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08/06/2018 12:56 CEST | Aktualisiert 08/06/2018 14:23 CEST

Der Tod meines Sohnes brachte mich dazu, Bestatterin zu werden

"Damals habe ich erfahren müssen, was es bedeutet, sein eigenes Kind zu beerdigen."

Oben im Video: Eine Hospitzmitarbeiterin erzählt, wie sie zu ihrem Beruf kam.

Ich bin Nicole Rinder, geboren 1972 im Schwäbischen, gelernte Zahnarzthelferin und seit Juni 2001 Bestatterin in München. Klingt ziemlich uninteressant.

Denn sowohl Arzthelferinnen als auch Bestatterinnen und Bestatter gibt es viele. Doch meine Geschichte ist ein bisschen anders als bei den meisten.

“Mein Sohn wurde nur vier Tage alt”

Für mich gibt es ein Leben vor und ein Leben nach dem 7. November 1999. In den frühen Morgenstunden dieses Herbst-Tages starb mein Sohn.

Er wurde nur vier Tage alt.

Ich selber bin durch den Tod meines Sohnes zu meiner heutigen Arbeit als Bestatterin gekommen.

Damals habe ich erfahren müssen, was es bedeutet, sein eigenes Kind zu beerdigen.

Da bin ich zum ersten Mal auf Herrn Rauch vom Bestattungsunternehmen Aetas getroffen.

Er war damals Bestatter meines Sohnes – mit ihm arbeite ich heute zusammen.

“Ich konnte mein totes Kind anziehen und einbetten”

Er ermöglichte mir bei der Beerdigung meines Sohnes unglaublich viele Dinge: Ich konnte mein totes Kind noch einmal selber anziehen, es einbetten, den Sarg gestalten.

Es durften sogar Kinderlieder bei seiner Beerdigung gespielt werden.

Bis dahin war mir eine solche Trauerfeier fremd.

Ich dachte, dass Beerdigungen nur dunkel, schwarz, trist und schwer sein dürfen.

Plötzlich sah ich alles anders.

Andere Mütter, die dasselbe erlebten, waren mir neidisch

Nach dem Tod meines Sohnes habe ich mich mit anderen Müttern getroffen, die ebenfalls ihre Kinder verloren hatten.

Als ich ihnen von der Beerdigung erzählte, waren sie neidisch auf mich. Neidisch auf das, was ich machen durfte.

Weil die anderen Frauen nicht die Möglichkeit einer so intimen Beerdigung hatten.

Da ist in mir etwas passiert. Und ich dachte mir: So darf das nicht sein.

Alle Menschen sollen die Möglichkeit bekommen, sich noch einmal konkret verabschieden zu dürfen, Dinge für den Sarg mitgeben oder die Kleidung selbst aussuchen zu können.

Da war plötzlich ein Impuls in mir. Ich wollte etwas an dieser Situation ändern.

Ich wollte diejenige sein, die es anderen Menschen ermöglicht, angemessen Abschied zu nehmen. Und ihnen auch die Angst davor zu nehmen, es zu tun.

So wurde ich zur Bestatterin

So kam es nach einigen Jahren, dass Herr Rauch mich fragte, ob ich es mir nicht vorstellen könnte, Bestatterin zu werden.

Aber ich wusste auch: Betroffenheit allein heißt noch lange nicht, zu wissen, wie ich andere Menschen in ihrer Trauer begleiten kann.

Daher habe ich eine zweijährige Ausbildung zur Trauerpädagogin gemacht.

Dort habe ich nicht nur erfahren, wie ich mit meiner eigenen Trauer umgehen, sondern auch andere Menschen darin unterstützen kann.

Inzwischen bin ich seit mehr als 17 Jahren Bestatterin.  

Ich bereite Beerdigungen vor und begleite Trauernde bei ihrem Abschied.

Außerdem leiste ich Krisen-Intervention für Kinder. Mein Team und ich betreuen speziell Kinder und Jugendliche, die zum Beispiel nach einem tragischen Unfall oder einem Suizid im Umfeld einen nahestehenden Menschen verloren haben oder Augenzeuge nach einer Gewalttat waren.

Besonders, wenn es Kinder und Jugendliche sind, die in ihren jungen Jahren so viel Schmerz ertragen müssen, kann mein Beruf hart sein. Weh tun.

Aber all das bestärkt mich in meinem Gefühl, das Richtige zu tun. Sich für eine richtige Sache entschieden zu haben.

Dann denke ich oft an Leon. Meinen Sohn, der all das nicht mehr erleben durfte.

(jds)