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04/09/2018 13:31 CEST | Aktualisiert 04/09/2018 13:34 CEST

Ich bin gegen das Burka-Verbot, aber noch lange kein "Islamversteher"

Ich habe auch Angst vorm Islamismus.

Kypros via Getty Images
"Ich will nicht in einem Staat leben, wo erwachsenen Frauen in ihrer Freizeit Kleidervorschriften gemacht werden."

Ich kann das generelle Vollverschleierungsverbot in Dänemark ablehnen, ohne Burka oder Niqab zu verharmlosen. Ich kann auch gegen Kleidervorschriften im öffentlichen Raum sein und trotzdem für ein Kopftuchverbot in bestimmten Kontexten argumentieren.

Ich kann den Islam gefährlich finden und muss deswegen nicht jeder Islamkritik zustimmen. Und ich kann Islamisten verachten und ihnen trotzdem ein faires Asylverfahren zugestehen.

Es kam mir alles recht schwach und unsicher vor

Als ich nach Deutschland gekommen bin, hat es mich schockiert, dass an öffentlichen Gebäuden keine Soldaten mit Maschinengewehren rumstehen. Ich fand es seltsam, dass die Grenze zu Dänemark damals noch nicht bewacht wurde.

Ich habe belächelt, dass die deutsche Polizei mich immer freundlich behandelt und nicht verprügelt hat. Es kam mir alles recht schwach und unsicher vor.

Inzwischen erkenne ich darin eine Stärke. Ich diskutiere darüber mit meinen muslimischen Freunden. Denn ich finde es großartig, dass es funktioniert. Und ich finde es bedrohlich, wenn es nicht gelingt, diesen Standard aufrechtzuerhalten.

Ich will nicht in einem Staat leben, wo erwachsenen Frauen in ihrer Freizeit Kleidervorschriften gemacht werden und wo die Grenzen mit Zäunen und Waffen gesichert werden.

Shitstorm wegen Kritik am Burka-Verbot

Ich habe mir einen Kommentar auf der Facebook-Seite einer mir persönlich bekannten Ex-Muslimin erlaubt. Sie freut sich da über das neue Burkaverbot in Dänemark und hofft, dass es bald auch in Deutschland kommt.

Ich habe entgegnet, dass Verbote die Methoden repressiver Systeme wie in Saudi-Arabien sind und man aus meiner Sicht Freiheit nicht mit Verboten erwirkt.

Seitdem erlebe ich einen Shitstorm. Ich bin plötzlich Islamappeaser und linksliberal beeinflusst und verfolge eine neue Islamversteher-Agenda. Die Kritik kommt von Leuten, mit denen ich mich überworfen habe, weil sie sich aus meiner Sicht nicht klar genug von der AfD distanziert haben und sie mir im Gegenzug vorwerfen, dass ich Islamisten und Rechtspopulisten undifferenziert gleichstelle.

Mehr zum Thema: Warum Klischees in Diskussionen einfach nur nervig sind

Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass ein Verschleierungsverbot für Frauen, die vor einem Verschleierungsgebot geflüchtet sind, unmittelbar beruhigend und richtig wirkt. Ich spreche meiner Bekannten nicht ihr Gefühl ab.

Aber mir macht die Entwicklung Angst. Denn die Leute, die das Gesetz in Dänemark durchgesetzt haben, interessieren sich einen Dreck für die betroffenen Frauen.

Angst vor Übergriffen

Ich habe die Stimmung in Dänemark erlebt. Da sind die Polizisten nicht mehr freundlich, sondern unterstellen allen Flüchtlingsgesichtern üble Absichten. In Dänemark gibt es auf der Homepage des Integrationsministerium einen Zähler, der jede Asylrechtsverschärfung als Erfolg zählt. Und ab und zu gibt es einen Kuchen zur Feier der Verschärfungen.

Die dänische Regierung interessiert sich nicht für das Schicksal der betroffenen zwangsverschleierten Frauen und hat alle konstruktiven Anregungen von moderaten Muslimas ignoriert.

Ihnen ist auch egal, dass es sich bei einem Großteil der Betroffenen um Konvertitinnen handelt, die sich freiwillig verschleiern. Die Regierung macht Symbolpolitik und die Islamisten freuen sich darüber, denn jede Kampfansage der Regierung liefert ihnen Legitimation für ihren Hass.

“Allah is gay” ist krasse Provokation

Ich habe auch Angst vorm Islamismus. Im Moment lebe ich sogar in sehr konkreter Angst vor islamistischen Übergriffen. Aber ich glaube nicht daran, dass die krassen Asylrechtsverschärfungen, Burka- und Ghettogesetze in Dänemark die Situation entschärfen. Im Gegenteil wird damit die Lage immer weiter eskaliert. Das mag sich auf Abstand gut anfühlen– aber ich bin mittendrin.

Ich rede jeden Tag mit meinen muslimischen Freunden, ich provoziere sie und fordere sie heraus. Und ich merke, dass es etwas bringt. Sie meisten von ihnen haben gar keine eigene Meinung, sie denken halt das, was ihnen angeboten wird. Sie spüren den Rassismus und die Vorurteile und wenn ihnen dann ein Islamist erzählt, dass der Westen Krieg gegen den Islam führt, dann glauben sie ihm.

 

Wenn ich mein “Thanks Allah, I‘m an Atheist”-Shirt in muslimischen Kontexten trage oder über meine “Allah is gay”-Aktion rede, ist es eine krasse Provokation. Dann diskutiere ich und manchmal tut sich was.

Ich erkläre vor allen Dingen, dass man hier in Deutschland seine Ansichten offen zur Schau tragen darf, solange man damit keinem weh tut. Ich erkläre aber auch, warum und wo die Freiheit aus meiner Sicht Grenzen hat, und dass Schulen und Kindertagesstätten aus meiner Sicht religionsfreie Räume sein sollten.

Nur Diskussion hilft

Und ich erläutere, dass die Religionsmündigkeit in Deutschland erst mit 14 Jahren erreicht wird und dass jede Form der Verschleierung meiner Meinung nach deshalb vorher verboten sein sollte. Ich diskutiere und hinterfrage die politische Aussage eines Kopftuches und insbesondere einer Vollverschleierung.

Ich argumentiere dafür, warum eine Verhüllung und selbst ein Kopftuch aus meiner Sicht nicht zu dem Neutralitätsgebot für bestimmte Berufe im öffentlichen Dienst passen.

Und ich erkläre ganz problemlos, warum man bei Identitätsfeststellungen sein Gesicht zeigen muss. Ich diskutiere das auch mit meinen nicht-muslimischen Freunden. Ich streite und ecke da mindestens genau so sehr an, weil sie mir nicht glauben wollen, wie massiv die Unterdrückungs- und Zwangsstrukturen in muslimischen Communities sind.

Ich bin alles andere als blind dafür, wie schwer es für Menschen ist, sich in diesen Zwangsstrukturen wirklich frei zu entscheiden. Aber ich kann verdammt noch mal trotzdem nicht ein Gesetz gutheißen, dass erwachsenen Frauen in ihrer Freizeit Kleidervorschriften macht.

Denn damit würde ich Frauen entmündigen – und außerdem indirekt jenen Recht geben, die fordern, dass ich meine T-Shirts ausziehen soll, weil ihnen meine politischen und religiösen Aussagen falsch und gefährlich erscheinen!

(vl)