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07/02/2018 10:26 CET | Aktualisiert 07/02/2018 10:39 CET

Ich arbeite mit Menschen zusammen, die bald sterben werden

Dabei wuchs ich in einer Familie auf, die versuchte, den Tod geheim zu halten.

KatarzynaBialasiewicz via Getty Images
Wenn wir sterbenden Menschen zu nahe kommen, erinnert uns das an unsere eigene Sterblichkeit.

Die meiste Zeit in meinem Job verbringe ich mit unheilbar kranken Menschen. Anders formuliert: Ich arbeite mit Sterbenden. Ich begleite sie bis zu ihrem Tod. Das kann Tage, Wochen, Monate oder Jahre dauern.

Eigentlich ist es ganz einfach: Wir alle leben – und irgendwann tun wir es nicht mehr. Das zu akzeptieren, ist aber nicht immer einfach.

Ich leite das „Doula Program to Accompany and Comfort“, ein Programm für Sterbebegleitung und seelische Unterstützung. Wir bilden dort Männer und Frauen zu Sterbebegleitern aus.

Einmal wöchentlich besuchen wir jeden Patienten – bis er stirbt.

Wir versuchen, uns vor dem Schmerz zu schützen

Oft erlebte ich, wie isoliert und einsam viele Menschen am Ende ihres Lebens sind. Die Mitmenschen, denen es “gut” geht haben oft Angst davor, einen Menschen sterben zu sehen. Deshalb halten sie sich oft fern. 

Es ist verständlich: Wenn wir sterbenden Menschen zu nahe kommen, erinnert uns das an unsere eigene Sterblichkeit. Wir versuchen, uns selbst vor dem Schmerz zu schützen, den wir spüren, wenn ein geliebter Mensche stirbt.

Die Unsicherheit plagt uns. Wir wissen nicht so recht, was wir fühlen sollen. Wir wünschen uns, den Tod aufhalten zu können. Ihn zu heilen. Ihn zu verjagen.

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Mir ging es nicht anders. Auch ich musste erst lernen, mit dem Tod umzugehen.

Vor allem, weil ich in einer Familie aufwuchs, die versuchte, den Tod geheim zu halten. Tote und sterbende Haustiere wurden heimlich aus dem Haus geschafft. Wenn ein Verwandter starb, verschwanden meine Eltern für eine Weile.

Erst als Erwachsene erfuhr ich, dass hinter diesem verschwörerischen Verschwinden in der Regel eine Beerdigung stand. Später besuchte ich die Beerdigungen selbst. Aber die Details der Krankheiten, die zum Tode geführt haben, wurden verschwiegen.

Ich habe gelernt, Gespräche über das Sterben zu meiden

Meine Eltern haben mich in dieser Hinsicht geprägt. Sie haben mir beigebracht, wie man sich verhält und was man sagt, wenn jemand stirbt.  Von ihnen habe ich gelernt, Gespräche über das Sterben zu meiden.

Ich erinnere mich an eine Situation mit meiner Großmutter. An ihrem 83. Geburtstag lag sie angezogen auf ihrem gemachten Bett, die Hände auf der Brust gefaltet.

“Ich will zu Benjamin“, sagte sie leise. Mein Großvater war sechs Monate zuvor gestorben. Das wusste ich, weil ich damals auf seiner Beerdigung war.

Mein Vater sagte daraufhin so etwas wie: “Sag das doch nicht so ... “

Weil ich sie aufmuntern wollte, rief ich dazwischen: “Es ist dein Geburtstag, lass uns Spaß haben!”

Sie ließ sich schließlich dazu überreden, ihr Schlafzimmer zu verlassen. Das war ein Erfolg für mich – denn so konnte ich das traurige, unangenehme Thema umgehen.

Heute wünsche ich mir, ich hätte mich damals zu ihr gesetzt und sie gefragt, was sie damit meinte. Direkt mit ihr gesprochen.

Was wäre wohl passiert, wenn ich sie gefragt hätte, wie ich ihr helfen könnte? Wenn ich ihr gesagt hätte, ich wüsste nicht, was ich sagen soll? Wenn ich einfach nur zugehört hätte?

Ich glaube heute: Wir hätten dann trotzdem Spaß gehabt.

Der erste Mensch, den ich beim Sterben begleitete, war meine Mutter

Über die Jahre hinweg fand ich jedoch die richtigen Worte. Ich lernte, wie ich mich auf diesem fremden, unangenehmen Territorium bewegen sollte. Ich lernte, auf Gespräche einzugehen, bemühte mich sogar, sie entstehen zu lassen.

Der erste Mensch, den ich schließlich beim Sterben begleitete, war meine Mutter. Ich verbrachte mit ihr Stunden in einer Art Schwebezustand. Ich konnte sie nur bis zu einem gewissen Punkt begleiten. Ihr letzter Atemzug war der tiefste. Dann fühlte ich, dass sie “gegangen“ war.

