God” – etwas, das ich mir immer verzweifelt gewünscht hatte. Ich freute mich unglaublich.

Wir mussten noch einmal komplett von vorne anfangen

Es dauerte nicht lange, bis Tamar, Mary Ann und ich beschlossen, dass wir auf eine öffentliche Schule gehen wollten. Und nicht nur das. Wir wollten auch endlich ein normales Leben führen. Wir wussten zwar nicht genau, was das bedeutete. Doch wir wussten, dass wir dafür noch einmal komplett von vorne anfangen mussten und dass wir alles hinter uns lassen mussten, was wir vom Augenblick unserer Geburt an gekannt hatten.

Die Sekte begann sich nach Vater Davids Tod allmählich aufzulösen, weil es außer den Rundschreiben von Mama Maria keine richtige Struktur oder Führung mehr gab.

► Und so beschlossen mein Vater und meine Mutter, dass wir die “Children of God” verlassen würden.

Ich ging vom ersten Augenblick an unglaublich gerne zur Schule. Auch wenn es mir am Anfang total merkwürdig vorkam, weil einfach alles so komplett neu für mich war. Darüber hinaus begann ich, Bücher und Zeitschriften zu lesen, mir Kinofilme anzuschauen und fernzusehen. All diese Dinge waren bei den “Children of God” verboten gewesen.

Ein Quiz in einer Zeitschrift machte mir deutlich: Ich bin in einer Sekte aufgewachsen

Eines Tages machte ich auf meinem Heimweg von der Schule einen Abstecher in die Bibliothek und lieh mir eine Ausgabe des “Seventeen Magazine” aus. Als ich die Zeitschrift in meinem Zimmer durchblätterte, entdeckte ich einen Artikel mit der Überschrift: “Bist du in einer Sekte aufgewachsen? Dieses Quiz verrät es dir.” 

Nachdem ich den Test vermutlich in Rekordzeit gemacht hatte, stieß ich auf folgende Auswertung: “Wenn du diese fünf Fragen drei Mal oder öfter mit ‘ja’ beantwortet hast, bist du wahrscheinlich in einer Sekte aufgewachsen.” Ich hatte alle fünf Fragen mit ja beantwortet.

Für einen Augenblick wurde meine Welt komplett aus der Bahn geworfen. Ich wusste zwar, dass ich – gelinde ausgedrückt – ziemlich unkonventionell aufgewachsen war. Doch mir war nie wirklich klar gewesen, wie sehr sich meine Erfahrungen von denen anderer Kinder unterschieden.

So unfassbar es auch klingen mag, musste ich erst ein blödes Quiz in einer Zeitschrift machen, um zu begreifen, was ich alles durchgemacht hatte und zu welchem Menschen ich durch diese Erlebnisse geworden war. “Oh mein Gott! Ich bin in einer Sekte aufgewachsen. OH MEIN GOTT! ICH BIN IN EINER SEKTE AUFGEWACHSEN!”, sagte ich immer wieder vor mich hin.

Als ich zum ersten Mal in meinem Leben begann, die Knoten meiner Vergangenheit zu entwirren, wurde ich von einer regelrechten Gedankenflut überrollt.

Ich habe es mir niemals ausgesucht, Teil einer Sekte zu sein

Ich hatte mir niemals selbst ausgesucht, dass ich den “Children of God” beitreten wollte. Ich war einfach in dieses Leben hineingeborennund dann 15 Jahre lang dazu gezwungen worden, es zu ertragen. Ich war ein Opfer. Und plötzlich sah ich meine Eltern in einem vollkommen anderen Licht.

Gleichzeitig war mir jedoch auch klar, dass sie ebenfalls Opfer waren. Und zwar sowohl von Vater David, als auch von der Mainstream-Welt, der sie durch ihren Beitritt bei den “Children of God” zu entfliehen versucht hatten.

Wem sollte ich also die Schuld an allem geben? Vater David war tot. Und meine Eltern hatten Probleme, sich in einer Welt zurechtzufinden, zu der sie ein schwieriges Verhältnis hatten. So sehr ich es auch versuchte, konnte ich ihnen einfach nicht böse sein.

Nachdem ich das Quiz in der Zeitschrift gemacht hatte, stieß ich auf folgende Auswertung: ‘Wenn du diese fünf Fragen drei Mal oder öfter mit ‘ja’ beantwortet hast, bist du wahrscheinlich in einer Sekte aufgewachsen. ’ Ich hatte alle fünf Fragen mit ja beantwortet.

Ich wusste, dass ich nicht in die Vergangenheit zurückkehren und alles ändern konnte. Doch ich war hier, ich war am Leben und ich war endlich frei. Alles, was ich im Moment tun konnte, war mit der Gegenwart klarzukommen – die für mich jedoch inzwischen unerträglich geworden war.

