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19/01/2019 13:46 CET | Aktualisiert 19/01/2019 13:46 CET

Hypersensibilität: Ein Plädoyer für mehr Gefühl im Alltag

So überleben Hypersensible in der Leistungsgesellschaft.

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"Für einen ultrasensiblen Menschen stellt sich die Frage: Wie kann ich ich selbst sein und meine einzigartige Sensibilität ausleben?"

Saverio Tomasella ist Doktor der Psychologie, Schriftsteller und Aktivist für Hypersensibilität. In der HuffPost schreibt er darüber, welche besonderen Herausforderungen die Leistungsgesellschaft an Hypersensible stellt. 

Die so genannten “entwickelten” Gesellschaften sind paradox und produzieren große Widersprüche. Die modernen Kulturen bestehen größtenteils aus Meinungsfreiheit, einem Leistungswettrüsten, Körperkult, Digitalisierung, der Betonung des Einzelnen und des Individualismus, einer blinden Unterwerfung durch “wissenschaftliche Objektivität” oder “Technik” und der gleichzeitigen Ausbreitung verschiedenster Arten von Aberglauben und so weiter.

Eine Gesellschaft, der Sensibilität fehlt

Für den Psychiater Christophe André ist Hypersensibilität gleichzeitig Folge und Rettung einer “hyposensiblen”, also einer unsensiblen, Gesellschaft.

Manche lehnen die Existenz von Hypersensibilität ab. Die einen glauben, dass jeder von uns je nach Umständen mal mehr, mal weniger sensibel ist, was auch stimmt. 

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Andere behaupten, dass es keine Hypersensibilität gibt und nur zählt, wie jeder seine Sensibilität zeigt, was auch stimmt. Trotzdem ist eine erhöhte Sensibilität, die mit der herrschenden Mehrheit im Konflikt steht, Realität, wie die untenstehende Tabelle zeigt. 

Scherzhaft könnte man also sagen, dass diejenigen, die euch Weicheier nennen oder euch vorwerfen, dass ihr zimperlich seid, euch unterdrücken. Was leider auch stimmt. 

Das erlaubt die Situation umzudrehen und die Wahrheit wiederherzustellen. Denn nicht Sensibilität ist das Problem, sondern in sehr viel stärkerem Maße das Fehlen von Sensibilität.

Für einen ultrasensiblen Menschen stellt sich also die Frage: Wie kann ich ich selbst sein und meine einzigartige Sensibilität ausleben?

Das ist eine viel bessere Frage als “wie kann ich akzeptiert werden, obwohl ich hypersensibel bin?”, weil ihr sonst riskiert, sehr lange warten zu müssen, bis ihr euch akzeptiert fühlt. 

“Ein falsches Selbst” konstruieren

In Wirklichkeit hegen wohl fast alle Hypersensiblen den Wunsch, akzeptiert zu werden. Für sie besteht die Gefahr, sich an andere und deren soziale Normen anzupassen und dabei ihre Persönlichkeit zu verlieren. 

Bestimmte Psychoanalytiker nennen dieses Phänomen “ein falsches Ich” oder “ein falsches Selbst” konstruieren. Das heißt, dass man sich zwingt, sich anzupassen, sich zu “normalisieren” und zu versuchen, jemand anderes zu werden, um dem zu entsprechen, was andere erwarten, fordern oder vorgeben.

Deshalb vergeuden Hypersensible oft viel Zeit und Kraft dafür, in der Kultur der anderen zu leben, in Kategorien der anderen zu denken und sich in der Sprache der anderen auszudrücken. Diese ständige Anstrengung hat gewaltige Auswirkungen auf ihr Leben, inklusive ihrer Intimsphäre, Freundschaften, Liebesleben und Sexualität. Sehr sensible Menschen verlieren dabei ihre Orientierung und ihre Spontanität. 

