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27/11/2018 13:06 CET | Aktualisiert 27/11/2018 13:06 CET

Brustvergrößerung mit 19: "Es war gut, dass meine Eltern sie bezahlt haben"

Die Brustvergrößerung fühlte sich wie ein Anfang an.

Emma Sloan/privat
Emma Sloan leidet unter einer Hormonstörung.

Die Autorin Emma Sloan leidet an einer hormonellen Störung, die dazu führt, dass sie zu viele männliche Hormone im Körper hat. Typische Symptome einer solchen Störung, genannt Polyzystisches Ovar-Syndrom (PCOS), sind, dass betroffene Frauen zum Beispiel unter verstärktem Körperhaarwuchs oder Akne leiden – oder auch keine Brüste ausprägen, wie Sloan. 

Deswegen entschied sich die damals 19-Jährige dazu, ihre Brüste vergrößern zu lassen. 

Manche sagen, dass das Selbstwertgefühl in der Schul-Umkleide zugrunde geht. Aber bei mir passierte es an Silvester in einem Whirlpool. Ich saß mit drei Freundinnen schultertief im Wasser, wir reckten unsere Finger in die kalte Luft und umklammerten stolz unsere alkoholfreien Cider.

Ich ertappte meine Freundin Erica, wie sie den Streifen Bauch beäugte, den mein Badeanzug unbedeckt ließ. Da kamen die Wörter aus ihrem Mund, die mich zusammenzucken ließen, bevor sie sie überhaupt komplett ausgesprochen hatte.

“Weißt du, du hast dort ganz schön viele Haare.”

Es lässt sich nicht in Worte fassen, was für einen Schlag es dir versetzt, wenn du nicht einmal zwölf bist und jemand auf Haare an deinem Körper zeigt, die nicht auf deinem Kopf sind.

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Ein harmloser Satz über mein Aussehen löste meine Komplexe aus

Es war ein harmloser Satz, der rein aus spontaner, kindlicher Neugierde entstand. Aber Dana und Kate, die neben ihr saßen, kicherten los. Da wir seit dem Kindergarten befreundet sind, hatten die beiden reichlich Gelegenheiten gehabt, um auf meine zystische Akne zu zeigen, die sich seit der dritten Klasse über Gesicht, Brust, Nacken und Rücken ausbreitete, und um zu versuchen, sie zu “heilen“.

Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, ich erinnerte mich an meine Antwort auf Ericas Kommentar. Aber an das Gefühl von Ekel erinnere ich mich genau, das mir wie Galle den Hals hochkam und sich auf meine Zunge legte.

Als ich aufwuchs, redete niemand mit mir über das Polyzystische Ovar-Syndrom (PCOS). Ich erfuhr erst davon, als ich von Danas damaligem Freund zum zweiten Mal in Folge zum “hässlichsten Mädchen der Schule” gewählt wurde und verzweifelt nach meinen Symptomen googelte.

Ich suchte nach einem Sündenbock, dem ich mein Aussehen anhängen konnte. Als ich ihn fand, kam die Erleichterung darüber, endlich eine Erklärung für mein Aussehen zu haben, über mich mit der Wucht eines Tsunamis.

PCOS gilt als eine der häufigsten Stoffwechselstörungen bei Frauen und soll zwischen fünf und zehn Prozent der geschlechtsreifen Frauen betreffen. Schuld ist meist eine Insulinresistenz, die der Körper kompensiert, indem er die Insulinproduktion hochfährt – was wiederum zu einem Überschuss an männlichen Hormonen (Androgenen) im Körper führt.

Eine von zehn Frauen leidet am Polyzystisches Ovar-Syndrom (PCOS)

Was bedeutet das? Es bedeutet, dass ich und eine von zehn anderen Frauen an Symptomen leiden, die von Hirsutismus (übermäßiges Haarwachstum in Gesicht, auf Bauch und Rücken), zystischer Akne, männlichem Haarausfall, Zyklusstörungen, Fettleibigkeit, Diabetes, Eierstockzysten bis zur potenziellen Unfruchtbarkeit reichen können.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie sich Eltern fühlen, die mitansehen müssen, wie ihr Kind so schwer mit sich selbst zu kämpfen hat, und die miterleben, wie es deshalb so viel von seiner Kindheit verpasst.