Am schwierigsten ist es, eine Sekte wieder zu verlassen

Ich stellte fest, dass das Verlassen einer Sekte der schwierigste Teil war, wenn man dort aufgewachsen war oder sich ihr freiwillig angeschlossen hatte. Denn dann wurde das Sicherheitsnetz zerrissen – oder bewusst abgetrennt – das der Sektenführer so sorgfältig gespannt hatte, um die Mitglieder durch ihre Verletzlichkeiten und Schwächen manipulieren zu können. Es war ein langer, zäher und harter Fall zurück in die Realität.

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Ohne die Führung von Vater David, der die “Children of God” zusammengehalten hatte, verließen mit der Zeit immer mehr Mitglieder die Kirche und zogen in die Nähe von ihren Familien. Sie alle mussten sich nun der schwierigen Aufgabe stellen, sich an das Leben in der echten Welt anzupassen.

Manche Mitglieder schickten auch nur ihre Kinder hinaus in die Welt und blieben selbst in der Sekte. Bald hörte man immer öfter Geschichten von Kindern, die nach dem Ausstieg aus der Sekte Selbstmord begangen hatten. Ich war froh, dass ich die Unterstützung und Liebe meiner Eltern und Geschwister hatte. Und dass ich nicht missbraucht worden war. Denn ich wusste, dass dies vielen Mitgliedern der zweiten Generation der Sekte passiert war.

Meine Familie hatte wegen unserer Vergangenheit ebenfalls mit einigen speziellen Herausforderungen zu kämpfen. Doch wir waren zusammen und begannen uns allmählich zurechtzufinden. Und wir schafften es sogar, auf unsere eigene Art wieder zu heilen.

Die “Children of God” lösten sich nach und nach auf. Die Sekte besteht allerdings nach wie vor unter dem Namen “The Family International” fort. Sie bezeichnet sich selbst als unabhängige Gruppe von Missionaren, die ihre wenigen Mitglieder in verschiedenen Ländern verteilt hat, um dort sogenannte Wohltätigkeitsarbeit zu leisten. Angeblich unterstützen sie Waisenhäuser, verteilen Essen an Menschen in Not und helfen den Opfern von Naturkatastrophen. 

Flor Edwards
Edwards bei einer Lesung ihrer Autobiographie, 2018.

Nachdem ich mein Leben lang nicht zur Schule gehen durfte, machte ich meine Bildung nun zu meiner obersten Priorität. Nebenbei versuchte ich, das Erlebte zu verarbeiten und mein bisheriges Leben hinter mir zu lassen.

Mit 17 schrieb ich mich im Mount San Antonio College ein, einem Community College, das sich in den Ausläufern des Mount Baldy befand. Und das, obwohl ich mein ganzes Leben lang nicht einmal von der Existenz von Colleges gewusst hatte.

Niemand aus meiner Familie ist jemals wieder zur Sekte zurückgekehrt

Keines meiner Familienmitglieder ist jemals wieder zu den “Children of God” zurückgekehrt und wir haben auch alle keinen Kontakt mehr zu der Gemeinde. Einige meiner Geschwister haben ihre Schulabschlüsse gemacht und andere haben direkt zu arbeiten begonnen.

Ein paar von ihnen sind jedoch auch in die Suchtabhängigkeit abgerutscht. Dies ist bei vielen ehemaligen Mitgliedern der Fall, die als Kinder in der Sekte aufgewachsen sind. Mein Vater holte seinen Master in Mathematik nach und wurde zum ordentlichen Professor. Meine Mutter erkrankte zwischenzeitlich an Krebs, den sie glücklicherweise besiegen konnte.

Ich glaube nicht, dass ich jemals komplett erklären kann, was es bedeutet, sich an ein “normales” Leben gewöhnen zu müssen, nachdem man unter derart unnormalen Umständen aufgewachsen ist.

Ich weiß, dass ich meine Kindheit niemals zurückbekommen werde. Und anstatt weiter in meiner Vergangenheit zu verharren, habe ich jeden einzelnen Tag nach meinem Ausstieg aus den “Children of God” damit verbracht, mich auf meine Zukunft zu konzentrieren.

Es ist nun 20 Jahre her, dass ich meine Freiheit gefunden habe. Da ich noch immer eine große Leidenschaft für Erziehung habe, mache ich gerade meinen zweiten Studienabschluss, um danach College-Professorin zu werden. Ich möchte später einmal mit benachteiligten Studenten in Colleges und Universitäten zusammenarbeiten.

Denn ich möchte ihnen dabei helfen, auf ihre eigene innere Stimme zu hören und sich ihre eigene Meinung zu bilden. Nachdem ich selbst so viel Zeit als Gefangene verbracht habe und die Welt aus den Augen eines anderen Menschen betrachten musste, halte ich dies für das Allerwichtigste.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt. 

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(ak/ll)