ELTERN
11/05/2018 16:15 CEST | Aktualisiert 12/05/2018 11:06 CEST

Royale Hochzeit: Dieser absurde Brauch ist eine Demütigung für Frauen

Schon mal gesehen, wie der verschleierte Bräutigam von seiner Mutter zum Altar geführt wird? Nein? Eben.

Im Video oben: Das ist damals bei der royalen Hochzeit von Prinzessin Diana und Prinz Charles schief gelaufen.

Ich liebe meinen Vater. Diesen Mann, der alles und jeden stehen lässt, wenn er denkt, dass ich ihn brauche. Diesen Mann, der mit mir zusammen herumwerkelt, nur, damit wir die Zeit zusammen verbringen können. Diesen Mann, mit dem ich wohl auch deswegen manchmal aneinander gerate, weil ich ihm so ähnlich bin.

An ihn denke ich viel in den vergangenen Tagen. Jedes Mal, wenn wieder die Rede von der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle ist. Weil es da etwas gibt, was mir Unbehagen bereitet. Es sind ein paar unscheinbare Zeilen in einer Mitteilung des Hofes:

“Am Morgen der Hochzeit wird Ms Ragland mit Ms Markle mit dem Auto zum Schloss Windsor fahren. Mr Markle wird seine Tochter in der St. George’s Chapel zum Altar führen.”

Das ist nicht romantisch, sondern demütigend

Das klingt so romantisch. Aber es ist demütigend. Für die Braut und die Brautmutter. Denn eigentlich steht da:

Am Morgen der Hochzeit werden zwei Frauen zum Schloss fahren. Dann kommt der wichtige Teil: Ein Mann wird eine 36 Jahre alte Frau – die schon mal verheiratet war und ihr eigenes Geld verdient – einem anderen Mann in die Hand drücken.

Die Übergabe der Frau von Mann zu Mann

Zu bestaunen ist dieser Brauch nicht nur im englischsprachigen Raum, sondern auch in diversen Hollywood-Schmachtfetzen und mehr und mehr in Deutschland. 

Ich frage mich, wieso da nicht viel mehr Frauen der Hut hochgeht.

Die Symbolik an sich ist schon stark. Und wenn es stimmt, dass der Brauch aus dem Germanischen stammt, als die Braut vom Machtbereich des Vaters in den des Ehemannes wechselte, dann bekomme ich Gänsehaut.

Die Tochter, das unselbständige Wesen, das Schutz braucht.

Der Vater, das Familienoberhaupt.

Die Mutter am Rand, die traditionell die meisten Nerven investiert und viele eigene Träume dafür zurückgestellt hat.

Ist diese Interpretation übertrieben? Wer eine Antwort sucht, stelle sich Folgendes vor:

Die Orgel spielt, die Braut steht am Altar und sieht zu, wie die künftige Schwiegermutter ihren gerührten Sohn nach vorne führt, dessen Gesicht von einem zarten Schleier verdeckt wird.

Fühlt sich falsch an? Ja. Weil es falsch ist.

Genauso wie die umgekehrte Variante, nur haben wir uns daran schon gewöhnt.

Selbst die Kirchen in Deutschland, nicht eben Hort der Gleichberechtigung, sehen den Brauch aus verschiedenen Gründen kritisch. Die modernere evangelische, aber auch die katholische.

Die Antwort meines Vaters auf die heikle Frage war ein Geschenk

Viele Frauen wollen mit der Geste ihren Vater ehren. Und genau deswegen hatte ich Sorge, meinen Vater zu verletzen, wenn ich das anders handhabe.

Seine Antwort auf diese Frage war allerdings das schönste Geschenk, das ich mir wünschen konnte.

Er sagte, natürlich hätte er mich gerne nach vorne geführt. Weil sich bis zur Hochzeit – ja, er ist manchmal altmodisch, und er steht dazu – dafür verantwortlich fühlte, mich zu beschützen, und diese Aufgabe nun meinem Mann anvertrauen wollte.

Aber er wusste, dass ich das als Fessel empfunden hätte. Als Angriff auf meine Freiheit, meine Selbstständigkeit und mein Selbstverständnis.

Und so hat er nie über das Thema gesprochen, bis heute, als ich ihn für diesen Text fragte.

So hat mich mein Vater wieder mal beschützt. Und er wird es weiter tun. Da bin ich sicher. 

(cho)