POLITIK
23/06/2018 17:58 CEST | Aktualisiert 25/06/2018 11:22 CEST

Soziologin: "Ich wäre vorsichtig damit, AfD-Wähler vorschnell zu dämonisieren"

HuffPost-Podcast – Folge 2: Julia Gabler.

Paul Glaser
Soziologin Julia Gabler

Es ist ein Phänomen, das überall in den neuen Bundesländern zu beobachten ist: Junge Menschen, vor allem junge Frauen, verlassen die ostdeutsche Provinz in Richtung des Westens oder der Metropolen.

Doch die Gründe dafür haben sich verändert, wie Julia Gabler, Soziologin an der Hochschule Zittau/Görlitz, im neuen HuffPost-Podcast “Borschtsch und Bananenweizen” erzählt.

Es seien nicht mehr ausschließlich die schlechteren Jobchancen oder die niedrigere Bezahlung, wie noch in den 1990er Jahren. “Da die junge Altersgruppe schmaler geworden ist, finden die jungen Menschen keine Anschlüsse mehr”, betont Gabler. “Man trifft nicht mehr seinesgleichen.” Damit werden die Anreize, in der Heimat zu bleiben, immer weniger.

Die Soziologin hat sich in den vergangenen drei Jahren intensiv mit dem ländlichen Raum, seinen Problemen und Chancen beschäftigt, insbesondere mit dem Landkreis Görlitz, ganz im Osten der Republik. Die Region hat wie viele nach und nach an Relevanz verloren. Erst wanderte die Industrie ab, dann wurde die Infrastruktur zurückgebaut. Für Gabler erklärt das auch den Wahlerfolg der AfD.

Der HuffPost-Podcast:

  • In unserem Podcast “Borschtsch und Bananenweizen” spricht HuffPost-Redakteur Marco Fieber mit Vertretern aus Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Kultur über Ostdeutschland, die dortigen Probleme und Herausforderungen, aber auch Besonderheiten und Erfolge.
  • In den jeweils samstags erscheinenden Folgen reden wir über die Unterschiede, die es noch immer zwischen Ost und West gibt, und was die Menschen in den neuen Bundesländern bewegt. 
  • Wir wollen aber mit unseren Interviewpartnern auch darüber sprechen, was den Osten so einzigartig und besonders macht.

Wahlentscheidung für die AfD “nicht vorschnell dämonisieren”

Die Politik habe die Themen und Bedürfnisse der ländlichen Gesellschaft einfach nicht mehr angemessen abgebildet, bemerkt Gabler mit Blick auf Görlitz. Die Wahlentscheidung für die AfD sei letztendlich der politische Ausdruck davon.

Doch Gabler warnt: “Ich wäre vorsichtig damit, vorschnell zu dämonisieren, dass deshalb dort unmoderne Menschen am Werk sind.” Damit werde nur die Marginalisierung bestätigt  – und verdrängt, dass es eine gesellschaftspolitische Vormachtstellung von Großstädten gebe. “Dort wird diktiert, was in Zukunft passieren soll”, sagt Gabler.

Das sei der falsche Weg. Sie empfiehlt, sich dem ländlichen Raum viel deutlicher zuzuwenden. Gabler weiß, welche welche Faktoren und Institutionen es vor Ort braucht, damit auch junge Frauen kommen – und auch bleiben.

Das gesamte Interview hört ihr unten im Podcast oder auf Spotify: