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09/11/2018 12:42 CET | Aktualisiert 09/11/2018 12:42 CET

Holz: Wie ein Naturstoff auch in Unternehmen Geschichte schreibt

Akintevs via Getty Images

Forstgeschichte gehört mit der allgemeinen Geschichte, die Wechselwirkung zwischen Wald und wirtschaftlich-technischer Entwicklung, Kulturgeschichte, aber auch mit Unternehmensgeschichten zusammen. Es macht deshalb Sinn, aktuelle Publikationen auch in Beziehung zu Unternehmensveröffentlichungen zu lesen und die Inhalte in Beziehung zu setzen, denn das eine erklärt das andere und umgekehrt. Zudem ist ersichtlich, was heute Relevanz hat. Das Buch „Holz“ von Joachim Radkau, emeritierter Professor für Neuere Geschichte an der Universität Bielefeld und Begründer der Umweltgeschichte in Deutschland, widmet sich darin technischen Entwicklungen am Beispiel des Holzes und macht die Umwelt- und Ressourcengebundenheit der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte deutlich.

Radkaus Ansatz lädt dazu ein, auch ein deutsches Traditionsunternehmen wie Häcker Küchen im Kontext der großen Geschichte anders zu „lesen“. Keine Nation Europas besitzt mehr Holzvorräte als Deutschland. Dieser nachwachsende und nachhaltige Rohstoff ist heute gefragter denn je. Er überzeugt durch vielfältige Einsatzmöglichkeiten, ein breites Anwendungsspektrum und hat eine im Vergleich zu anderen Werkstoffen überzeugende Umweltbilanz. Um den im Holz gespeicherten Kohlenstoff nachhaltig zu binden, ist die Verwendung in langlebigen Produkten sinnvoll. So wird Holz vor allem in Massivholz- und Furnieranwendungen eingesetzt (z.B. im Möbelbereich).

Über hundert Jahre muss ein Baum wachsen, bis sein Holz für die Möbelherstellung zur Verfügung steht. Zum wertvollen Rohstoff reifen die geschnittenen Stämme jedoch erst in der Vakuum-Trockenkammer heran, wo sie schonende auf sieben Prozent feuchte heruntergetrocknet werden. Vom ersten Zuschnitt bis zum letzten Feinschliff ist ein langer Weg handwerklicher Verarbeitung erforderlich: Sägen, Fräsen, Schleifen und der Einsatz von Maschinen.

Radkau zeigt, dass die Holzhandwerke bis in die moderne Zeit Musterbeispiele für eine zünftlerische Mentalität boten, für ein Selbstbewusstsein der Handarbeit und Vertrauen auf die überlieferte Erfahrung. Erst im 15. und 16. Jahrhundert konnten sich die Tischler (Schreiner) zu einem eigenen Gewerbe entwickeln, als das Möbel als „mobiles“, bewegliches Stück zum Repräsentationsobjekt wurde, Schränke und Sitzgelegenheiten sich von der Wand lösten und in der wohlhabenden Gesellschaft einen individualistischen Lebensstil ankündigten. Vor allem die Verwendung von Leim und die seit dem 17. Jahrhundert aufsteigende Technik des Furniers wurden eine Domäne der Tischler, brachten innerhalb dieses Gewerbes neue Spezialisten hervor.

Maßarbeit und Nachhaltigkeit sowie ressourcenschonende Fertigungstechniken gewinnen beim Möbelkauf in einer Zeit voller Technisierung, Digitalisierung, Massenproduktion, Komplexität und Tempowechsel immer mehr an Bedeutung – vor allem der Werkstoff Holz. Die Wertschätzung des Handwerks in Zeiten tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen und Instabilität ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass alles nicht Greifbare immer mehr für Unbehagen sorgt.

Seit dem 18. Jahrhundert wurde die „Nachhaltigkeit“ als Leitziel aufgeklärter Waldwirtschaft hervorgehoben: Es entsprach dem alten haushälterischen Sinn von „Ökonomie“ („Hausregelung“), sagte aber nichts darüber aus, wie die Forstverwaltungen auf die wechselnden Konjunkturen der Wirtschaft zu reagieren hätten und wie der Wald aussehen sollte, der zu erhalten war. Der Begriff Nachhaltigkeit wurde 1713 erstmals von Oberberghauptmann Hannß Carl von Carlowitz verwendet. Er beinhaltet die Maxime, dass nur so viel Holz pro Periode geschlagen werden darf, wie auch nachwachsen wird. Wer einen Wald bewirtschaftet, kann zwar Bäume fällen und verkaufen, muss aber auch wieder neue anpflanzen für die nächsten Generationen.

Sperrholz war der erste Holzwerkstoff, der sich in der Produktion allgemein durchsetzen konnte. Seine Herstellung ging aus der alten Furniertechnik hervor: Dünne Furniere wurden in mehreren Lagen mit gekreuzter Faserrichtung übereinander geklebt und dadurch gegen ein Verziehen „gesperrt“. Die Bezeichnung „Sperrholz“ gilt heute für alle diejenigen Platten, die aus mindestens drei um jeweils 90 Grad zueinander versetzten Holzlagen bestehen, also auch für entsprechende Furnier- und Tischlerplatten.

