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09/10/2018 18:08 CEST | Aktualisiert 09/10/2018 18:08 CEST

"Ich bin aus dem Irak geflohen: Das erlebten meine Eltern bei ihrem ersten Deutschland-Besuch"

"Wenn das so weitergeht, reißt meine Mutter sich morgen das Kopftuch runter und geht in die Disco."

AMED SHERWAN
Blogger Amed Sherwan mit seinen Eltern. 

Amed Sherwan ist in Kurdistan geboren und als Kind nach Deutschland geflohen. Als Blogger schreibt er über sein Leben hierzulande und muslimische Kultur. Als seine Eltern ihn zum ersten Mal gemeinsam besuchen, nimmt er Deutschland neu durch ihre Augen wahr.

Meine Mutter ist eine Zeitreisende. Bisher hat sie ihren Heimatort nur ein einziges Mal, und zwar für die Pilgerfahrt nach Mekka, verlassen.

Nun ist sie für zehn Tage in Europa und fühlt sich wie in einer Science-Fiction. In ihren Augen ist hier alles aufregend und viel schöner als zu Hause: Die Bäume sind grüner, die Straßen sind sauberer, die Menschen sind sportlicher.

Sie guckt sich die Welt mit dem Blick einer Abenteuerreisenden an und lässt sich nicht mal davon verschrecken, dass sie plötzlich einen halbentblößten Hintern vor der Nase hat, weil die Frau, die in der S-Bahn vom Flughafen vor ihr steht, einen so kurzen Minirock trägt.

Es ist schön, die beiden hier zu haben und aufwühlend

Bevor wir in die Regionalbahn umsteigen, gehen wir am Hauptbahnhof essen. Ich wähle ein syrisches Restaurant. Da bin ich sicher, dass die Mahlzeit halal ist. Der Tee ist gut, befindet meine Mutter. Das Essen kann mit ihrem eignen aber nicht mithalten.

Mehr zum Thema: Bei den Deutschen kommt es besser an, nicht zu integriert zu sein

Dafür interessiert sie das Publikum. Neben uns sitzt ein schwules Paar. Als wir auf dem Weg aus dem Restaurant darüber sprechen, hört sie gar nicht mehr auf zu kichern. Sie kann sich einfach nicht vorstellen, dass Männer Männer lieben können. Aber sie ist nicht verärgert, sie lacht nur.

Wenn das so weitergeht, reißt sie sich morgen das Kopftuch runter und geht in die Disco.

Mein Vater sieht die Sache anders, in der Heimat ist fast alles schöner, größer und besser. Er ist als junger Mann etwas umhergereist und gibt sich weltmännisch. Nur an der ganz neuen Jeans und den ungetragenen sportlichen Schuhen erkennt man, dass er sich eigens für diese Reise europäisch verkleidet hat. Es soll keiner denken, dass er vom Mond kommt. Er hat mich schließlich schon mal besucht und wirft lässig mit seinen drei deutschen Worten um sich.

Es ist schön, die beiden hier zu haben – und aufwühlend. Meine Mutter sieht abgekämpft aus. Nach der Bahnfahrt in meiner Wohnung angekommen, legt sie den langen alten Mantel und das Kopftuch ab. Sie hat sich auch schön gemacht für die Reise. Ihre grauen Haare sind gefärbt und die Haare modern geschnitten. Trotzdem sieht sie alt aus und bewegt sich beschwerlich. Ihr Körper ist kaputt.

AMED SHERWAN
Sherwans Mutter war zum ersten Mal in Deutschland.

Für Männer ist der Alltag in Irakisch-Kurdistan bequem

Sie hat immer arbeiten müssen, als älteste Tochter, als junge Ehefrau, als Mutter und nun als Oma. Sie kann sie sich gar nicht daran erinnern, dass sie mal einen Tag nicht geputzt und gekocht hat. Und vor der Reise hat sie tagelang Essen vorbereitet und eingefroren, damit die Familie nicht verhungert, während sie weg ist.

Kein Wunder, dass mein Vater von der Heimat schwärmt. Für Männer ist der Alltag in Irakisch-Kurdistan bequem. Doch für die meisten Frauen ist die Zeit dort stehen geblieben. Was würde passieren, wenn meine Eltern hier leben sollten. Würde mein Vater seine Frau zu Hause einsperren aus Angst davor, dass sie sonst ein neues Leben beginnt?

Ich kriege in diesen Tagen viele freundliche Nachrichten. Selbst Leute, die sich sonst an meiner Islamkritik stören, freuen sich über meinen Familienbesuch. Aber ich soll doch endlich mit den Provokationen aufhören und meinen Atheismus im Leisen ausleben, bitten sie mich. Ich soll Muslime nicht in ein schlechtes Licht rücken in diesen rassistischen Zeiten.

Ich muss Muslime nicht negativ darstellen, das schaffen sie schon ganz für sich alleine

Natürlich gibt es auch in anderen Gesellschaften ähnliche Probleme. Aber ich erlebe nirgends sonst, dass die Ungerechtigkeit so breit mitgetragen wird. Ich kenne muslimischen Väter, die ihren Töchtern den Schwimmunterricht verbieten. Ich habe muslimischen Freunde, die ihre Schwestern überwachen. Ich erlebe muslimische Eltern, die ihre homosexuellen Kinder verstoßen.

Und ich lese in der Zeitung von Muslimen, die sich und andere in die Luft sprengen. Weil Allah es angeblich so will? Und wo bleibt der Protest und der Aufschrei der aufrechten Muslime? Ich muss Muslime nicht negativ darstellen, das schaffen sie schon ganz für sich alleine – durch ihr Schweigen.

Meine Mutter hat ihren Mantel kaum abgelegt, da deckt sie den Tisch schon mit leckeren Speisen. Der ganze Koffer ist mit Leckereien gefüllt. Sie will meine Freunde bekochen, wir sollen alle einladen.

Ich habe das vermisst, diese selbstverständliche Offenheit und Freundlichkeit. Meine Mutter ist kein böser Mensch. Auch mein Vater meint es gut. Sie haben mir nie schaden wollen, die Religion macht sie krank.

Glaube ist ein bisschen wie eine Droge. Wenn du selber entscheidest, wann und wie viel du davon genießt, dann kann du viel Spaß damit haben. Aber wenn es dein Leben bestimmt, dann wird es zu einer Krankheit.

Wenn du keinen Spaß verstehst und glaubst, dass es das einzig Wahre ist, dann hast du ein Problem. Und wenn du dir und anderen damit das Leben zur Hölle machst, dann brauchst du eine Therapie.

Ich nasche an den Keksen meiner Mutter, sehe meine glücklichen Eltern vor mir auf dem Sofa sitzen und werde leicht nervös bei dem Gedanken, dass ich heute vor dem Einschlafen nicht kiffen kann.

Diese Tage werden mir vielleicht ganz guttun, meinen Eltern hoffentlich auch.

Dieser Text erschien zuerst auf jungle.world. Mehr von Amed bei jungle.world findet ihr hier.

(ak)