Zu meiner jetzigen Tätigkeit kam ich dann durch meine Arbeit als Sozialarbeiterin in Hospizen und Krankenhäusern. Es war für mich dabei immer sehr bedeutsam, Menschen zu treffen, die das Ende ihres Lebens mit mir teilten.

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Manche Menschen, die spüren, wie sie sich dem Tode nähern, haben das Gefühl, sich wappnen zu müssen. Deswegen bitten sie um Hilfe. Allen, die sich bisher an mich gewendet haben, habe ich versichert, dass sie diese Hilfe bekommen würden.

Ich lerne immer noch dazu und lehre gleichzeitig anderen, wie sie einen Menschen kennenlernen, während seine Krankheit voranschreitet. Wie sie die richtigen Worte finden.

Es gibt jedoch immer wieder Tage, an denen ich mir all das selbst vorhalten muss.

Sie bemerkte, dass sie neugierig auf den Tod war

Einmal saß ich mit einer Frau zusammen, von der ich überzeugt war, dass sie sich auf einen verstorbenen Verwandten konzentrierte, weil sie die ganze Zeit an die Decke starrte. Dann sagte sie: “Da ist ein großer Riss in der Decke.“

Viele Dinge sind eben anders, als du denkst.

Einige Menschen, mit denen ich Zeit verbracht habe, wollten unbedingt reden. Über das Wetter, Bücher, Fernsehsendungen, Freude, Trauer, Erwartungen, Schmerz, Tod und Lebenserfahrungen. Über Alltägliches und Besonderes.

Vor einigen Jahren besuchte ich einen Mann, der endgültig seinen Appetit verloren hatte. Er erzählte mir von einem Nachmittag, an dem er ein Salamisandwich mit “gutem Senf“ und “gutem Brot“ gegessen hatte. An das Alltägliche und das Besondere – daran erinnern sich Menschen scheinbar gleichermaßen.

Jean, eine Frau, die in ihren letzten Lebensmonaten noch Kantonesisch lernte, bemerkte eines Tages, dass sie neugierig auf den Tod war. In unserem letzten Gespräch sagte sie, dass sie sich fragte, was wohl passieren würde, nachdem sie sterbe. Sie meinte: “Das habe ich ja noch nie gemacht.“

Je weiter die Krankheit voranschreitet, desto weniger kann der Mensch

Andere waren sich sicher, dass sie sich denjenigen anschließen würden, die vor ihnen gestorben waren.

Ein Mann, den ich vor kurzem getroffen habe, meinte, es müsse ja ganz schön voll sein “da oben“, wenn alle mit ihren sterblichen Körpern in den Himmel kämen. Er schlussfolgerte also, während er seine Hände sanft durch die Luft bewegte: “Wir alle müssen wie ein Windhauch sein, damit wir Platz finden.“

Er sprach darüber, dass er merke, wie er immer schwächer werde. Als ich ihn verließ, umklammerte er seinen Gehstock.

Ich bemerkte, dass er seine Socken verkehrt herum angezogen und sich die Gumminoppen, die eigentlich an die Fußsohlen gehörten, auf den Span gedreht hatten. Ich war traurig. Ich habe mich gerne mit ihm unterhalten. Ich werde ihn vermissen.

Es ist auch für mich nicht immer einfach.

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Ich weiß: je weiter die Krankheit voranschreitet, umso weniger kann der Mensch. Er wird abhängiger von anderen, auch bei simplen Alltagsaufgaben.

Er braucht Hilfe, weil er sich nicht mehr um sich selbst kümmern kann. Er verliert die Fähigkeiten, sich anderen anzuschließen, neue Menschen kennenzulernen und Verbindungen zu knüpfen.

Wir brauchen es, von anderen Menschen wahrgenommen zu werden

Doch viele Menschen, denen es gut geht, wollen das nicht hören. Ich vergesse manchmal, dass man über solche Themen einfach nicht spricht.

Ich bin nicht auf jeder Party ein gern gesehener Gast. Meine Gesprächspartner flüchten manchmal an die Bar und kommen in der Regel nicht zurück.

Für mich gehört der Tod jedoch dazu. Ich denke deshalb oft darüber nach, was Lebensqualität für mich bedeutet. Wie ich mein Leben führen möchte.

Wichtig ist mir ein schmerzfreies Leben. Auch auf zwischenmenschliche Beziehungen kann ich nicht verzichten. Wir brauchen es, von anderen wahrgenommen zu werden – in jedem Alter und in jeder Lebensphase.

Deshalb sorge ich dafür, dass sterbenden Menschen nicht alleine sind.

Amy Levine ist Leiterin des „Doula Program to Accompany and Comfort“. Der Beitrag erschien zuerst bei Huffpost US und wurde von Agatha Kremplewski übersetzt und dem Verständnis angepasst.