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10/01/2019 12:51 CET | Aktualisiert 10/01/2019 12:51 CET

"Ich bekam unerwartet Prostatakrebs – so habe ich die Krankheit besiegt“

"Auf einmal stellte ich mir ganz andere Fragen."

Cavan Images via Getty Images

Ich hatte mir früher nur selten Gedanken um meine Prostata gemacht. So lange da unten alles gut funktionierte, konnte meine kleine, etwa kastaniengroße Drüse in herrlicher Anonymität leben.

Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals Prostatakrebs (PK) bekommen könnte. Und natürlich hatte ich keine Ahnung, wie schlimm diese Krankheit in Wirklichkeit war. Prostatakrebs war ein Problem von älteren Männern, hatte ich immer gedacht. Über das die meisten Menschen nur in gedämpftem Tonfall sprachen, wenn sie von ihren Großvätern oder Großonkeln berichteten.

Mein Arzt führte seit Jahren routinemäßig eine digitale rektale Untersuchung meiner Prostata durch und er ließ mein Blut auf das prostataspezifische Antigen (PSA) untersuchen. Als mein PSA-Wert im Frühjahr plötzlich deutlich erhöht war, wurde ich sofort zu einer Prostatabiopsie überwiesen. Nach drei nervenaufreibenden Wochen erfuhr ich, dass man anhand des Pathologiebefundes an einer Seite meiner Prostata Krebs entdeckt
hatte.

Krebs?! Ich verfiel in eine Schockstarre

Ich erinnere mich daran, dass ich in diesem Moment in eine vollkommene emotionale Schockstarre verfiel. Sieben Tag nach meiner Diagnose saß ich in dem überfüllten Wartezimmer des besten Urologen in Atlantic Canada. Zum ersten Mal in meinen 64 Lebensjahren fühlte ich mich alt. Das war also meine neue Altersgruppe.

Einige der Männer wirkten lebendig und unbeschwert. Andere wiederum sahen abgeschlagen und verbittert aus. Ich fragte mich, zu welcher der beiden Gruppen ich wohl selbst in Zukunft gehören würde.

Der Chirurg erklärte mir meine Behandlungsmöglichkeiten. Ich konnte mir entweder durch eine radikale Prostataektomie die Prostata komplett entfernen lassen oder ich konnte einen Behandlungszyklus aus Bestrahlungen und/oder Chemotherapie ausprobieren. Sollte ich mich jedoch für die Bestrahlung entscheiden, wäre eine anschließende Operation aufgrund von Gewebevernarbungen nicht mehr möglich.

Dann meldete sich mein Überlebensinstinkt 

Dann geschah das Unerwartete. Mein Überlebensinstinkt arbeitete plötzlich auf Hochtouren. Ich versuchte, die Kontrolle über diese erschütternde Situation zu erlangen, indem ich sie mit kühlem Sachverstand abklärte. Ich machte vorsorglich einen Termin für die Operation aus und las mir das Aufklärungsmaterial meines Chirurgen ganz genau durch. Anschließend begann ich, im Internet über Prostatakrebs nachzuforschen.

Die kanadischen Statistiken zu dieser Krankheit sind erschreckend: Ungefähr jeder siebte Mann erkrankt im Laufe seines Lebens an Prostatakrebs und jeder 29. Patient stirbt sogar daran. Im Jahr 2017 wurde bei 21.300 Männern Prostatakrebs diagnostiziert (das sind 21 Prozent aller neuen Krebsfälle bei Männern). 4.100 Männer sind in diesem Jahr an Prostatakrebs verstorben.

Schätzungen zufolge wird die jährliche Anzahl von neu auftretenden Prostatakrebserkrankungen sich zwischen 2015 und 2030 fast verdoppeln.
Die Nebenwirkungen einer radikalen Prostataektomie können verheerende Auswirkungen auf den Selbstwert und das Männlichkeitsgefühl der betroffenen Patienten haben. Zu den möglichen Folgen der Operation zählen Inkontinenz, Erektionsstörungen, Unfruchtbarkeit und Ejakulationsstörungen, sowie damit verbundene Ängste und Depressionen.

