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19/06/2018 23:40 CEST | Aktualisiert 20/06/2018 10:44 CEST

Ich bin aus dem Libanon geflohen und fühle mich 100 Prozent deutsch

Hussein Jezzini erzählt von seiner Flucht aus dem Libanon.

Hussein Jezzini
Hussein Jezzini ist 1990 aus dem Libanon nach Deutschland geflohen. 

Ich war gerade mit meiner Familie am Strand als wir Schüsse hörten. Ich war damals vielleicht fünf Jahre alt.

Sofort rannten wir in die Duschkabinen. Dort lagen wir minutenlang zusammengekauert auf dem Boden. Schließlich wagten wir es, zum Auto zu laufen, sprangen hinein, zwölf Mann.

Ich weiß noch, dass wir alle halbnackt in Badekleidung übereinander gestapelt lagen.

Das war 1990, kurz bevor wir aus dem Libanon nach Deutschland geflohen sind. Im Libanon herrschte Bürgerkrieg. Manchmal weckten meine Eltern mich mitten in der Nacht. Dann gingen wir alle in ein Zimmer und legten uns auf den Boden. So lange, bis das Geräusch der vorbeifahrenden Panzer leiser wurde.

An die Flucht habe ich kaum Erinnerungen. Ich weiß, dass wir viele Stunden im Auto saßen und im Zug, aber viel mehr nicht.

In der Schule war ich der einzige Ausländer 

Wir kamen im Siebengebirge im Rheinland an und wurden herzlich aufgenommen. Natürlich fühlte ich mich trotzdem nicht gleich wohl. Ich war ein Kind, alles um mich herum war fremd. Ich konnte kein Wort Deutsch.

In der Schule war ich der einzige Ausländer in meiner Klasse. Doch das hat mir geholfen. Die Sprache lernte ich schnell, nur das Schreiben bereitet mir bis heute Schwierigkeiten.

In unserer Nachbarschaft lebten hauptsächlich ältere Menschen. Niemand sprach Arabisch. Es blieb mir und meinen Geschwistern gar nichts anderes übrig, als Deutsch zu lernen.

Im Jahr 2000 zogen wir nach Berlin. Das war ein anderes Leben. Es war multikulturell, gab viel mehr Ausländer. Ich habe mein Abitur angefangen, mich dann aber dazu entschlossen, eine Ausbildung zum Hotelfachmann zu machen.

 

Dann bin ich für ein Jahr nach Australien gegangen, um dort Englisch zu lernen. Ich habe einen Job als “Personal butler of the government” gefunden und durfte einen Tag lang sogar Prinz William bedienen.

Trotzdem stand für mich fest: Ich werde zurück nach Deutschland gehen. Deutschland ist meine Heimat. Manche Menschen verstehen das nicht und sagen mir “Der Libanon ist doch deine Heimat”.

Dann frage ich sie: “Wenn du einen biologischen Vater hast, aber dein ganzes Leben von einem anderen Mann erzogen wurdest und deinen Vater nie gesehen hast: Wen von beiden würdest du Papa nennen?” Alle sagen das Gleiche: Sie würden natürlich den nicht-biologischen Vater ihren Papa nennen.

Genauso ist es bei mir mit Deutschland. Hier bin ich groß geworden, hier ist meine Heimat. Ich bin Deutscher.

Wenn ich den Deutschen eines sagen will, dann: Danke

Bis auf die schwierige Eingewöhnungsphase habe ich mich hier immer Zuhause gefühlt. In wenigen Tagen eröffne ich ein eigenes Café in Berlin. Es heißt “Tungos”. Das steht für “Trinken und Naschen mit Genuss und ohne Sorgen”.

Darin biete ich zum Beispiel einen Schokoladenkuchen aus Mehl und ohne Zucker an, der gut schmeckt, aber trotzdem nicht so ungesund ist.

  • Libanon im Jahr 1990: Im Land herrscht Bürgerkrieg.
  • Deutschland im Jahr 1990: Das Land feiert seine Wiedervereinigung, Ost und West gehören wieder zusammen. 

Ich habe 36 Kilogramm abgenommen und es ist mir wichtig, den Menschen zu zeigen, dass auch weniger Kalorien gut schmecken können. Der Andrang auf mein Café ist schon jetzt sehr groß.

Wenn ich den Deutschen eines sagen will, dann: Danke! Danke, dass ihr mich hier so herzlich aufgenommen habt. Ich kann verstehen, dass einige von euch Flüchtlingen gegenüber abgeneigt sind. Denn leider benehmen sich nicht alle hier gut. Trotzdem ist es wichtig, jedem Menschen eine Chance zu geben.

Die vielen Flüchtlinge, die jetzt noch fremd sind, fühlen sich in 15 Jahren vielleicht auch deutsch, arbeiten hier, eröffnen Cafés, studieren. Wenn ihr ihnen die Chance dazu gebt.

(ben)

1990 bis 1999