POLITIK
04/09/2018 17:37 CEST | Aktualisiert 05/09/2018 17:01 CEST

Was ich erlebte, als ich das Anti-Rechts-Konzert in Chemnitz kritisierte

"Seit Jahren streite ich gegen rechts, den schlimmsten Shitstorm bekam ich jetzt von Linken."

SEBASTIAN KAHNERT via Getty Images

Gestern Abend fand in Chemnitz unter dem Motto ”#wirsindmehr” ein Konzert gegen den Aufmarsch von Rechts statt, denen die sächsische Stadt in den letzten Tagen ausgesetzt war.

Als Reaktion auf die Tötung des 35-jährigen Daniel H. durch einen Asylbewerber zogen sogenannte “besorgte Bürger” völlig hemmungslos neben Rechtsextremisten bis hin zu Neonazis mit Hitlergruß durch die Stadt.

Die AfD wiederum hielt am letzten Samstag einen “Schweigemarsch” ab, zu dem sie gemeinsam mit der “Pegida”-Bewegung aufgerufen hatte. Vorne vorweg liefen der Thüringer AfD-Kopf Björn Höcke und der brandenburgische AfD-Chef-Andreas Kalbitz, der auf dem letzten “Kyffhäusertreffen” des neurechten “Flügels” der AfD gezeigt hat, dass er ebenso radikal wie Höcke reden kann. Die rechtsradikale “Pro Chemnitz”-Bewegung schloss sich diesem Schweigemarsch ziemlich schnell an.

Im Video: So schwach antwortete Wagenknecht auf die Vorwürfe zu Chemnitz.

Wir brauchen eine positive Gegenbewegung

Keine Frage, es ist in Chemnitz, in Sachsen und auch sonst in Deutschland etwas gewaltig ins Rutschen geraten. Rechtradikales, rechtsextremes Denken und flagranter Ausländerhass werden zunehmend offener gezeigt.

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Das fordert die Zivilgesellschaft heraus. Was ist zu tun? Flagge zeigen, Gesicht zeigen, präsent sein. All das ist unbedingt erforderlich.

Damit klar wird, dass spontane Zusammenrottungen von “besorgten Bürgern”, Rechtsradikalen und Rechtsextremisten, wie in Chemnitz geschehen, keinesfalls die Mehrheit der Gesellschaft repräsentieren.

Doch wie?

Am besten durch eine positive Gegenbewegung, die die Köpfe und die Herzen derjenigen zurückgewinnen will, die in das rechte Denken abgeglitten sind und dessen Feindbildkarussel mehr oder weniger vollständig adaptiert haben.

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Das “antifaschistische” Milieu hilft dem Kampf gegen Rechts nicht

Teil dieses Feindbildkarussels sind die Antifa beziehungsweise “antifaschistische” Bewegungen. Im Gegensatz zu dem irrationalen Hass auf “Altparteien”. “Lügenpresse” und “muslimische Invasoren” sind die Vorbehalte gegenüber dem sich selbst als “antifaschistisch” etikettierenden Milieu allerdings nicht vollkommen aus der Luft gegriffen. Zwar ist dieses durchaus heterogen, umfasst aber nun einmal auch linksradikale Kreise.

Von diesem wiederum bedienen manche sich durchaus inakzeptabler Methoden. Davon wissen vor allem viele AfD-Mitglieder ein Lied zu singen, wenn ihnen wieder einmal bereits zugesagte Vermietungen von Veranstaltungsräumen gekündigt werden, weil die Einschüchterungsversuche von “Antifaschisten” gegenüber den Vermietern zu massiv wurden.

► Deshalb sollte man sich, wenn man ernsthaft dafür kämpfen möchte, nach rechts gedriftete Bürger wieder für die Mitte zurückzugewinnen, nicht mit dem “antifaschistischen” Milieu im obigen Sinne gemein machen und auch nicht dessen Parolen übernehmen.

Dazu gehört etwa der Spruch “Alerta, Alerta, Antifascista”. Ursprünglich stammt er aus dem italienischen Widerstand gegen Benito Mussolini. Heute wird er vor allem auf Demonstrationen der Antifa und sonstiger “antifaschistischer” Bewegungen skandiert.

Leider bildete der Spruch auch den Abschluss des gestrigen ”#wirsindmehr”-Konzerts. Nach dem Auftritt der “Toten Hosen” als Schlussakt kam eine Dame auf die Bühne und rief der Menge “Alerta, Alerta, Antifaschista” zu.

So bleibt ein schaler Beigeschmack. Das ist schade.

Denn die Masse der Konzertbesucher war beeindruckend. Über 65.000 Menschen waren vor Ort. Weitaus mehr, als auf den rechten Demos in Chemnitz anzutreffen waren. Ein tolles Zeichen. Ein wichtiges Zeichen. Und eine Form von Empowerment. Denn wenig gibt Menschen ein so starkes Gefühl des Zusammenhalts wie Musik.

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Wer aber glaubt, unter Rekurs auf eine Parole aus dem “antifaschistischen” Milieu auch nur ansatzweise Menschen zu erreichen, die sich von den Rechtsradikalen haben verführen lassen, irrt.

Der Effekt dürfte ziemlich sicher eher gegenteilig sein. Und auf Leute aus der bürgerlichen Mitte wirkt der Spruch “Alerta, Alterta, Antifascista” ebenfalls abschreckend, weil sie mit radikal linken Strömungen ebenso wenig zu tun haben wollen wie mit radikal rechten.

Damit kein Missverständnis entsteht: nichts gegen linke Protestformen, nichts gegen ein durch die Auswahl der Bands eher linksgerichtetes Konzert. Aber so wie es lief war es kein Protest gegen Rechts, sondern gegen alles, was nicht links ist. 

Das musste ich selbst erfahren, nachdem ich auf Twitter darauf aufmerksam gemacht habe. Auf meinen Tweet folgte ein Shitstorm von links, wie ich ihn von rechts noch nicht erlebt habe. 

Dabei ist es wichtig, dass Menschen aus allen möglichen politischen Richtungen gegen die Ausbreitung des rechten Gedankenguts aufstehen, gerade auch um diejenigen, die früher mal zu ihnen zählten, dann aber rechts wurden, zurückzugewinnen.

Dabei sollte man aber in der Wahl der Mittel, und dazu gehören auch die Parolen, sehr besonnen sein.

Wer “Alerta, Alterta, Antifascista” ruft und damit einen Spruch verwendet, der auch unter Linksradikalen beliebt ist, sollte nicht glauben, damit Menschen zu erreichen, die rechtsradikal geworden sind.

Um Letzteres muss es aber vorrangig gehen, will man verhindern, dass radikal rechtes Denken in Sachsen und anderswo irgendwann mehrheitsfähig wird.

(ben)