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17/05/2018 15:58 CEST | Aktualisiert 17/05/2018 15:58 CEST

Ich mache mich für Homosexuelle nackt – obwohl ich selbst nicht schwul bin

Mit ihrem Nacktkalender will die Rudermannschaft der Universität Warwick ein Zeichen gegen Homophobie im Sport setzen.

Angus Malcolm
Für den Kalender 2018 liessen sich die Ruderer der Universität Warwick in Spanien nackt fotografieren. 

Sie sind jung, sie sind sportlich und sie machen sich nackt: Die Rudermannschaft der Universität von Warwick posiert jedes Jahr für einen Nacktkalender – und will damit ein Zeichen gegen Homophobie im Sport setzen.

Lucas Etienne ist einer der dienstältesten Ruderer im Team. Für HuffPost erklärt er, wieso es so wichtig ist, dass sich Heterosexuelle für Schwulenrechte einsetzen. Und wie Nicht-Schwule davon profitieren.

Ich will ehrlich sein: Als man mich gefragt hat, ob ich beim Warwick-Rowers-Kalender-Projekt mitmachen will, musste ich kurz überlegen.

Im Oktober 2014 bin ich dem Ruderclub der Universität Warwick beigetreten – schon damals wusste ich von dem Projekt und dass ich ein Teil davon sein möchte. Gleichzeitig war mir bewusst, dass man mich immer damit in Verbindung bringen würde, vielleicht sogar für den Rest meines Lebens.

Ich habe mich mit meinen Eltern und Freunden beraten und kam zu dem Schluss, dass der Kalender für etwas steht, für das auch ich stehen möchte: Die Homophobie im Sport zu bekämpfen.

Das Warwick-Rowers-Kalender-Projekt

Das Projekt besteht seit dem Jahr 2009. Ursprünglich sollte es dem Ruderclub aus einer finanziell prekären Lage helfen.

Doch schon bald stellte die Rudermannschaft fest, dass der Kalender großen Anklang bei der LGBT+ Gemeinschaft fand. Die Studenten machten öffentlich klar, dass sie sich über die Unterstützung freuen und kein Problem damit haben, dass Schwule sich Nacktfotos von ihnen anschauen – auch wenn die meisten Mitglieder der Mannschaft selbst heterosexuell sind.

► Seitdem ist der Kalender zu einem Symbol für mehr Inklusion im Sport geworden.

Mehr noch, die Ruderer gründeten ihre eigene Wohltätigkeitsorganisation, “Sport Allies”, die sich unter anderem durch die Einnahmen des Kalenders finanziert. Zuletzt verkaufte sich der Nacktkalender mehr als 300.000 Mal in 77 Ländern.

Homophobie ist nach wie vor ein großes Problem im Sport, ganz besonders im Mannschaftssport, wo Männlichkeit oft noch sehr eindimensional definiert wird. Dadurch werden viele von uns jedoch in Schubladen gesteckt, in die wir nicht passen. 

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Wer nicht in eine dieser Schubladen passt, hat es oft schwer, von seinen Mitmenschen akzeptiert zu werden. Deshalb entscheiden sich viele Schwule und andere Mitglieder der LGBT Gemeinschaft dafür, ihre sexuelle Orientierung vor ihren Mannschaftskollegen geheim zu halten – selbst im Profisport.

Angus Malcolm
Der Kalender der Warwick Rowers wird in 77 Länder verkauft.

Oder sie entscheiden sich ganz dagegen, einen Mannschaftssport auszuüben. 

► Aber wer das Gefühl hat, sein wahres Ich verstecken zu müssen, wird niemals sein volles Potenzial entfalten können – das ist nicht nur für die Betroffenen ein Nachteil, sondern für die gesamte Gesellschaft. 

In unserer Umkleidekabine soll sich jeder wohlfühlen – ganz gleich, wen er liebt

Glücklicherweise hat es für unsere Rudermannschaft nie eine Rolle gespielt, welche Sexualität unsere Mitglieder haben. 

Wir setzen uns dafür ein, dass unser Campus und unsere Umkleidekabinen ein Ort sind, an dem sich jeder wohlfühlen und er selbst sein kann.

