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12/07/2018 11:44 CEST | Aktualisiert 12/07/2018 18:11 CEST

Ein Homöopath hat mir geholfen – trotzdem ist er ein Verbrecher

Traue keinem Arzt, auf dessen Schild "Homöopath" steht.

filmfoto via Getty Images
Der “Münsteraner Kreis” fordert, die Zusatzbezeichnung “Homöopathie” für Ärzte abzuschaffen.

Die kleinen Pusteln auf meinem Dekolleté waren so schnell gekommen, wie das Eis unter der italienischen Sonne dahinschmolz.

Ob ich während des Roadtrips mit Freunden plötzlich eine Sonnenallergie entwickelt hatte oder der Grund für die juckenden Rötungen ein anderer war, interessierte mich nicht. Ich wollte sie loswerden und den Sommer genießen.

Das Abitur frisch in der Tasche fand ich mich zurück in Deutschland auf einem angenehm gepolsterten Stuhl gegenüber einem Homöopathen wieder.

Eine Stunde sollte ich einplanen für die Erstanamnese, während der ich in einem Zen-Garten beim Plätschern eines Wasserspiels über Kindheitserfahrungen, Speichelfluss und die bevorzugte Temperatur von Getränken ausgefragt wurde.

60 Prozent der Deutschen haben schon einmal Globuli eingenommen

Ich bin mit Globuli groß geworden. Als junge Frau habe ich das “richtige” homöopathische Mittel für meine Leiden identifiziert, indem ich verschiedene Ampullen fest in meiner Hand einschloss und darauf wartete, dass sie ein Kribbeln in meiner Hand auslösten.

14 Jahre später: Beim diesjährigen Ärztetag im Mai forderte der “Münsteraner Kreis” aus 20 Wissenschaftlern, Juristen, Medizinern, Philosophen und Ethikern, die Zusatzbezeichnung “Homöopathie” für Ärzte abzuschaffen.

Initiatorin und Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert begründet das so:

“Wir wollten ausloten, wie ein solidarisches Gesundheitswesen verantwortlich und fair mit dem Clash zwischen gefährlicher Pseudowissenschaft und Selbstbestimmung umgehen sollte.

Um es deutlich zu sagen: Wir wollten den gegenwärtigen Irrsinn nicht länger hinnehmen.” 

7.000 deutsche Ärzte tragen aktuell die Zusatzbezeichnung “Homöopath”. Auch wenn die Verkaufszahlen homöopathischer Präparate im Jahr 2017 leicht sanken, boomt die Homöopathie nach wie vor.

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Mittlerweile übernehmen zwei Drittel der Krankenkassen die Kosten für die kleinen runden Kügelchen, die in jeder Apotheke angeboten werden. Und immer mehr greifen zu: Auf 60 Prozent ist der Anteil der Bevölkerung bereits gestiegen, der mindestens schon einmal Globuli unter der Zunge hat zergehen lassen.

Ich habe keine Lust auf aufgeheizte Debatten und Grabenkämpfe zwischen denen, die zugreifen, und denen, die darüber lachen. Darum mache ich hier ein faires Angebot: Ein Medikament sollte ich nur schlucken, wenn ich davon ausgehen kann, dass es eine Wirkung hat.

► Stellen wir also die einfache Frage: Wirken Globuli oder nicht?

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Kein einziges Molekül

Auf die einfache Frage gibt es tatsächlich eine ebenso einfache Antwort: Globuli enthalten keine Wirkstoffe. Denn sie bestehen aus nichts als Zucker.

Da ist nichts drin und kann deshalb nicht wirken!" – Christian Weymayr, Wissenschafts‐ und Medizinjournalist

Auch wenn auf jedem Fläschchen mit den kleinen, weißen Kügelchen ein anderer Name stehen mag, sind ihre Inhalte komplett austauschbar. Das liegt daran, dass sie gemäß der Lehre der Homöopathie “potenziert” wurden.

Bei der Potenzierung werden bestimmte Ausgangsstoffe für die Globuli so weit verdünnt, dass am Ende in den meisten Fällen kein einziges Molekül des Ausgangstoffes mehr enthalten ist. In der typischen Potenz C30 zum Beispiel müsste ich 3 x 10^30 Liter des homöopathischen Mittels konsumieren, um ein einziges Molekül des Ausgangsstoffes zu schlucken.

Machbar? Nein! Denn das ist mehr als doppelt so viel Wasser, wie in allen Ozeanen der Erde vorhanden ist.

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Naturgesetze sind nicht verhandelbar!

Noch nicht überzeugt? Dann vielleicht so: 1 Kilogramm Milchzucker enthält immer auch Verunreinigungen, darunter auch 1 Mikrogramm Blei. Als “Plumbum metallicum” begegnet uns Blei auch als homöopathisches Mittel.

Die “Heilkraft” von Blei wäre gemäß der Grundidee der Homöopathie also automatisch in jedem homöopathischen Mittel enthalten – neben den “Heilkräften” vieler anderer Verunreinigungen im Milchzucker.

Es ist in der Tat nur möglich, an eine Wirkung der homöopathischen Präparate zu glauben, wenn sämtliche Naturgesetze […] über Bord geworfen werden." – Wolfgang H. Hopf, Pharmakologe

Wenn du trotz dieser absurden Vorstellung jetzt immer noch sagst: “Ich glaube aber dran!”, kann nichts und niemand mehr helfen, dich zu überzeugen. Das meine ich vollkommen ernst und du kannst aufhören, diesen Text zu lesen.