Als Teenager habe ich ganze Unterrichtsstunden damit verbracht, darüber nachzudenken, ob die Leute auf meine Akne starrten. In den Pausen saß ich am Fuße meines Spinds, weil ich so überzeugt war, dass meine Freunde mich ablehnten, dass ich sie nicht ansprach.

Beim Fußballspielen verglich ich meinen Körper mit den langen haarlosen Beinen und knospenden Brüsten der anderen Mädchen. Ich begann, mir nach den Mahlzeiten eine Zahnbürste in den Rachen zu schieben, bis ich mindestens würgte.

Neben meiner Akne bereitete mein Körper mir größte Unsicherheit. Wegen des Rettungsrings um meinen Bauch glaubte ich immer, ich sähe schwanger aus. Da meine Brüste sich wegen des Androgen-Überschusses nie ausgebildet hatten, hatte ich kein Fett auf der Brust, um das auszugleichen.

Meine Freunde nutzten mich, um auf meinen Unsicherheiten herumzuhacken

Mein Verhältnis zum Essen verschlechterte sich: Eine Zeitlang stopfte ich jede Art von Nahrung maßlos in mich hinein – dann versuchte ich die Fressattacken auszugleichen, indem ich nur eine Handvoll Mandeln am Tag aß, um einen Blähbauch zu vermeiden.  

Im Rückblick lässt sich schwer begründen, warum mich das alles so kaputt gemacht hat. Jungs waren gemein zu mehr – na und? So viele haben dasselbe durchgemacht.

Aber in meinem Abschlussschuljahr fühlte ich mich wie auf einer Insel, umgeben von Freunden, die mich um sich haben wollten, um auf meinen Unsicherheiten herumzuhacken, aber abgeschottet durch meinen eigenen Selbsthass.

Kurz nach meinem Abschluss kam meine Mutter zu mir, um mit mir über eine Brustvergrößerungs-OP zu sprechen. Ihre beste Freundin hatte sich gerade von einer Chirurgin in der Stadt Fett absaugen lassen und ihr von ihrem neu entdeckten Selbstvertrauen vorgeschwärmt.

Zögernd, erzählte sie mir später, hatte meine Mutter sie gefragt, ob sie glaube, dass eine Fettabsaugung auch mein Selbstwertgefühl verbessern würde. Ihre Freundin meinte: Auf jeden Fall – und gab ihr die Kontaktdaten der Ärztin.

Die Ärzte in der Klinik sagten mir, dass ich zu jung und untergewichtig für eine Fettabsaugung sei; eine Brustvergrößerung jedoch könnte infrage kommen, um mir mehr Selbstbewusstsein zu verschaffen.

Sowohl mein Vater als auch meine Mutter glaubten, dass ich bereits wundervoll und normal war. Trotzdem dachten wir alle, dass die Operation helfen würde, meine Körperproportionen auszugleichen, mir genug Selbstvertrauen schenken würde, um auch mal auf Dates zu gehen und hoffentlich mein Verhältnis zu Nahrung sowie allgemeines Selbstwertgefühl festigen würde.

Ich versprach meinen Eltern, mich keinen weiteren Schönheitsoperationen unterziehen zu lassen

Ich kann mir nicht vorstellen, wie sich Eltern fühlen, die mitansehen müssen, wie ihr Kind so schwer mit sich selbst zu kämpfen hat, und die miterleben, wie es deshalb so viel von seiner Kindheit verpasst.

Während meine Augen vor Freude leuchteten, als ich das Angebot meiner Mutter hörte, sah ihr Gesicht traurig, schuldbewusst und hoffnungsvoll zugleich aus. Meine Eltern nahmen mir das Versprechen ab, dass ich mich danach keinen weiteren Schönheitsoperationen unterziehen würde.