Radkau belegt, dass die Anfänge der Spanplatte ebenfalls ins späte 19. Jahrhundert zurückreichen. Ihre Geschichte ist eng mit dem Aufstieg der Kunstharze und der Entwicklung der Großchemie verknüpft. Von der nationalsozialistischen Autarkiepolitik begünstigt, gelangte die Spanplatte in Deutschland um 1940 zur Produktionsreife. Ihr Siegeszug begann jedoch erst in den 1950er-Jahren. In den 1980er-Jahren stand die Bundesrepublik in der Produktion von Spanplatten weltweit an erster Stelle. Bei ihrer Herstellung wird das Rohholz (Schwachholz, Äste und minderwertige Holzqualitäten sowie Holzreste aus Industrie und Handwerk) zu Spänen geschnitzelt (zerspant). In großen Mischern wird dieses Material mit einem Kunstharz-Bindemittel beklebt, in Formen zu entsprechenden Schichten gestreut und in der nächsten Verfahrensstufe unter Druck und Hitze zu Platten gepresst. Diese werden abschließend besäumt und geschliffen. Aus der Verleimung von Holzelementen mit Kunstharzen entwickelte sich die Holz-Kunststoff-Kombination.

Vor allem in den 1970er- und 1980er-Jahren ist die Spanplattenproduktion teilweise in Verruf geraten, nachdem Erkenntnisse über Gesundheitsgefahren die Menschen beunruhigten. Der Einsatz von Kunstharzleimen revolutionierte zwar die Holzwerkstoffentwicklung, erzeugte jedoch Probleme, die lange nicht zur Kenntnis genommen wurden. Die Herstellung der Leime auf Formaldehyd-Basis macht sie gesundheitsschädlich: Formaldehyd ist ein farbloses, stechend riechendes Gas, das bei hoher Konzentration in der Raumluft beim Menschen Allergien, Haut-, Atemwegs- oder Augenreizungen verursachen kann. Seit dem 1. April 2015 wird es in der EU als wahrscheinlich krebserregend eingestuft. In den USA ist Formaldehyd seit 2011 als krebserzeugend eingestuft, und seine Nutzung wurde stark eingeschränkt. Inzwischen sind auch formaldehydfreie Spanplatten auf dem Markt, die zum Teil mit Gips, Kalk oder Zement gebunden sind.

Seit 2017 sind bei Häcker Küchen alle Holzprodukte noch stärker formaldehydreduziert. Mit PURemission setzte das Unternehmen einen neuen Standard, der in der Küchenmöbelindustrie außergewöhnlich ist: Durch eine sorgfältige Auswahl der Holzwerkstoffe und der Lieferanten ist es gelungen, die Richtlinien der Emissionen gemäß CARB2 93120 und TSCA title 6 einzuhalten. Die Höchstwerte der europäischen Richtlinien Emissionsklasse E1 werden eingehalten bzw. weit unterschritten. Mit „PURemission“ wird eine Begriffsführung aufgegriffen, die das Unternehmen bei der im Verlauf des Jahres 2013 vorgenommenen Umstellung auf die PUR-Verleimung von Dickkanten eingeführt hat. Diese als Alternative zur Lasertechnologie ausgewählte innovative Verleimungsart wird hier unter der Bezeichnung „PUResist“ vermarktet. Es wird ein formaldehyd- und lösungsmittelfreier Polyurethan-Reaktionsklebestoff verwendet.

Im Rahmen der Hausmesse 2017, als Teil der Küchenmeile A30, wurde hier ein Projekt für den Naturschutz gestartet, denn Häcker entnimmt der Natur durch die Produktion Holz - und dies soll durch eine Baumpatenschaft wieder „zurückgegeben“ werden. Wälder sind für das nicht nur „Holzfabriken und Rohstofflager“, sondern auch wichtige Lebensräume für viele Tier- und Pflanzenarten. Der Wald hat neben der Holzproduktion seine größte Bedeutung auch im Klimaschutz - nämlich die (über)lebensnotwendige CO2-Sequestrierung. Deshalb muss eine nachhaltige Optimierung zwischen der Holzproduktion und der Klimawirkung gesucht werden. Mit Unterstützung der Kunden und Geschäftspartner entsteht derzeit ein kleiner Wald zwischen dem Wiehenstadion und dem Parkplatz der Gesamtschule Rödinghausen. Gemeinsam mit Forstbezirksleiterin Anna Rosenland und Forstwirt Paul Fubel wurden bislang 450 neue Jungbäume gepflanzt. Für die Paten gibt es keine Pflichten und auch keine Rechnung – sämtliche Kosten übernimmt das Unternehmen. Die einzige „Verpflichtung“ ist, dass alle Kunden „ihren Baum“ pflanzen lassen. Dabei gibt es kein Limit, denn die Aktion ist auf Jahre ausgelegt. Gepflanzt wurden bisher z. B. Säuleneichen, Kirschbäume, Haselnusssträucher, Weißdorn und Schwarzdorn - typische Arten, die zu einer gesunden Waldstruktur gehören.

Damit jedoch das oft so nebulöse Ziel „Nachhaltigkeit“ einen konkreten Sinn bekommt, werden im Unternehmen die Wälder und die vielen Arten ihrer Nutzung als Gesamtheit gesehen. Als solides Familienunternehmen in der vierten Generation und mit über 120 jähriger Geschichte denkt man hier langfristig und wechselt Ansprechpartner und Ziele nicht im Jahrestakt. Plädiert wird deshalb dafür, dass sich die Wirtschaft darauf besinnen sollte, in längeren Zyklen der Natur zu denken und generationenübergreifend zu handeln.

Weiterführende Informationen:

Aus Tradition verantwortungsvoll. Nachhaltiges Handeln als Unternehmenswert. Hg. von Häcker Küchen 2018.

Menschen über Bäume. Gedanken, Begebenheiten und Anekdoten aus vier Jahrtausenden. Zusammengestellt und herausgegeben von Dietmar Olonscheck. Oekom Verlag, München 2017.

Qualität aufgewertet. In: WORK. kitchen. Nr. 12 (Dezember 2017), S. 42-45.

Joachim Radkau: Holz. Wie ein Naturstoff Geschichte schreibt. Oekom Verlag, München 2018.