LIFE
05/01/2019 13:06 CET

Hört auf, mich dafür zu verurteilen, dass ich keinen Alkohol trinke

"Anscheinend ist es normal in unserer Gesellschaft, dass Menschen, die keinen Alkohol trinken, an den Pranger gestellt werden dürfen."

kieferpix via Getty Images

Ich trinke keinen Alkohol. Ich bin noch nie verkatert aufgewacht.

Und obwohl ich aus Spanien komme, wo Alkohol unweigerlich zum gesellschaftlichen Leben dazugehört, habe ich Spaß und gehe sogar bis 7 Uhr morgens aus, ohne das Bedürfnis nach Alkohol zu haben. Die Entscheidung, nicht zu trinken, ist rein persönlich, aber meiner Meinung nach ist es eine gesunde Wahl, die es verdient, gefeiert zu werden.

Doch jedes Mal, wenn mir jemand ein Glas Wein anbietet und ich es ablehne, ernte ich neugierige Blicke und einige irritierende Reaktionen. Sie reichen von völlig Fremden, die behaupten, ich müsse eine sehr langweilige Person sein bis hin zu PR-Beratern, die mich fragen, ob ich abhängig war.

Irgendwie scheint es sozial akzeptiert zu sein, jemanden an den Pranger zu stellen, nur weil er nicht trinkt.

Schon als Teenager erkannte ich, dass ich es nicht nötig habe zu trinken. Mit 14 Jahren bekam ich aufgrund einer Helicobacter-pylori-Infektion eine schwere Gastritis. Während ich Medizin einnahm, musste ich auf eine sehr schonende Ernährung achten und durfte keinen Tropfen Alkohol trinken.

Als die meisten meiner Freunde anfingen, am Wochenende auszugehen und sich hemmungslos zu betrinken, um Spaß zu haben, musste ich einen Weg finden dazuzugehören, ohne meine Gesundheit zu gefährden.

Die Angst, als Partymuffel zu gelten

Wenn ich der Tatsache, aufgrund einer kontaminierten Mahlzeit krank zu sein, eine positive Seite abgewinnen soll, dann die, dass ich keine Lust auf Alkohol entwickelt habe. Trotzdem wollte ich nicht aus der Freundesgruppe ausgeschlossen werden oder als Partymuffel gelten.

Wenn ihr denkt, dass eure Teenagerjahre verwirrend waren, dann fügt dem noch hinzu, dass ihr so tun musstet, als würdet ihr trinken. Gab es Wodka auf der Party? Ich würde ihn unter dem Vorwand ablehnen, dass mir nur Rum einen ordentlichen Kick gab.

Brachten meine Freunde ihren eigenen Alkohol mit? Ich würde meinen Flachmann mitbringen, der mit verdünntem Sirup gefüllt war, der so stark roch, dass er als Alkohol durchgehen konnte.

Irgendwann wurde mir klar, dass es keinen Sinn ergab, so zu tun, als sei ich cool. Ich fand eine neue Freundesgruppe, die verstand, dass ich einfach nicht trinken konnte. Und ich achtete darauf, dass es genügend alkoholfreie Getränke gab, wenn wir bis in die frühen Morgenstunden unterwegs waren.

Menschen, die nicht trinken, werden an den Pranger gestellt 

Es dauerte drei Jahre, bis ich mich von der H.-pylori-Infektion und ihren Folgen erholt hatte. Mit 17 Jahren war ich noch nie betrunken gewesen. Die wenigen Schnäpse, die ich je probiert hatte, fühlten sich an, als würden sie mir das Innere bei lebendigem Leib verbrennen.

Ich erkannte, dass Alkohol nicht schmeckt. Meine logische Schlussfolgerung war, dass es besser sei, nüchtern zu bleiben. Ich hatte es geschafft, meine Teenagerjahre absolut ohne Alkohol zu überstehen und hatte immer noch
eine lustige Gruppe von Freunden und einen reizenden Freund. Also ging ich davon aus, dass die Erwachsenenwelt ein wenig reifer auf meine Entscheidung reagieren würde. Junge, lag ich falsch!

Zeitsprung zur New York Fashion Week im vergangenen Jahr. Ich wurde nachmittags zu einer Veranstaltung eingeladen, weil ich über mehrere Shows berichtete. Nachdem meine Freundin und ich von der Gastgeberin begrüßt worden waren, bot uns die PR-Frau der Marke etwas zu trinken an.

