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12/12/2017 16:07 CET | Aktualisiert 06/02/2018 13:28 CET

Ich bin alleinerziehende Mutter von zwei Kindern und habe zwei Jobs – so läuft mein Tag ab

Ich habe noch 50 Euro auf dem Konto und keine Ahnung, wie ich diesen Monat überstehen soll.

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Manchmal würde ich meine Kinder am liebsten bei ihren Vätern absetzen und für zwei Wochen wegfahren. Ich liebe meine Kinder über alles, aber ich kann einfach nicht mehr. Ich habe das Gefühl, jeden Moment zusammenzubrechen.

Ich bin alleinerziehende Mutter einer achtjährigen Tochter und eines dreijährigen Sohnes. Vom Vater meiner Tochter bin ich schon seit vielen Jahren getrennt, vom Vater meines Sohnes lasse ich mich gerade scheiden.

Mit meinem ersten Mann streite ich seit Jahren um den Unterhalt. Deshalb komme ich regelmäßig in die Bredouille, was Zahlungen angeht. Ich weiß nie, ob ich mit dem Geld rechnen kann oder nicht.

Um unsere Lebenskosten zu decken, habe ich deshalb aktuell zwei Jobs. Damit ich all meinen Aufgaben nachkommen kann, muss ich meinen Tag streng durchtakten.

So sieht mein Tag aus

8.30 Uhr: Meine Tochter verlässt das Haus. Gegen Ende ihres ersten Schuljahres habe ich sie darauf vorbereitet, sich morgens alleine fertig zu machen und alleine zur Schule zu gehen.

Zum Glück wohnen wir in der Nähe der Schule, sodass sie nur fünf Minuten Fußweg hat. Am Anfang bin ich mit ihr gelaufen, inzwischen geht sie mit einer Freundin.

In der Zwischenzeit bin ich damit beschäftigt, meinen Sohn für den Kindergarten fertig zu machen. 

9.30 Uhr: Ich versuche spätestens um halb zehn im Büro zu sein. Ich arbeite als Zeichnerin in Teilzeit. Mein Glück ist, dass die Stelle verhältnismäßig gut bezahlt wird. Ich kenne alleinerziehende Mütter, die in Vollzeit arbeiten und nicht mehr Geld verdienen als ich.

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Für mich käme eine Vollzeitstelle allerdings nicht in Frage. Denn der Kindergarten hat nur bis 17 Uhr geöffnet es gibt niemanden, der sich danach um meinen Sohn kümmern könnte.

Ganz abgesehen davon, war es nicht leicht, als Alleinerziehende überhaupt eine Stelle zu finden, viele Arbeitgeber waren misstrauisch. Das Arbeitsamt hat mir damals empfohlen, ich solle in der Bewerbung nicht angeben, dass ich Kinder habe. “Sonst werden sie gar nicht erst zum Gespräch eingeladen”, sagten die Mitarbeiter zu mir.

Selbst mein jetziger Chef möchte kein großes Risiko eingehen: Als ich fragte, ob es möglich wäre, auf 30 Arbeitsstunden pro Woche aufzustocken, hat er abgelehnt.

Er zweifelte meine Zuverlässigkeit an – was, wenn eines der Kinder mal krank ist und ich zuhause bleiben muss? Mutter zu sein ist in der deutschen Arbeitswelt nach wie vor ein Stigma.

14.30 Uhr: Normalerweise sollte ich jetzt mit der Arbeit fertig sein. Wenn ein Projekt noch nicht ganz abgeschlossen ist, kann es aber auch sein, dass ich ein bisschen länger bleiben muss. Meistens versuche ich noch einkaufen zu gehen, bevor ich meinen Sohn abhole, weil es ohne Kinder einfach schneller funktioniert und ich am Nachmittag zu viele andere Dinge zu tun habe.

15.30 Uhr: Meine Tochter kommt aus dem Hort. Dann setze ich mich mit ihr an die Hausaufgaben oder helfe ihr beim Lernen. Nebenher versuche ich meinen Sohn zu bespaßen, aber unter der Woche bleibt leider nicht viel dieser gemeinsamen Zeit für uns.