Viele Menschen verwenden homophobe Ausdrücke, ohne sich dessen bewusst zu sein. Aber Sätze wie “Sei kein Mädchen”, oder “Hast du keine Eier?” halten die Annahme aufrecht, dass Männer tough sein müssen.

Deshalb ist es wichtig, dass wir darüber sprechen und so verhindern, dass sich LGBT-Mitglieder ausgeschlossen fühlen. 

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Darüber hinaus: Wenn heterosexuelle Männer ihren Kumpels gegenüber keine Gefühle oder körperliche Nähe zeigen dürfen, ist das sehr schädlich. Studien haben gezeigt, dass das Selbstmordrisiko unter jungen Männern fünfmal höher ist, als bei Frauen. 

Es ist ein ewiggestriger Irrglaube, dass schwule Männer sich sofort auf einen stürzen, wenn man sich vor ihnen auszieht. Mit unserem Kalender wollen wir dieses Stigma aufheben.

Unsere Bilder sollen zeigen, dass Nacktheit nicht zwangsläufig etwas Sexuelles ist. Körperliche Nähe ebenso wenig.

Deshalb sind unsere Aufnahmen meistens verspielt und sehr intim

Und es gibt noch einen Grund, warum wir uns für den Kalender ausziehen: Uns allen ist bewusst, dass wir als heterosexuelle, weiße Männer, die auf einen Uniabschluss hinarbeiten, sehr privilegiert sind. Wir haben Möglichkeiten, die andere soziale Gruppen wie Frauen, oder LGBT-Personen nicht haben.

Das wollen wir ändern. Wir stehen für Gleichberechtigung der Geschlechter und jeglicher Minderheiten. 

Angus Malcolm
Mit ihren Nacktfotos wollen Lucas Etienne (zweiter von links) und seine Mannschaftskollegen ein Zeichen gegen Homophobie im Sport setzen.

Es ist mir egal, ob mich jemand für schwul hält

Das gefällt nicht jedem. Letztes Jahr wurde eine Vielzahl an Kalendern, die nach Russland versendet werden sollten, von den dortigen Zollbeamten zurückgeschickt.

Unsere Nacktaufnahmen erschienen ihnen wohl unangemessen.

Außerdem haben wir in letzter Zeit öfter Probleme mit unserem Instagram-Account. Anscheinend stören sich einige Nutzer an unserem Anliegen und melden unsere Bilder. Es kommt immer wieder vor, dass Instagram unsere Posts sperrt.

Mich macht das sehr traurig. Ich verstehe zwar, dass unsere Bilder nach Ansicht mancher Nutzer gegen die Richtlinien der App verstoßen. Aber wenn ich mir anschaue, welche Bilder sonst so auf Instagram kursieren, Bilder die sehr viel provokativer und explizit sexuell sind, kann ich nur den Kopf darüber schütteln.

Besonders, wenn es Nacktbilder von Frauen sind.

Für mich zeigt das letzten Endes einmal mehr, dass es in unserer Gesellschaft zwar akzeptabel ist, Frauen als Objekte zu betrachten und sich an ihrem nackten Anblick zu erfreuen, aber nicht am Anblick nackter Männer, die noch dazu ein gesundes Körperbild promoten wollen.

Ich liebe unsere Nacktshootings. Es macht großen Spaß sich mit seinen Freunden auszuziehen und fotografieren zu lassen. Wir lachen dabei sehr viel. Wir haben eine tolle Zeit.

Es ist mir egal, ob jemand sich unsere Bilder anschaut und denkt, 'Die sind doch alle schwul'. Denn wenn ich homosexuell wäre, wäre das auch in Ordnung.

► So etwas wie eine “falsche” oder “abnormale” Sexualität gibt es nicht.  

Ich bin jedes Mal stolz, wenn ich für einen Kalender fotografiert werde. Wenn ich etwas Gutes für andere tun kann, indem ich mich ausziehe, ist das eine Gelegenheit, die ich mir niemals entgehen lassen könnte.

 

Wenn ihr die Warwick Rowers bei ihrem Kampf gegen Homophobie unterstützen wollt, könnt ihr an ihre Organisation “Sport Allies” spenden, ihren Kalender kaufen, oder ihnen auf Instagram, Twitter oder Facebook folgen.

Dieses Gespräch wurde von Anna Rinderspacher aufgezeichnet und aus dem Englischen übersetzt. 

(ben)