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Jeder Hypersensible ist einzigartig

Hypersensible fühlen sich oft wie Puppen oder Marionetten. Sie leiden enorm. Doch diese Schmerzen rühren nicht von ihrer großen Sensibilität her, sondern von dem, was sie durchmachen, um mit anderen zu leben und davon, dass sie darauf verzichten, sie selbst zu sein. Dieser unnötige Verzicht lässt sie leiden, nicht ihre starke Sensibilität.

Der französische Philosoph, Forscher und Psychoanalytiker Carlos Tinoco fasst diesen Drahtseilakt, seine Sensibilität gegenüber der falschen gesellschaftlichen Standards zu erhalten, sehr treffend zusammen:

“Bei Hypersensibilität stellt sich nicht nur die Frage nach der Menge und Stärke der Sensibilität, sondern vor allem nach der Komplexität der Gefühle, der Unruhe der Emotionen und ihren Abweichungen von den Erwartungen des Umfelds und der Gesellschaft, die oft eine eindeutige, einheitliche Emotion fordern.”

Weil jeder Fall von Hypersensibilität spezifisch ist, ist jeder Hypersensible einzigartig darin, sein empfindliches Gleichgewicht zu finden: die Balance zwischen dem, was er ist, und dem, was er glaubt, sagen oder tun zu müssen, um seinen Platz in der Welt zu finden – sprich um zu arbeiten, zu lieben und, wenn möglich, zu erschaffen. 

Das Schicksal von Hochsensiblen

All diese Fakten zeigen unbestreitbar, dass die gängigen Beschreibungen von hoher Sensibilität gefährlich, falsch und irreführend sind. Die Ausprägungen von Hypersensibilität sind unendlich.

Einige sind überraschend. Statt in einem kreativen Beruf aufzublühen, zum Beispiel als Künstler, in der Bildung oder Kommunikation, gibt es andererseits auch einige extrem sensible Menschen, die sich radikal vor ihrer Sensibilität schützen und sie abstreiten – vor sich selbst und anderen. 

Das Risiko, sich von sich selbst zu entfremden, indem man seine Sensibilität leugnet, wird durch die puritanische Forderung nach einer unpersönlichen, reinlichen Kultur gefördert. Sie verlangt, dass wir unsere Emotionen “kontrollieren” und “managen”, dass wir unsere Fassade aufrecht erhalten und dass wir widerstandslos in einer Masse anonymer Klone ohne Ecken und Kanten aufgehen und zu programmierbaren, leistungsfähigen und unterwürfigen Robotern werden.

Hypersensible aller Länder, vereinigt euch!

Damit kommen wir schon zum herausragenden politischen Charakter der Verteidigung der Hypersensibilität und allgemein der Sensibilität – einem sozialpolitischen Kampf, der genauso wichtig ist wie der Feminismus und der Kampf der LGBT-Community. 

Denn diese Gesellschaft, die so fixiert darauf ist, “normal” zu erscheinen, zielt darauf ab, unsere Subjektivität, unsere Wünsche und unser freies Leben zu zerstören. Ein intelligenter und organisierter Widerstand dagegen ist heute notwendiger denn je, um unsere Haut und unsere Leben, kurz, um unsere Menschlichkeit zu retten!

Wie kann man in so einem Kontext seine Sensibilität ausleben? Wir sollten sie unerbittlich und in all ihren Formen bekräftigen. Denn wir sollten uns nicht an die Menschen anpassen, die aufgegeben haben oder an die, die den verrückten Forderungen des Systems nachgeben. Um stärker zu werden, sollten wir zusammenkommen, unsere Erfahrungen teilen und uns gegenseitig unterstützen. Deshalb wurde der Tag der Hypersensibilität ins Leben gerufen, der jedes Jahr am 13. Januar stattfindet. 

Wir sollten uns nicht länger verstecken, es ist höchste Zeit, dass wir frei werden!

Hypersensible aller Länder, vereinigt euch!

Dieser Text erschien ursprünglich in der französischen Ausgabe der HuffPost und wurde übersetzt von Moritz Diethelm.  

(ak)