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Aufräumen und Wäsche waschen sollte ich eigentlich auch, in letzter Zeit habe ich das aber ein bisschen vernachlässigt, sodass gerade acht Wäscheladungen auf mich warten. Dafür ist erst am Wochenende wieder Zeit. Ich habe mich von dem Gedanken frei gemacht, dass jeden Tag alles picobello aussehen muss – sonst würde ich mich noch mehr stressen.

Keine Zeit, um durchzuatmen

18 Uhr: Ich fange an zu kochen. Nach dem Abendessen bade ich die Kinder und mache sie bettfertig.

19.30 Uhr: Ich bringe die Kinder ins Bett. Dann dusche ich schnell.

20.30 Uhr: Ich bin vollkommen fertig. Doch leider komme ich auch jetzt nicht zur Ruhe: Sobald die Kinder im Bett sind, widme ich mich meinem zweiten Job, dem ich an zwei bis drei Abenden die Woche im Home Office nachgehen kann. 450 Euro mehr sind eben 450 Euro mehr.

Dieses Spiel wiederholt sich jeden Tag aufs Neue. Zeit, um durchzuatmen, bleibt mir dabei nicht. Auch nicht am Wochenende.
Zwar verbringt meine Tochter jedes zweite Wochenende bei ihrem Vater, aber mein Noch-Ehemann arbeitet samstags und sonntags und kann den Kleinen deshalb nicht zu sich nehmen. Es ist Monate her, dass ich das letzte Mal einen Tag ganz für mich hatte.

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Meine Eltern können mir momentan leider auch nur bedingt helfen. Meine Mutter erholt sich von einem Oberschenkelhalsbruch, mein Vater hat vor kurzem einen Herzinfarkt erlitten.

23 Uhr: Ich liege endlich im Bett. Obwohl ich völlig erschöpft bin, kann ich nicht einschlafen – zu viele Gedanken kreisen mir im Kopf herum. Ich rechne nochmal durch, ob das Geld in dieser Woche für alle Ausgaben reichen wird.   

Ich habe ein striktes Budget für Essen. Größere Anschaffungen mache ich nur, wenn es absolut nötig ist. Neulich habe ich mir zwei Pullis im Second-Hand-Laden gekauft. Nicht, weil ich sie besonders schön fand, sondern weil ich etwas Warmes zum Anziehen für den Winter brauchte. “Gegönnt” habe ich mir schon lange nichts mehr.  

Wenn ich da schon gewusst hätte, dass unser Backofen kurz darauf den Geist aufgeben würde, hätte ich mir die Pullis allerdings nicht gekauft.

Ich habe noch 50 Euro auf dem Konto und keine Ahnung, wie ich diesen Monat überstehen soll.

Zu Weihnachten gibt es nur Nutzgegenstände 

Weihnachten wird dieses Jahr deshalb nicht so aussehen, wie ich mir das gewünscht hätte.

Ich habe schon vor ein paar Monaten angefangen, Geld für Geschenke beiseite zu legen. Trotzdem wird es darauf hinauslaufen, dass ich Nutzgegenstände als Geschenke tarnen muss. Ich schaue jeden Tag bei ebay Kleinanzeigen nach den neusten Angeboten.

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Zum Glück mangelt es meinen beiden Kindern nicht an Spielzeug, dafür sorgen ihre Großeltern. Aber ich würde mir natürlich wünschen, dass auch ich meinen Kindern zu Weihnachten eine Freude machen kann.

Manchmal stelle ich mir vor, was ich machen würde, wenn ich einen Tag frei hätte. Ich würde erstmal ausschlafen. Und dann würde ich gerne spontan entscheiden, wie ich den Tag verbringen möchte, ohne Zeitdruck, ganz stressfrei.

Ich würde vielleicht in die Sauna gehen oder zu einer Massage. Abends würde ich am liebsten mit meinen Freundinnen zu Abend essen. Und vielleicht würden wir anschließend noch irgendwo tanzen gehen.

Aber selbst wenn ich die Zeit für diese Dinge hätte, könnte ich sie mir nicht leisten oder würde mir zumindest nicht leisten wollen. Denn am wichtigsten ist mir, dass es meinen Kindern gut geht.

Das Gespräch wurde von Anna Rinderspacher aufgezeichnet. Die Portraitierte möchte anonym bleiben, deshalb haben wir ihren Namen geändert.

(lk)