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10/04/2018 15:44 CEST | Aktualisiert 10/04/2018 16:38 CEST

Ich bin Imam ­– und nicht für das Kopftuchtragen bei Kindergartenkindern

Wir sollten nicht darauf schauen, was ein Kind auf dem Kopf – sondern was es im Kopf hat.

Im Video oben: Kinder, die Benjamin Idriz unterrichtet, erzählen, was für sie alles zu Deutschland gehört.

Ich bin Imam einer Gemeinde mit 1000 Mitgliedern in Penzberg bei München. Ich unterrichte seit vielen Jahren Kinder in der Moschee, 120 sind es derzeit. 

Wenn nun Deutschland und Österreich über ein Kopftuchverbot für Kinder diskutieren, sollte die Öffentlichkeit dazu ein paar Dinge wissen, theologische und praktische,

Was der Islam von Eltern fordert

In Koran und der Sunna – den religiösen Überlieferungen – steht, was Eltern ihren Kindern beibringen sollen: Dabei geht es um das Gebet, Gottesbewusstsein, moralische Werte und Verantwortung gegenüber sich selbst, den Mitmenschen und der Schöpfung.

Im Koran gibt es eine Stelle, wonach Gott die Eltern auffordert, den Kindern das Beten beizubringen. Und es gibt eine Überlieferung des Propheten Mohammed, wonach Eltern Kindern ab dem Alter von sieben Jahren zeigen sollen, wie man betet.

Von anderen religiösen Pflichten im Kindesalter oder gar dem Kopftuch ist nirgends die Rede. 

Was Gelehrte zum Tragen des Kopftuchs sagen

Dass das Kopftuchtragen nicht zu den wichtigsten religiösen Pflichten zählt, lässt sich noch an etwas anderem ablesen:

Gott hat den Menschen seine Offenbarung nicht auf einmal, sondern über viele Jahre hinweg zuteil werden lassen, die erste soll der Prophet Mohammed 610 nach Christus empfangen haben. Je früher eine Offenbarung datiert wird, als desto wichtiger gilt sie.

Zunächst empfing Mohammed moralische Gebote wie jene, Waisen und Bettler nicht abzuweisen, Gott treu zu sein, das Böse mit dem Guten abzuwehren. Erst viele Jahre später kamen weitere Pflichten dazu: das Gebet fünf Mal am Tag, das Pflicht-Almosen, das Fasten und Pilgern. Und erst 16 Jahre nach der ersten Offenbarung ist die Rede vom Bedecken des Körpers.

Im Lauf der Jahrhunderte haben die Gelehrten aus den Quellen verschiedene Schlüsse gezogen. 

Einig sind sie sich aber darin, dass ein Mädchen frühestens, wenn überhaupt, ein Kopftuch tragen muss, wenn es in die Pubertät kommt.

Manche Gelehrte argumentieren, ein Mädchen solle das Kopftuch erst dann tragen, wenn ihm dessen religiöse und gesellschaftliche Dimension voll bewusst ist. Damit es nicht einfach das nachmacht, was Eltern oder Religion vorgeben.

Was ich persönlich denke

Meine persönliche Meinung ist, dass die Kindergarten-Kinder kein Kopftuch tragen sollten. Der Islam stellt so kleine Kinder von allen religiösen Pflichten frei.

Bei Schulkindern sieht das anders aus, sie werden langsam an die Religion herangeführt. Daher würde ich es ihnen überlassen, ob sie ein Kopftuch tragen möchten.

Um das klarzumachen: Ein Kopftuch allein macht nicht unbedingt einen guten Muslim. Es gibt Muslimas, die Kopftuch tragen, aber das eigentlich viel wichtigere Beten vernachlässigen. Und es gibt Frauen ohne Kopftuch, die ihre Religion sehr ernst nehmen.

Nur wenige von Hunderten jungen Mädchen tragen ein Kopftuch

In der Mittelschule in Penzberg beobachten wir etwas sehr Seltenes: Dort gibt es tatsächlich einige wenige Mädchen, die ein Kopftuch tragen. Zwei von Hunderten. Es sind Mädchen, die erst vor Kurzem zu uns gezogen sind, aus Syrien zum Beispiel. 

Zwei dieser Schülerinnen kenne ich. Mein Eindruck ist: Sie haben schon das Wissen und die Reife, sich bewusst dafür zu entscheiden. Solche Kinder gibt es.

Es geht nicht darum, was auf dem Kopf ist

Wir müssen die Entscheidung dieser Mädchen hinnehmen. Das gebietet die Religionsfreiheit. Und der Respekt. Das muss eine Gesellschaft aushalten.

Genauso wie eine Gesellschaft ein christliches Kreuz im Klassenzimmer und den Anblick einer jüdische Kippa oder des Takke genannten muslimischen Pendants aushalten muss.

Wir sollten nicht darauf schauen, was ein Kind auf dem Kopf hat, sondern was es im Kopf hat.

Den Druck von außen habe ich nicht gesehen

In den Medien lese ich, dass muslimische Eltern oder Brüder Druck auf ihre Töchter und Schwestern ausüben würden. Dass die Mädchen wegen des Kopftuchs in der Klasse ausgeschlossen würden.

Erst vor Kurzem habe ich eine 14-Jährige gefragt, die noch nicht lange in Deutschland lebt und Kopftuch trägt, wie es ihr damit geht. 

Sie sagte mir, dass sie hier mit ihrem Kopftuch selbstverständlich angenommen wurde, anders als in ihrer Heimat. Sie ist anerkannt, weil sie in sehr kurzer Zeit gut Deutsch gelernt hat. Es geht um ihre Persönlichkeit, nicht um das Tuch auf ihrem Kopf.

In der öffentlichen Debatte nicht nur der vergangenen Tage ist das Kopftuch ein riesiges Thema. Ich weiß nicht, ob die Penzberger da eine Ausnahme sind – aber meine Erfahrungen sind völlig andere.

Ich habe weder von Eltern, Schülern noch Lehrern gehört, dass es da ein Problem gäbe. Auch bei uns in der Moschee ist das Kopftuch-Tragen genauso verbreitet wie das Nicht-Tragen, es ist schlicht kein Thema.

Was viel eher ein Problem ist

Was aber sehr wohl ein Thema unter den muslimischen Kindern ist, ist der Umgang in den Schulen mit dem Islam. Die Lehrer sprechen über außenpolitische Themen wie die Türkei, Syrien, Saudi-Arabien.

Wenn es die Kinder beschäftigt, ist es gut, wenn die Lehrer mit ihnen darüber sprechen.

Aber die muslimischen Kinder haben immer wieder das Gefühl, dass manche Lehrer da einseitig informieren und die Muslime schlecht darstellen. Die muslimischen Kinder werden dann teilweise von den anderen ausgelacht und gemobbt

Ich wünsche mir also ein Debatte darüber, wie Lehrer so aus- oder weitergebildet werden können, das sie solche Themen kompetent und sensibel vermitteln können. Denn das ist meiner Erfahrung nach ein wirklich großes Thema, anders als das Kopftuch.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

(ll)