Denn du glaubst an etwas, was sämtlichen Naturgesetzen widerspricht.

Vielleicht glaubst du – wie einige Homöopathen argumentieren –, dass Wasser eine Art Gedächtnis hat und sich an den Wirkstoff “erinnern” kann, auch wenn dieser nach dem Potenzieren selbst nicht mehr in den Globuli enthalten ist.

Sollte das der Fall sein, verstehe ich allerdings nicht, wie du in ein Auto oder ein Flugzeug steigen kannst – und darauf vertraust, dass gerade dann die Naturgesetze gelten und du sicher am Ziel ankommst.

Oder du in der Lage bist, Smartphone oder Computer zu nutzen, um diese Zeilen zu lesen. Denn beide basieren auf denselben physikalischen Grundlagen, gemäß denen Globuli keine Wirkung haben.

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Mit anderen Worten: Wer Globuli schluckt, kann genauso gut Zuckerwatte oder Traubenzucker “einnehmen”.

Berechtigterweise fordert Christian Weymayr, Mitautor des Münsteraner Memorandums zur Abschaffung der Zusatzbezeichnung Homöopathie, die Globuli-Fläschchen aus den Apotheken in die Süßwarenabteilungen der Supermärkte zu überführen.

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Globuli enthalten keine Wirkstoffe. Denn sie bestehen aus nichts als Zucker.

Drei Verbrechen zugleich: 

Doch das Ganze hat nicht nur etwas mit Auslagen im Supermarkt zu tun, sondern widerspricht auch dem Bekenntnis der Ärzteschaft zur Wissenschaftlichkeit. Das ist auf mindestens 3 Ebenen ethisch höchst verwerflich.

► Homöopathie ist Betrug!

Befürworter der Homöopathie argumentieren gern mit dem Recht des Patienten auf Autonomie, also frei entscheiden zu dürfen, ob sie Globuli schlucken wollen oder nicht. So wie ich es tat, als die juckenden Pusteln begannen, meinen Sommer zu vermiesen.

Nach einigen Wochen waren sie weg. Aber eben nicht, weil ich die richtige “Dosierung” von Zuckerkügelchen eingenommen hatte, sondern aus potenziell 100 anderen Gründen – allen voran Zeit.

Denn die heilt nicht nur Wunden, sondern manchmal auch Ausschläge. Am häufigsten helfen homöopathische Präparate den Verwendern zufolge übrigens gegen Erkältungen und grippale Infekte: Fakt ist aber: Das einzige, was dagegen hilft, ist Zeit.

Das Recht auf Autonomie können Patienten nur ausüben, wenn Mediziner ihnen Informationen nicht vorenthalten. Dazu gehört auch die Tatsache, dass Globuli keine Wirkstoffe enthalten und jede “Wirkung” der kleinen Kügelchen auf Placebo-Effekten beruht, ausgelöst durch Zeit, Empathie und Verständnis der behandelnden Ärztin.

Wer das nicht tut, belügt und betrügt seine Patienten wissentlich.

► Homöopathie ist Abzocke!

Viele Menschen sehen in der Homöopathie auch eine Abwendung von der “bösen” Pharmaindustrie, die uns allen ans Portemonnaie will.

Sicher läuft dort nicht alles perfekt. Das Gleiche gilt aber auch für den mittlerweile milliardenschweren Markt mit den Zuckerkügelchen, den wir mit unseren Krankenkassen-Beiträgen alle mitfinanzieren.

Da werden Homöopathie-kritische Journalisten gezielt angegriffen und die dafür verantwortlichen selbsternannten Medizin- und Wissenschafts-Journalisten erhalten großzügige finanzielle Zuwendungen von den größten Globuli-Herstellern.

Ganz zu schweigen von den saftigen Rechnungen der Homöopathen, die sich ihre ausführlichen Anamnesen gut bezahlen lassen – frei nach dem Motto: “Zeit ist Geld.”

► Homöopathie ist unterlassene Hilfeleistung!

“Na, dann können wir die Placebo-Effekte der Globuli doch nutzen und verschreiben die richtigen Pillen, wenn’s ernst wird.” So oder so ähnlich argumentieren häufig Menschen für eine friedliche Koexistenz von Homöopathie auf der einen und Medizin mit Wirkstoffen auf der anderen Seite.

Und wo ziehen wir die Grenze? Bei den 437 Todesfällen auf der Website whatstheharm.net, die nicht mit Homöopathie “geheilt” werden konnten, wurde sie jedenfalls zu spät oder gar nicht gezogen.

Zu den Todesopfern gehören auch Kinder, deren Eltern in Fällen von Lungenentzündungen des Nachwuchses brav Globuli verabreicht haben.

Fakt ist: Wer Homöopathie ernst nimmt, läuft Gefahr, nützliche und lebensrettende medizinische Maßnahmen zu versäumen.

Was bleibt?

Meine Hoffnung in das kritische Denken und dass Menschen offen zuhören und sich trauen, zu sagen: “Ich habe mich geirrt!”

Meine Hoffnung, dass der “Münsteraner Kreis” mit seiner Forderung im nächsten Jahr erfolgreich sein wird.

Meine Hoffnung, dass wir bald nicht mehr zwischen Schul- und Alternativmedizin trennen.

Oder hast du schon einmal von einer “Alternativphysik” gehört, die wir zurate ziehen, wenn der Apfel mal nicht nach unten fällt?

Dieser Artikel ist zuerst bei “Perspective Daily” erschienen.

(amr)