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18/09/2018 13:02 CEST | Aktualisiert 18/09/2018 16:40 CEST

Ehe: "Warum ich 3 Monate nach der Hochzeit die Scheidung einreichte"

Ich habe an die Lüge geglaubt, die die Brautmagazine mir verkauften: dass alles leichter wird, wenn der Hochzeitsstress erst einmal vorbei ist.

Damit es erst gar nicht zur Scheidung kommt: Oben im Video verrät ein Paar, das seit 83 Jahren verheiratet ist, sieben Geheimnisse einer glücklichen Beziehung.

Ich kann nicht mehr genau sagen, ab welchem Zeitpunkt unsere Beziehung in die Brüche zu gehen begann. Ich glaube jedoch, dass es angefangen hat, als wir gerade unser Hochzeitsgeschirr aussuchen wollten.

Ich erinnere mich noch so genau an diesen Tag, als ob es erst gestern gewesen wäre. Wir standen gerade bei Macy’s und stritten uns darüber, welche Teller wir denn nun kaufen sollten. Mein Verlobter wollte schlichtes, einfarbiges Geschirr haben. Ich hingegen stellte mir eher etwas Farbiges und Gemustertes vor.

LAUREN JONES
“Lass es uns einfach hinter uns bringen”, das dachte sich Lauren Wellbank auf dem Weg zum Altar. 

Ich dachte mir damals, dass dieser Streit einfach nur auf den Stress der Hochzeitsvorbereitungen zurückzuführen war. Denn schließlich gerieten ja alle Paare im Laufe dieses Prozesses irgendwann einmal aneinander. So stand es zumindest in sämtlichen Hochzeitszeitschriften.

Doch eigentlich waren diese Teller ein Sinnbild für unsere gesamte Beziehung. Wir waren einfach zwei grundlegend verschiedene Menschen. Leider stellten wir das vier Monate zu spät fest.

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Passend zu unserem Eheleben regnete es in den Flitterwochen jeden Tag

Eigentlich hätte ich die Hochzeit bereits lange vor dem Ja-Wort absagen sollen. Doch ich tat es nicht. Ich machte einfach weiter, weil ich an eine Lüge glaubte, die die Brautmagazine mir verkauft hatten: dass alles leichter werden würde, wenn der Stress der Hochzeitsvorbereitungen erst einmal vorbei wäre. Wir müssten einfach nur diesen einen Tag durchstehen. Und danach hätten wir dann noch unser ganzes Leben lang Zeit, um uns wieder zusammenzuraufen.

► “Lass es uns einfach hinter uns bringen”, ist nicht gerade das Mantra, das man sich auf dem Weg zum Traualtar immer wieder vorbeten sollte. Doch ich hatte genau diese Worte im Kopf, als mein Vater mich zum Altar führte.

► Passend zum Start in unser Eheleben regnete es in unseren Flitterwochen fast jeden einzelnen Tag.

Irgendwann standen wir durchnässt und unzufrieden in einem kleinen mexikanischen Andenkenladen und stritten uns wieder einmal über Teller. Ich hatte mich in die kräftigen Farben und die Aztekenmuster verliebt, die wir in unserem Mexikourlaub überall zu sehen bekamen. Doch mein Mann schien in unserem Zuhause überhaupt keine Farben haben zu wollen.

Einen Monat nach der Hochzeit saß ich alleine im Bett und aß Sushi

Unsere Streitereien gingen auch auf dem Heimflug und in den ersten Wochen unserer Ehe noch weiter. Anstatt uns über die neue Freiheit zu freuen, die wir nach Beendigung der Hochzeitsplanungen hinzugewonnen hatten, begannen wir immer mehr Abstand voneinanderzu suchen.

Einen Monat nach unserer Hochzeit saß ich alleine in unserem Bett und aß Sushi. Mein Mann war gerade irgendwo unterwegs, anstatt zuhause bei mir zu sein und mein Sushi mit mir zu teilen. Einen Monat nach unserer Hochzeit und allein in unserem Bett googelte ich nach den Stichworten “Paartherapie in der Nähe” und “Wie kann ich eine Ehe annullieren lassen?”.

Den kompletten nächsten Monat suchten wir nach einem Wundermittel, das unsere Ehe retten konnte. Mein Mann bot mir an, nicht mehr jeden Abend mit seinen alleinstehenden Brüdern in die Bar zu gehen. Ich versprach ihm, mehr schöne Dinge mit ihm zu unternehmen und weniger Zeit in der Arbeit zu verbringen.

Wir schafften es sogar, uns ein wenig zu bessern. Doch irgendwann verfielen wir immer wieder in unsere alten Gewohnheiten zurück.

Mir war es noch nie im Leben so schlecht gegangen

Wir weinten beide viel und stritten uns häufig. Und dabei fragten wir uns ständig, wie wir nur an diesen Punkt gekommen waren. Schließlich vereinbarte ich einen Termin bei einer Eheberaterin.

► Doch am Tag vor dem Termin rief mein Mann mich an, als ich gerade auf dem Weg ins Büro war.

“Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich überhaupt will, dass diese Ehe funktioniert”, gestand er mir. Ich wusste ganz genau, was er meinte.