Wenn eine nerverhaltende Operation durchgeführt werden kann, kann die Sexualfunktion anschließend wieder hergestellt werden. Bis zur endgültigen Regeneration kann es jedoch Monate – wenn nicht sogar Jahre – dauern. Oft sind dazu auch verschiedene Therapien nötig.

Kein verlässlicher Test über die Aggressivität des Krebses

Die momentanen wissenschaftlichen Erkenntnisse über Prostatakrebs sind noch nicht eindeutig. Es gibt noch immer keinen Test um feststellen zu können, welche Fälle von Prostatakrebs aggressiv verlaufen werden. Selbst der PSA-Test ist kein verlässlicher Anhaltspunkt für die Diagnose von PK. Zudem ist er höchst umstritten. Vorangegangene Studien haben ergeben, dass viele Patienten überdiagnostiziert und überbehandelt werden und dass das beste Mittel zur Vorbeugung die aktive Überwachung der Prostata sei.

Als ich meinem Chef von meiner Krebserkrankung erzählte, tat er mir einen riesigen Gefallen. Er stellte mich einem Freund vor, der vor sechs Monaten eine Prostataoperation gehabt hatte. Dieser Mann wurde zum meinem Mentor in diesem ganzen Prozess. Er erzählte mir, dass es mir bei meinem Genesungsprozess helfen könnte, wenn ich ein Tagebuch führte.

Außerdem klärte er mich ganz offen über die intimen Probleme auf, von denen
Prostatakrebspatienten betroffen waren. Das waren Dinge, die ein Arzt nicht wirklich verstehen konnte. Ich erfuhr durch diese Art der Brüderschaft eine Verbundenheit, die ich noch zuvor erlebt hatte.

Mein Mentor hatte eine roboterassistierte laparoskopische Prostataektomie (RALP) durchführen lassen, die in den USA sehr häufig angewendet wird. In den meisten kanadischen Krankenhäusern ist diese Methode jedoch bisher nicht verfügbar. Bei RALP handelt es sich um einen weniger invasiven Eingriff, von dem man sich schneller wieder erholt als von einer konventionellen Operation.

Hinsichtlich der Langzeitauswirkungen gibt es jedoch keinen bedeutenden Unterschied zwischen den beiden Behandlungsmethoden. Je mehr ich jedoch herausfand, desto verwirrter wurde ich.

Ich wollte alles in meiner Macht stehende tun

Eine Woche lang zerbrach ich mir den Kopf über meine Optionen. Ich kontaktierte die nächstgelegene RALP-Klinik in Montreal. Doch mit einem bösartigen und unberechenbaren Feind in meinem Körper wollte ich keine sechs Monate auf die Operation warten müssen. Ich wollte alles in meiner Macht stehende tun, um nicht zu den 10 Prozent der Patienten gehören zu müssen, die an aggressivem Prostatakrebs litten.

Schließlich beschloss ich, mich einer konventionellen Operation zu unterziehen. Ich versuchte, mich nicht von negativen Gedanken herunterziehen zu lassen und generell nicht allzu viel über alles nachzudenken. Auf Anraten meines Mentors suchte ich mir einen Physiotherapeuten, der mir spezielle Übungen beibrachte, mit denen ich meinen Beckenboden stärken und die Kontrolle über meine Blase verbessern konnte.

Einen Monat nach meiner Diagnose ging ich in den Operationssaal. Der Chirurg, sein gut eingespieltes Team und ich stellten uns kurz im Kreis auf und er fragte, ob irgendjemand eine Frage habe. Keiner meldete sich. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Als ich aufwachte, war ich überglücklich

Als ich aufwachte, war ich überglücklich darüber, dass die Operation vorbei war. Ich musste anschließend nur zwei Tage im Krankenhaus bleiben. Anfangs hatte ich Probleme damit, mich aufzusetzen und wieder zu gehen. Dadurch fühlte ich mich hilflos und verletzbar.