Meine Freundin wählte Wein, und ich bat um einen Softdrink. Die Sprecherin sagte, sie hätten keine Erfrischungsgetränke. Ich könne aber zwischen vier Sorten Wein und Wodka wählen. Ich sagte, dann würde ich ein Glas Wasser nehmen. Oh, dieser Gesichtsausdruck.

“Sie sind wohl trockene Alkoholikerin!”

Sie begann, mich zu löchern, warum ich die anderen Getränke nicht
wolle. Ich sagte ruhig, dass ich einfach keinen Alkohol trinke.

“Ah, Sie sind eine trockene Alkoholikerin!“, rief sie regelrecht. Bis heute verstehe ich nicht, was sie dazu gebracht hat zu denken, es sei in Ordnung, laut
herauszuschreien, was für einige Leute sehr privat ist. Nachdem ich drei Jahrzehnte ohne Alkohol und zehn Jahren in der Branche verbracht habe, hätte ich damit wirklich nicht gerechnet.

Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Zu Beginn meiner Karriere entschieden meine Chefs, dass die gesamte Abteilung über die Feiertage an einer Teambuilding-Maßnahme teilnehmen müsse. Schön und gut. Welches Gift sie dazu wählten? Eine abendliche Weinprobe.

Ich erklärte ruhig, dass ich gerne mitginge, aber da ich nicht trinke, könne ich nicht an der eigentlichen Verkostung teilnehmen. Der Büroleiter murmelte etwas von wegen ich sei ein Spielverderber.

Warum ist mein Nein zu Alkohol so unangenehm für euch? 

Bei der Veranstaltung selbst versuchte der Workshop-Leiter die halbe Zeit, mich zu nötigen, den verdammten Wein zu trinken. Versteht ihr, was es bedeutet, in Gesellschaft nüchtern zu sein? Das ist für mich wie Weihnachten und Ostern zusammen. Die Wahrheit ist, dass nüchtern zu bleiben genauso wie Alkoholkonsum nur eine von vielen persönlichen Entscheidungen ist. Ähnlich wie die Entscheidung für vegane Ernährung, Sport, Recycling oder eine Karriere.

Ich trinke keinen Alkohol, aber es macht mir nichts, wenn ihr, meine
Freunde, meine Familie oder meine Arbeitskollegen es tun. Ehrlich gesagt interessiert mich nichts weniger.

Warum ist mein Nein zu Alkohol so unangenehm für die Menschen um mich herum, dass sie mich mit Fragen löchern, um zu verstehen, warum ich einen Softdrink vorziehe, während sich alle anderen an der Bar betrinken?

Obwohl ich sehr gerne antworten würde, dass es sie wirklich einen Sch***dreck
angeht, verlangen die Konventionen, dass ich die vielen Gründe, warum ich Alkohol nicht mag, wohlwollend erkläre. Aber ich bin es leid. Ich war noch nie betrunken; kommt darüber hinweg.

Lasst Menschen ihre eigenen Entscheidungen treffen

Zur Wahrheit gehört auch, dass ihr nicht wisst, was gerade im Leben eines Menschen vorgeht, wenn ihr ihn fragt, warum er oder sie nicht trinkt. Ein Mensch kann aus vielen verschiedenen Gründen nüchtern bleiben.

Der niedliche Typ könnte mit den anderen vereinbart haben, an dem Abend der Fahrer zu sein. Die Blondine im roten Kleid könnte sich in den ersten Monaten einer lang ersehnten Schwangerschaft befinden. Die Person, die du gerade getroffen hast, könnte auf eine Lebertransplantation warten.

Der lustige Typ aus dem Büro ist womöglich dabei, nach langem Kampf gegen den Alkoholismus wieder Fuß zu fassen, und eure Frage könnte den gesamten Prozess gefährden. Das Mädchen auf der Party mag religiöse Gründe haben. Und so weiter und so fort.

Also hört auf, die Alkoholpolizei zu spielen. Menschen, die nüchtern bleiben, schulden euch keinerlei Erklärung für ihre absolut berechtigte Wahl. Wenn ihr also eine Party schmeißt oder am Feiertag zu euch einladet, zeigt bitte echte Gastfreundschaft, indem ihr eine Auswahl an alkoholischen und nicht-alkoholischen Getränken anbietet und es allein den Gästen überlasst, ob sie trinken oder nicht. 

Der Text erschien ursprünglich in der HuffPost US und wurde von Sandra Tjong aus dem Englischen übersetzt.