ELTERN
14/09/2018 16:47 CEST | Aktualisiert 14/09/2018 17:03 CEST

Hunderte Mädchen und Jungen berichten, wie sie in der Schule erniedrigt wurden

Bei Twitter verschaffen sie sich unter dem Hashtag "bullyme" Gehör.

AndreaObzerova via Getty Images
Eine Schülerin, Symbolbild.

Kinder können grausam sein.

Es ist eine Binsenweisheit, die immer wieder bemüht wird, wenn es um Mobbing an Schulen geht. Dem Ausmaß des Problems wird sie freilich nicht gerecht.

Denn Mobbing ist mehr als kleine Grausamkeiten, als Hänselei unter Gleichaltrigen. Mobbing ist eine Erfahrung, die viele Kinder und Jugendliche traumatisiert hinterlässt und ihr Leben lang begleitet. Nahezu jeder Fünfte Schüler ist laut der Pisa-Studie mehrmals im Monat von körperlicher oder seelischer Misshandlung durch Mitschüler betroffen.

Unter dem Hashtag “bullyme” berichten hunderte Jugendliche bei Twitter gerade über das, was sie an der Schule erleben oder erlebt haben. Wir haben einige der eindrucksvollsten und erschütterndsten Erfahrungen gesammelt.

1. Die Panik vor der Gruppenarbeit

 Eine Betroffene berichtet von ihrer Panik, sobald der Lehrer zur “Gruppenarbeit” aufrief.

Sie schreibt: “Genervte Mitschüler, wenn man einer Gruppe zugeteilt wurde. Unfähigkeit einzuschätzen, wer ernsthaft nett ist und wer einen verarscht. Freizeit auf Klassenfahrt allein im Bett. Fake Liebesbriefe an mich um mich bloßzustellen.” 

2. “Penis und Goebbels”

Eine heute 20-Jährige berichtet: “Es hat schon im Kindergarten begonnen - Ich war sehr ängstlich, zurückhaltend, habe die Klamotten von meinem Bruder getragen. Ich hatte eine beste Freundin, nennen wir sie Paula, wir waren unzertrennlich aber sie war anders. Selbstbewusster, selbstständiger als ich”.

Sie sei auch in der Grundschule ausgegrenzt worden –  “aufgrund meiner blassen Haut, meines Aussehens und meiner Schüchternheit”. Eines Tages habe sie einem Jungen einen Liebesbrief geschrieben. 

“Er hat diesen Brief der gesamten Klasse vorgelesen. Paula war nicht auf meiner Seite. Meine Mom hat mir oft Sachen gestrickt die ich auch in der Schule getragen haben - sie wurden herum geworfen. Ich war öfters krank, niemand hat mir geglaubt, dass mir wirklich schlecht ist.”

Ihre Mutter habe ihr dann die Haare kurz geschnitten. Die Hänseleien wurden stärker. An der Oberschule sei sie “Penis” und “Goebbels” genannt worden. Die Lehrer hätten nie geholfen.

Sie schreibt: “Mir wurde mit Prügel gedroht, ich wurde von 8 Lernenden umzingelt und bedroht, und das nur weil ich ein Mädchen verteidigt habe. Eine Mitschülerin hat mir gesagt, dass es an meinem Atheismus liegt.”

“Das Klassenzimmer. Ich wurde geschubst, bin hingefallen und hab mir das Handgelenk verletzt. Also bin ich zum Lehrer gegangen, heulend. Er hat mich nur angegrinst.” 

3. Auch nach Jahren Angst vor Jugendlichen

Eine Twitter-Nutzerin schreibt, heute sei sie 36 Jahre alt.

Doch noch immer fühle sie sich wie 12, wenn sie Teenagern begegne. “Fühle Blicke, höre Getuschel, sehe Spott in den Gesichtern. Fürchte mich, mich zu nähern.” Sie meide sogar Geschäfte zu Stoßzeiten, besonders in den Schulferien.

4. “Es hat mein Vertrauen beeinträchtigt”

Ein Mädchen berichtet, sie sei auf der Toilette eingesperrt worden, Mitschüler hätten sie gezwungen, Pflanzen vom Hof zu essen. “Ich durfte mit dem Kopf unterm verschwitzten Arm des Mitschülers hängen und mir anhören, wie leicht es doch wäre, mir jetzt das Genick zu brechen”, schreibt sie.

Noch heute spüre sie die Folgen. “Es hat mein Vertrauen gegenüber Menschen nachhaltig beeinträchtigt, aber ich habe mich trotz allem erstaunlich gut entwickelt, denke ich.”

5. Lehrerin stellte Jungen bloß

 Ein Nutzer schildert ähnliche Erfahrungen.

“Bezeichnungen wie Schwuchtel, Bohnenstange, Wasserleiche, Missgeburt und Fehler waren an der Tagesordnung”, schreibt er. Auch er sei auf dem Schulklo eingesperrt worden.

“Man hat mir volle Wasserflaschen an den Kopf geschmissen. Mir wurde ins Essen gespuckt, wenn man es mir nicht geklaut hat.”

Besonders eine Situation habe seine Schulzeit geprägt. “Am Vatertag in der 6. Klasse habe ich geweint, weil ein paar Tage zuvor mein Vater sturzbesoffen zu meinem Geburtstag gekommen ist und die Lehrerin meinte ich solle leise heulen und hat mich meine Situation dann Minuten später vor der Klasse erzählen lassen.”

Danach sei er jahrelang als der bekannt gewesen, dessen Vater ein “liebloser Alkoholiker” war. 

6. Depressionen und soziale Phobie

 Auch eine junge Frau schreibt über ein ähnliches Fehlverhalten einer Lehrerin.

“Es fing in der ersten Klasse an, als die Klassenlehrerin vor der ganzen Klasse ein Blatt zerrissen hat und mich vor der ganzen Klasse bloßgestellt hat. Ich wurde jeden Tag als dumm und hässlich betitelt.”

Auch auf der weiterführenden Schule habe ein Lehrer sie vor der ganzen Klasse bloßgestellt. Das Ergebnis: “Ich kämpfe seither gegen Depressionen und hab dadurch eine soziale Phobie entwickelt.”

Viele Lehrer scheinen diese Probleme kleinzureden.

Ein Jugendlicher berichtet von den Reaktionen seiner Lehrer: “Kinder sagen so etwas doch nur, die meinen das nicht so.”

7. Späte Reue

Einige Nutzer berichten auch über gute Erfahrungen, die sie nach einer langen Phase des Mobbings gemacht haben.

Eine 21-Jährige zeigt den Screenshot einer Nachricht, die ihr ein ehemaliger Mitschüler geschrieben habe. “Mir ist aufgefallen, dass ich früher immer sehr gemein zu dir war”, schreibt der.

“Ich weiß, das ist damit nicht getan und vergessen, aber ich finde, du solltest das wissen. Das Verhalten von mir ging überhaupt nicht. Eigentlich warst du, wenn ich so zurückdenke, sogar weitaus cooler als die meisten.”