Am deutlichsten sind mir jedoch die medizinischen Komplikationen in Erinnerung geblieben, die andere Patienten um mich herum durchmachen mussten, denen es viel schlechter ging als mir.

Meine Frau und ich blieben noch ein paar Tage länger in Halifax, falls es doch noch zu Komplikationen kommen sollte. Doch ich blieb davon verschont. Während meines Leidenswegs war ich oft ein sehr reizbarer Patient. Doch meine Frau unterstützte und pflegte mich die ganze Zeit über liebevoll. Ich machte jeden Tag erkennbare Fortschritte und musste bald auch keine Schmerzmittel mehr einnehmen.

Man kann nach dem Krebs nicht weiterleben wie bisher

Ich konzentrierte mich immer stärker auf die alltägliche aber auch wichtige Aufgabe, sehr genau auf meinen Körper zu achten. Hatte ich Blut im Urin? War mein Stuhlgang regelmäßig? Musste ich meinen Katheterbeutel ausleeren? War er sauber und keimfrei? Welche Inkontinenzeinlagen würde ich in der nächsten Phase meiner Genesung tragen?

Zwei Wochen nach der Operation entfernte der Arzt den Katheter und 23 Klammern. Ich war begeistert darüber, dass ich meinen Urin so gut halten konnte. Zwei Wochen später konnte ich sogar schon wieder Auto fahren. Nach meiner Operation erfuhr ich, dass mein Prostatakrebs sich lediglich auf die Prostatakapsel beschränkt hatte und keine Metastasen gebildet hatte. Ich brauchte auch keine Bestrahlungen oder Chemotherapie mehr und
musste lediglich zu meinen Routineuntersuchungen gehen. Ich fühlte mich, als hätte ich in der Lotterie gewonnen!

Dennoch stellte ich mich auf die unangenehmen Situationen ein, die nach der Operation noch eintreten konnten. Denn letzten Endes kann man nach einer Prostatakrebserkrankung nicht mehr einfach so weiterleben, wie es
einem vielleicht gefallen würde.

Es hätte sich bestimmt nicht jeder für die Behandlungsmethode entschieden, die ich ausgewählt habe. Doch ich bereue überhaupt nichts. Meine Erfahrungen mit Prostatakrebs haben mein Leben verändert und mich auch darin
bestärkt. Durch die Krankheit habe ich gelernt, jeden einzelnen Moment meines Lebens zu genießen und zu nutzen.

Meinen Freunden ist aufgefallen, dass ich nun immer lache 

Ich bin der kanadischen Gesundheitswohltätigkeitsorganisation YMCA beigetreten und habe mir einen persönlichen Fitnesstrainer gesucht. Ich treffe mich regelmäßig mit einer Selbsthilfegruppe in meiner Nähe und stehe dem Bruder eines Freundes während seiner Prostataektomie bei. Denn ich will etwas zurückgeben, indem ich dasselbe für andere tue, was mein Mentor für mich getan hat.

Außerdem ermuntere ich alle meine männlichen Bekannten über 40 dazu, jährlich einen PSA-Test durchführen zu lassen. Durch meine eigene Erkrankung habe ich festgestellt, dass Prostatakrebs nach wie vor eine reine Männersache ist. Ich habe mich einer informellen brüderlichen Gemeinschaft außerhalb der Medizinbranche angeschlossen.

Als Veteranen widmen wir uns der wichtigen Aufgabe, unser gesammeltes Wissen über Erfahrungen mit Prostatakrebs an andere Männer weiterzugeben.
Mein Leben wird nie wieder so sein wie zuvor. Doch wenn ich so darüber nachdenke, bin ich vor allem unendlich dankbar, dass ich die Krankheit überlebt habe. Mir sind dadurch meine eigenen Prioritäten wieder viel deutlicher bewusst geworden.

Meinen Freunden ist bereits aufgefallen, dass ich immer lache. Doch ich fühle
mich auch demütig, weil ich viel mehr Glück hatte als viele andere Männer.

Dieser Text erschien ursprünglich bei der HuffPost Kanada und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.