Der Eingriff war für den darauffolgenden Sommer geplant, kurz nach Ende meines ersten Uni-Jahres. Während der vier Termine vor der Operation fühlte ich reine Vorfreude. Ich sprach mit der Chirurgin über meine Beziehung zum PCOS, und sie sagte, wenn eine ihrer beiden Töchter mit solch starken Selbstzweifeln kämpfen würde, würde sie ihr die gleiche Operation anbieten.

Wir setzten uns zusammen, um die Größe festzulegen, die bei mir am natürlichsten aussehen würde. Da meine natürlichen Brüste stark unterentwickelt waren, würden wir meine Gerade-noch-A-Körbchen auf bescheidene B-Körbchen umoperieren.

Ich wünschte, ich könnte sagen: Ich kam mir vor wie ein Schmetterling, der gerade aus seinem Kokon schlüpfte, als sie den Gips von meiner Brust ablösten und dabei Hautfetzen mit abrissen. Aber so fühlte ich mich nicht.

Tut die Operation weh? Auf jeden Fall. Als ich im Aufwachraum zu mir kam, war fast sofort die Übelkeit da. Ich verbrachte den Tag damit, mich im Krankenhaus zu erholen, würgend, gefangen zwischen Euphorie und der schmerzbedingten Lähmung, die mich von der Taille aufwärts ergriff.

Zur Genesung verbrachte ich drei Wochen auf der Wohnzimmercouch meiner Familie. Ich war weder in der Lage zu duschen noch meine Arme zu benutzen, aus Angst, die Fäden würden reißen.

Der Cocktail aus Schmerzmitteln und Antibiotika versetzte mich in einen elenden Dämmerzustand, unterbrochen von Schmerzen und Übelkeit.

Die Brust-OP fühlte sich wie ein Anfang an

Ich wünschte, ich könnte sagen: Ich kam mir vor wie ein Schmetterling, der gerade aus seinem Kokon schlüpfte, als sie den Gips von meiner Brust ablösten und dabei Hautfetzen mit abrissen. Aber so fühlte ich mich nicht.

Ich sah weder plötzlich aus wie Pamela Anderson, noch fühlte ich mich so. Ich war dieselbe unscheinbare 19-Jährige mit den einzelnen dunklen Haaren am Kinn und dem Schwabbelbauch und roten Flecken auf den Wangen. Aber es fühlte sich wie ein Anfang an.

Heute bin ich 21 Jahre alt und ich habe noch immer einen Fettring um meinen Bauch, der nicht weggeht.

Aber die Brustvergrößerung schenkte mir das Selbstvertrauen, meine Depression zu überwinden und mich auf Ernährung und Sport zu konzentrieren.

Obwohl meine Haut nach mehr als zehn Jahren zystischer Akne immer noch ein Schlachtfeld ist, kann ich jetzt damit umgehen, ohne an Selbstmord zu denken.

Trotz der Narben um meinen Nabel von all den über die Jahre hinweg eingewachsenen Haaren, kann ich heute mein Hemd ausziehen, ohne mich wie eine leuchtende Neonreklame zu fühlen.

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Obwohl ich immer noch körperfixiert bin, ist es für mich unermesslich heilsam gewesen, auf einmal BHs, Bikinis und kurze Oberteile tragen zu können, ohne mich ausgegrenzt zu fühlen.

Natürlich braucht man nicht unbedingt eine Brustvergrößerung, um sich wohler in seiner Haut zu fühlen. Für mich persönlich war es der beste Weg, doch es gibt so viele andere Möglichkeiten, die du wählen kannst, um dein Selbstwertgefühl zu verbessern. 

Wenn du unter PCOS leidest, bist du nicht abartig. Du verdienst Selbstwertgefühl, und es wäre jammerschade, wenn du dich wegen so einer Nebensächlichkeit wie deinem Aussehen vom Rest der Welt abschotten würdest.

Tu, was du tun musst, um dich selbst am besten zu fühlen. Aber egal was du tust, vergiss nicht, zu leben.

(ak)