Die blöden Teller, wegen der wir uns gestritten hatten, standen noch immer unbeachtet in unserem Gästezimmer. Wie konnte unsere Ehe bereits vorbei sein, bevor wir überhaupt die Geschenke ausgepackt hatten?

An einer der Kisten klebten noch Reste von Tesastreifen und Geschenkpapier. Ich bemerkte es, als mein Mann die Kisten am Tag seines Auszugs durchs Wohnzimmer trug. Meine Mutter begleitete mich zu meinem Termin beim Scheidungsanwalt.

Er war ein netter Mann, der mir schweigend eine Box mit Taschentüchern über den Schreibtisch hinweg zuschob, als ich zu weinen begann. Auf dem Weg nach Hause ging meine Mutter dann mit mir in eine Bar. Da saßen wir, um zwei Uhr an einem Dienstagnachmittag. Und meine Mutter drückte mir wortlos ein eiskaltes Bier in die Hand, als ich zu weinen begann.

Mir war es in meinem ganzen Leben noch nie so schlecht gegangen wie damals in der Bar.

Eines Tages fand ich die ganze Wahrheit heraus

Doch das Ende meiner Ehe war niemals die Lösung gewesen, die ich mir erhofft hatte. Ich wünschte mir einfach nur, dass wir gar nicht erst geheiratet hätten. Es dauerte jedoch nicht lange, bis Wut in mir hochkam. Ich hatte das Gefühl, ich sei von einem Mann zu einer Hochzeit überredet worden, der gar nicht die Absicht hatte, mit mir verheiratet zu bleiben.

Ich betrachtete meinen Mann als Zeiträuber, der mir sowohl die vergangenen Jahre als auch die kommenden Jahre geraubt hatte. Doch dann wurde ich auch immer wieder von Schuldgefühlen überrollt.

► Was hätte ich anders machen können? Was hatte ich falsch gemacht? Hätte ich mich für ihn ändern sollen? Hätte ich mich für seine Familie ändern sollen, in deren Augen ich ohnehin nie gut genug war?

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Eines Tages fand ich dann jedoch die ganze Wahrheit heraus. Mein Mann hatte nicht nur sein Konto überzogen, sondern es waren auch andere Frauen im Spiel gewesen. Ich hörte allmählich auf, mir die Schuld für das Ende unserer Ehe zu geben.

Dafür begann ich mich zu fragen, warum ich nicht früher erkannt hatte, dass unsere Ehe von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen war. Meine Wut kehrte wieder zurück. War ich wirklich so blind gewesen oder einfach nur dumm?

Die Tage und Wochen nach der Scheidung von meinem Ex-Mann – mit dem ich ganze vier Monate lang verheiratet gewesen war – waren voller Trauer und Scham.

Es schockierte mich, wie schnell ich zur Normalität zurückkehrte

Ich verkroch mich so lange zuhause, bis endlich genug Gras über die Sache gewachsen war. Meine Trauer kam und ging immer wieder. Im Laufe der Zeit wurde mir jedoch klar, dass ich um etwas trauerte, das eigentlich gar nicht wirklich existiert hatte. Der Mann, in den ich mich verliebt hatte und den ich schließlich auch geheiratet hatte, war nicht derselbe Mann, zu dem ich “Ja, ich will” gesagt hatte.

Ich trauerte nicht nur um das Leben, das ich nie führen würde. Ich trauerte fast genauso stark um meine Zukunft, die aller Erwartung nach verpfuscht sein würde. Ich war überrascht darüber, welche unterschiedlichen und starken Gefühle in mir hochkamen.

► Letzten Endes schockierte es mich jedoch am meisten, wie schnell mein Leben wieder zur Normalität zurückkehrte. An einem Tag saß ich noch alleine auf meiner Couch und weinte wegen einer Windel-Werbung und am nächsten Tag alberte ich schon wieder mit meiner Schwester im Einkaufszentrum herum.

Fünf Monate und zwei Wochen später traf ich die Liebe meines Lebens

Es war so, als ob die Ereignisse der vergangenen Monate jemand anderem passiert wären. Und an einem dieser vollkommen normalen Abende – fünf Monate und zwei Wochen nach meinem Hochzeitstag – lernte ich dann plötzlich die tatsächliche Liebe meines Lebens kennen.

Diesem Mann war es vollkommen egal, dass ich eine fast dreißigjährige, geschiedene Frau war, die ein paar Katzen hatte.

Es machte ihm nichts aus, dass ich vorsichtig war und momentan noch kein Interesse an einer festen Beziehung hatte. Er wollte nicht, dass ich mich änderte. Er mochte mich genau so, wie ich war.

MARIA KALITINA
Am Ende hat Lauren Wellbank ihr Glück gefunden.

Fünf Jahre und sieben Monate nach diesem verhängnisvollen Hochzeitstag trat ich dann noch einmal vor den Traualtar. Wir sind noch immer sehr zufrieden mit unseren Tellern, einem türkis-weißen Set, das wir bei Target gekauft haben. Und wir benutzen sie jeden Abend, wenn wir mit unseren beiden Töchtern zu Abend essen.

Ich möchte diese Erfahrung jedoch trotzdem niemals ungeschehen machen. Denn schließlich hat sie mich genau dorthin geführt, wo ich immer sein wollte.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

(fk)